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Die Wiesn im Volksfestvergleich Highway to Höllehöllehölle

Auf der Bamberger Sandkerwa und dem Dachauer Volksfest kostet die Maß etwa halb so viel wie auf dem Oktoberfest. Dafür ist sie in München doppelt so voll. Oder? Bayerns Volksfeste im Vergleich: Zahlen, Bilder, gemischte Gefühle.

Von: Michael Kubitza

Stand: 15.09.2015

Festvergleich Wiesn und andere Volksfeste | Bild: picture-alliance/dpa, colourbox.com, Montage BR

Wer es ernst meint mit der Wiesn, muss früh aufstehen. Gleich nach dem Ausschlafen des letzten Wiesnkaters, spätestens Weihnachten: Tisch reservieren! Im März: zweiter Versuch (wieder erfolglos). Mai: Update der Software (Tracht). Neuester Megatrend: traditionell. Juli: Rituelles Aufregen über den Bierpreis (Starten einer Internetpetition?) August: Neueste Handy-Apps checken (30 soll es geben). September: Antivirenprogramm auffrischen (homöopathisch. Je nach Bedarf: Kondome). Letzter, schon aussichtsloser Kampf um ein Einlassband, das meinen Namen trägt.

Denn die Wiesn ist alternativlos. Mal abgesehen von den weit über hundert anderen Volksfesten in Bayern. Und den grob geschätzt zwei Dutzend Oktoberfesten im Rest der Welt. Aber nur das Original hat 6,3 Millionen Besucher. Quingdao, China: Drei Millionen, unter ihnen kein einziger Spieler des FC Bayern. Die Bamberger Sandkerwa: 250.000. Und nur in München kostet der Liter Wasser acht Euro. Pardon: Augsburg und Regensburg können das noch toppen. Aber nur uns Münchnern ist die Maß Bier mehr als einen Zehner wert.

In ist, wer drin ist

Früher Oktober. Stunden später. Ich habe es geschafft.
Hey Baby! Im Darmwindschatten einiger hochbusiger Damen bin ich am diensthabenden Wachpersonal vorbei in ein Zelt (welches?) geschlüpft. Leider ohne die Freunde. Warm eingezwickt zwischen einem Key Account Manager aus Oer-Erkenschwick und einem bedenklich bleich lächelnden Koreaner erhole ich mich bei einem guten Dreiviertelliter Bier vom Kampf ums Dasein. Im Sperrbezirk. Ein Prosit! Über mir tanzt eine kreuzfidele Knöcheltattooträgerin in Pelzstiefelchen zum dritten Mal durch meinen Kartoffelsalat. Durch die Nacht. Die Krüge! Die Handys zum Himmel! Wo meins geblieben ist? Das Ohr ganz dicht an der Band, die keinen Namen trägt. Highway to HölleHölleHölle! Was macht der nette Koreaner denn jetzt? Country Roads! Take mi wieder haaam! Fühl mi da so ... atemlos.

Ein Leben jenseits der Wiesn?

Erinnungsfetzen. Damals in - zum Beispiel: Landshut. Seit 1339 ist hier im Spätsommer Bartlmädult. Hinter mir Bierzelt und Burg, vor mir mächtige Baumkronen und die aus München zu Besuch gekommene Isar. Um mich: alle da. Steckerlfisch und Zuckerwatte riechen zusammen stärker als die gut gefüllten Urinale. Das Taschengeld (knapp) reicht nach zweimal Hupferl und viel Autoscooter noch für eine Maß und ein Paar vertraute Bratwürste.

Münchens Oktoberfest dagegen?

"Eine trotzig-fidele Volkhaftigkeit, korrumpiert ja doch längst von modernem Massenbetrieb"

(Thomas Mann, Doktor Faustus).

Spätestens nach der zweiten Maß: schon schön, alles! Aber das nächste mal vielleicht doch lieber in ....

Was unsere Korrespondenten empfehlen

Straubing

Birgit Fürst liebt die Rosswurst auf dem das Gäubodenfest

Unser Gäubodenvolksfest in Straubing dauert elf Tage und die meisten Straubinger sind jeden Tag da, weil wir überzeugt davon sind, dass es das schönste, bayerischste, ursprünglichste, gemütlichste von allen Volksfesten in Bayern ist.

Das Besondere? Erstens die Freundlichkeit der Leute: Wer sich an einen Biertisch setzt, ist sofort im Gespräch mit den Nachbarn. Griaß Di, Servus. Zweitens die gepflegten Zelte: Bierbänke mit Lehnen z.B. sind Standard. Drittens das Riesenangebot an einheimischen Schmankerln: da gibt’s etwa Steckerlfisch, Rosswurst oder Bayerwaldlamm: Viertens die Musik: Tagsüber gibt’s Blasmusik und abends Party. Fünftens die Begeisterung der Straubinger für ihr Fest. Wer schon als kleines Kind vom Riesenrad aus Festplatz und Altstadt bewundert, im Bierzelt „ein Prosit der Gemütlichkeit“ gesungen, im Kinderkarussell die Glocke im Feuerwehrauto geläutet hat, kann später nicht anders als jeden Tag aufs Gäubodenvolksfest zu gehen. Ein Virus, der uns alle infiziert hat. Einziges Gegenmittel: eine frische Maß und Prost!

