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Wie grün ist unsere smarte Welt? Digitalisierung und ihre ökologischen Folgen

In den Anfängen gab es im Großen und Ganzen nur eMail, Suchmaschinen und Webseiten. Heute gibt es mobiles Internet, wir streamen am Fernseher unsere Lieblingsserien, Autos sind vernetzt und Fitnessarmbänder piepsen uns vor, wann und wie wir uns zu bewegen haben. Von Industrie 4.0 ist die Rede und vom Internet der Dinge. All das verbraucht Unmengen Strom. Aber hilft uns andererseits die Digitalisierung nicht auch, anders zu konsumieren und so - anderenorts - den Stromverbrauch zu senken?

Von: Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 27.02.2018

Mit solchen Fragen beschäftigt sich auch Tilman Santarius. Er ist Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin. Zusammen mit einer Forschungsgruppe hat sich Santarius erstmals an eine Gesamtbilanz der Digitalisierung gewagt.

Notizbuch: Wenn das Internet ein Land wäre, dann würde es in Sachen Stromverbrauch jetzt schon an dritter Stelle stehen hinter China und den USA. Und die Digitalisierung schreitet voran. Ruiniert die Digitalisierung unsere Umwelt?

Tilman Santarius: Das kann man so - ganz pauschal - nicht sagen. Es werden ja allerorten jede Menge Chancen gesehen, mit Hilfe von digitalen Tools und Anwendungen, den Energie- und Ressourcenverbrauch zu verringern. Ich sehe da auch deutliche Bereiche, wo das geht. Insgesamt müssen wir uns natürlich fragen, wenn wir unser Leben, unser Wirtschaften immer stärker durchdigitalisieren, dann kostet das auch Ressourcen und Strom in Nutzung. Und das wieder schlägt negativ zu Buche. Wir müssen am Ende irgendwann einen Strich darunter ziehen und uns fragen, war das Ganze eher zuträglich für all die Nachhaltigkeit oder ist es ein Risiko?

Notizbuch: Der Stromhunger wächst, je mehr Lebensbereiche digital durchdrungen werden. Wie sieht es zum Beisspiel im Währungssektor aus, wenn die Kryptowährungen weiter reüssieren sollten? Was passiert dann?

Tilman Santarius

Tilman Santarius: Das ist ein gutes Beispiel, wo ja manche Menschen Hoffnungen reinsetzen. Mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen könne die Ökonomie stark dezentralisiert werden. Es könne dann irgendwann von Mensch zu Mensch gehandelt werden. Es brauche keine Unternehmen mehr, keine Zentralbanken mehr. Das kann einer regionalen Ökonomie Vorschub leisten. Das wäre wirklich eine tolle Chance. Auf der anderen Seite sehen wir große Risiken. Denn die Berechnung von solchen Kryptowährungen ist extrem energieintensiv. Eine einzige Berechnung von einem Block in dieser Blockchain ist ungefähr zehntausend Mal so energieintensiv wie eine Kreditkarten-Transaktion. Wenn Sie das mal hochrechnen, dann haben Sie horrenden Stromverbrauch schon heute, obwohl die Blockchain ja immer noch in einer Nische agiert. Es wäre also tatsächlich der Ruin für den Planeten, wenn die gesamte Wirtschaft auf Blockchain-Anwendungen basieren würde.

Kryptowährungen lassen den Strombedarf immens steigen

Notizbuch: Das Internet hat auch unser Konsumverhalten ingesamt verändert. Musik und Filme werden gestreamt und online geschaut. Im Internet wird eingekauft. Erhöht auch das den Stromverbrauch?

