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Fall aus Oberbayern Wie durch Kuckuckskinder Familienleben zerstört werden kann

Sie sind eines der letzten Tabus in der modernen Gesellschaft: Kinder, die aus einem Seitensprung stammen, sogenannte Kuckuckskinder. Wird das Geheimnis um ihre Herkunft gelüftet, stehen vor allem die Scheinväter vor einer extrem schwierigen Situation.

Von: Mathias Flasskamp

Stand: 03.04.2018

Bernd Obornik sitzt in seiner Küche und betrachtet ein Foto-Album. Im Blick des 51-Jährigen liegt Wehmut. Die Bilder zeigen eine glückliche junge Familie. Die meisten Aufnahmen sind nur rund sieben Jahre alt, aber ihm kommt es so vor, als stammten sie aus einem anderen Leben.

Die Wahrheit bricht ins Familienleben ein

Bernd Obornik hatte alles, was man sich wünschen kann: Er war beruflich erfolgreich mit dem Bau von extrem detailgetreuen Hubschraubermodellen: eigene Firma, ein schönes Haus, eine Ehefrau und drei Kinder. 2011 aber ändert sich alles schlagartig: Da erfährt er durch Zufall, dass sein jüngster Sohn nicht von ihm ist - ein Kuckuckskind:

"Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen, so was hätte ich nie für möglich gehalten. Ich war in der Situation einfach nur geschockt und total überfordert."

Bernd Obornik

Zunächst versucht er, sich mit seiner Ehefrau auszusprechen, die Ehe zu retten. Aber Zweifel und Misstrauen sickern wie ein Gift in das Leben der jungen Familie und zerstören sie schließlich. Drei Jahre später folgt die Scheidung. Die Mutter behält die Kinder, heiratet kurz darauf einen anderen Mann und verhindert von da an, dass ihr Ex-Mann die drei Kinder, auch seine beiden leiblichen, zu Gesicht bekommt.

Situation macht Familienvater krank

Endlose Streitereien vor Gericht, die Raten fürs Haus, der Druck der Selbständigkeit und das Gefühl, betrogen worden zu sein - das alles ist zu viel für Bernd Obornik, er wird krank. "Ich habe lauter Stress-Krankheiten bekommen: Nierensteine zum Beispiel oder ein Magengeschwür und natürlich extreme Schlafstörungen. Eigentlich war ich immer kerngesund - ich rauche nicht, trinke nicht, treibe viel Sport - aber diese extrem belastende Situation mit dem Kuckuckskind hat das irgendwie ausgelöst", sagt er.

Scheinväter haben kaum Rechte

Bernd Obornik kann nicht mehr arbeiten, verliert zu seiner Familie auch noch Haus und Firma. Als sogenannter Scheinvater hat er jahrelang Ausbildung und Unterhalt für das Kuckuckskind bezahlt. Nur, wenn geklärt ist, wer der tatsächliche Vater ist, könnte er den verklagen. Aber das ist schwierig, wenn die Ehefrau den Namen nicht nennt oder sich nicht erinnern kann - und heimliche Vaterschaftstests auf eigene Faust sind strafbar. Momentan hat er nicht viele Möglichkeiten.

Kein Einzelfall

Fälle wie der von Bernd Obornik sind gar nicht so selten, bestätigt die auf Abstammungsrecht spezialisierte Münchner Rechtsanwältin, Kerstin Aust: "Es gibt gute Statistiken, die zeigen, dass etwa 0,8 bis 0,9 Prozent aller Kinder Kuckuckskinder sind. Bei etwa 600.000 bis 700.000 Geburten pro Jahr in Deutschland sind das immerhin 5.000 bis 6.000 Kuckuckskinder pro Jahr."

2016 sollten in einer Justizreform die Rechte der sogenannten Scheinväter gestärkt werden, aber der Gesetzesentwurf kam nicht durch den Bundestag. Nach Meinung der Anwältin besteht der Reformbedarf  aber weiterhin: "Vor allem müsste ein durchsetzbares Auskunftsrecht des Scheinvaters gegenüber der Ehefrau geschaffen werden. Nur so können diese Männer wenigstens finanziell eine gewisse Genugtuung erhalten, indem sie den tatsächlichen Erzeuger auf Schadenersatz verklagen." Ob die neue Justizministerin, Katharina Barley, das Reformprojekt ihres Vorgängers noch einmal anpackt, ist allerdings offen.

Keine Anlaufstellen für Scheinväter

Ein weiteres Problem: Für Scheinväter gibt es keinerlei Hilfsangebote: Das hat mit dem gesellschaftlichen Tabu zu tun, das Kuckuckskinder noch immer darstellen. Bernd Obornik fühlt sich auch deshalb total alleingelassen: "Bei so einem Fall kann Dir praktisch keiner helfen, Ämter und Behörden behandeln das wie eine normale Scheidung, aber da hängt ja viel mehr dran. Anlaufstellen für Hilfsangebote konnte mir auch keiner nennen, du bist damit völlig auf dich gestellt", sagt er.

Der 51-Jährge will jetzt aus der Not eine Tugend  machen und eine Online-Selbsthilfegruppe für Scheinväter von Kuckuckskindern gründen. Bernd Obornik hat durch den Schicksalsschlag mit dem Kuckuckskind fast alles  verloren - nur nicht seinen Lebensmut.


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