Rosenheim

Dagmar Bohrer-Glas besucht gern den Siamstand auf der "Rosenheimer Wiesn"

Die fünfte Jahreszeit in Rosenheim ist seit einigen Tagen vorbei. Und schee war sie wieder, die Rosenheimer Wiesn!!!! Und so friedlich heuer – so das einstimmige Resümee der Wiesnwirte und des BRK.

Die Rosenheimer Wiesn ist eine echte Familienwiesn. Sogar am Wochenende ist es möglich, mittags mit der ganzen Familie einen Tisch in einer der beiden Bierhochburgen zu ergattern. Und es ist eine Wiesn für alle mit Kinder- und Seniorennachmittagen. Auch Menschen mit Handicap sind willkommen. Auch wenn der Trubel in den vergangenen Jahren abends durchaus zugenommen hat: das Rosenheimer Herbstfest ist im Vergleich zum Münchner Oktoberfest einfach gemütlicher und um einiges preiswerter. Und auch wenn das Riesenrad etwas kleiner ist: Alpenpanorama ist hier garantiert!

Eines macht die Rosenheimer Wiesn für den BR in Rosenheim besonders attraktiv: sie ist gleich nebenan, befindet sich das Rosenheimer Korrespondentenbüro doch in direkter Nachbarschaft, in der Herbststraße. Deswegen mache ich mittags oft einen Sprung zur Wiesn, Richtung Thailand - sprich: zum Siamstand.

Volkach am Main

Achim Winkelmann aus dem BR-Studio Würzburg lässt lieber Wein zapfen

Statt sich mit rotgesichtigen Touristen und anderen Neigschmeckten in einem überhitzten, stickigen Zelt zu versammeln und überteuertes Leichtbier in sich hineinzukippen, geht der Franke – respektive Unterfranke – lieber zum Weinfest. Das findet in der Mehrzahl in schattigen Alleen, auf romantischen Marktplätzen und entlang von Innenstadt-Gässchen statt, das größte immer Mitte August in Volkach am Main.

Dort gibt es ein Feuerwerk zur Eröffnung, einen Wunderkerzenabend zum Abschluss und dazwischen ganz viel Atmosphäre mit fränkischen Spezialitäten und erlesenen Weinen. Wer unbedingt auf ein Massen-Volksfest will, geht Mitte Juli zum Würzburger Kiliani. Das ist zwar optisch eine kleinere Oktoberfest-Kopie, allerdings mit Sitzplatz und bezahlbarem Bier. Einziger Nachteil: Seit einigen Jahren nimmt auch dort die Zahl der Lederhosenträger und Dirndlmädchen sprunghaft zu. Aber wir Franken sind da ja einigermaßen "dolerand".

Günzburg

Jenny Schack und die Schönheiten von Günzburg

Günzburg hat die inoffiziell schönste Café-Meile von ganz Schwaben – und einmal im Jahr das schönste Volksfest. Auch hier ist Lederhose Pflicht: Nicht nur, weil es fesch aussieht, auch, weil man sich sonst vom Runterrutschen blutige Finger am Kletterbaum holt. Dass das Günzburger Volksfest etwas besonderes ist, merkt man auch daran, dass wir hier einfach die hübschesten Frauen haben.

Das Wiesn-Playmate 2015 kommt aus dem benachbarten Bibertal. Jessica Kühne zeigt den Oberbayern, was Schwaben zu bieten hat ;). Wir haben sie aber heuer nur ausgeliehen! Außerdem haben hier auch die diesjährigen Playmates Sarah Nowak und Ramona Bernhard schon Biergläser gestemmt, als sie noch dem Rest von Deutschland unbekannt waren. Alles in Allem: Hier gibt´s was zum Gucken und was zum Feiern.

Lohr und Marktheidenfeld

Michael Franz aus dem Studio Nürnberg fährt zum Feiern in den Spessart

Da ich aus dem Spessart komme, sind mir die Volksfeste in dieser Region natürlich näher. Allen voran die Spessart-Festwoche in Lohr - Volksfest im absolut klassischen Sinn - und die Laurenzimesse in Marktheidenfeld, wo es trafitionell so ungefähr alles zu kaufen gibt. Mein Vater, ein Nebenerwerbslandwirt, hat dort all seinen landwirtschaftlichen Bedarf gedeckt - Körbe, Ketten für Kühe, Arbeitskleidung, Lederfett und so weiter. Heute nehmen sich viele extra eine Woche Urlaub, um keinen Tag zu verpassen. Es ist schon beeindruckend, was da für eine Stimmung herrscht – täglich.

Deswegen war ich geradezu erschüttert, als ich im vergangenen Jahr das große Nürnberger Volksfest unter der Woche besuchte. In beiden Festzelten herrschte gähnende Leere. So etwas würde es bei uns nicht geben. In dem größten Zelt gab es nicht einmal was zu essen und man wurde an die Buden auf dem Rummelplatz verwiesen. Erfahrungen, die ihre abschreckende Wirkung bei mir nicht verfehlten …

Galerie: Volksfeste in Bayern


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