Tilman Santarius: In der einzelnen Anwendung lässt sich damit Strom sparen. Nehmen wir mal das Streaming von Filmen: das ist bis zu einem Drittel energieeffizienter, als wenn Sie jetzt zu einer Videothek fahren und sich eine DVD dort ausleihen. Übrigens ist das ganz davon abhängig, wie Sie zur Videothek kommen. Wenn Sie mit dem Auto fahren, können Sie mit Streaming noch viel mehr sparen. Wenn Sie zu Fuß sich das Video ausleihen, dann ist die Bilanz beim Streaming nicht ganz so gut. Aber: Sie müssen ja einberechnen, dass durch das Streaming das Filmeschauen so leicht wirklich wird wie noch nie. Und der Filmkonsum geht drastisch in die Höhe. Die Einschaltquoten im Fernsehen gehen nicht runter, aber es kommt eben Streaming von Filmen on top, oben drauf. Und deswegen sparen wir dann am Ende doch nicht ein, sondern der Stromverbrauch wächst weiter an.

Notizbuch: Wie sieht denn die Gegenrechnung jetzt beispielsweise aus, wenn wir Kleidung online kaufen?

Tilman Santarius: Ich bin gar kein Gegner von Online-Shopping. Ich denke, wenn die Lieferverkehre intelligent gebündelt würden, dann müsste nicht mehr jeder Kunde privat mit seinem PKW zum Einkaufszentrum oder zum Klamottenladen fahren. Da ließe sich sicherlich Energie einsparen. Aber es müssten sich zugleich unsere Konsumgewohnheiten ändern. Im Moment ist es so, dass Fashion-Blog, Instagram, Facebook durch personalisierte Werbung im Internet den Kleidungskauf eher anregen. Es wird also mehr Kleidung gekauft. Übrigens wird gerade beim Kleidungskauf im Online-Shopping jedes zweite Paket wieder zurückgeschickt. Also das ist alles negativ auf der Seite der Umweltbilanz. Es wird von alleine nicht funktionieren, sondern es müssen sich die Konsumgewohnheiten auch ändern.

Selbstfahrende Autos sind extrem datenhungrig

Notizbuch: Im Verkehrsbereich gibt es das Car-Sharing, und es gibt vielleicht demnächst auch die selbstfahrenden Taxis in den Großstädten. Es gibt da Szenarien, die sagen, in Ballungsräumen könnten damit bis zu neunzig Prozent der neuen Automobile eingespart werden. Das wäre doch ein Riesenplus für die Digitalisierung.

Tilman Santarius: Tatsächlich bin ich ein großer Anhänger davon, dass immer mehrere Menschen in einem Automobil sitzen - oder besser noch in einem öffentlichen Verkehrsmittel - wie einem Minibus oder einem öffentlichen Bus eben. Da sind große Chancen für die ökologische Verkehrswende. Wenn wir das durchsetzen, auch gerade mit Hilfe von digitalen Tools, die Nutzung von so nutzungsgeteilten und öffentlichen Verkehrsmitteln bequemer und attraktiver machen und auch zeitsparender, dann sehen wir große Chancen. Die andere Frage ist aber die, wenn Sie jetzt einfach nur den bestehenden PKW-Besatz durch selbstfahrende Autos ersetzen, da haben Sie nicht unbedingt etwas gespart. Sondern im Gegenteil: Diese selbstfahrenden Autos sind ja extrem datenhungrig. Ein einzelnes Auto kann gut und gerne 4000 Gigabyte an Daten pro Tag generieren. Und das kostet alles in der Durchleitung und in der Berechnung wieder Strom. Und insofern würde ich an der Stelle sagen: mit der selbstfahrenden Mobilität Vorsicht! Nur wenn sie intelligent genutzt wird, im Zusammenhang mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dann macht das Ganze Sinn.

Notizbuch: Ein letztes Beispiel: Food-Sharing. Werden denn durch die elektronische Technik, durch Apps, durch Teilen beim Food-Sharing Energie und Ressourcen eingespart?

Food-Sharing

Tilman Santarius: Auch hier gibt es ähnlich wie bei der Verkehrswende große Chancen. Mit Hilfe von Internet-Plattformen könnten wir viel leichter alle möglichen Produkte teilen. Auch im Ernährungsbereich können wir Lebensmittel besser teilen. Food-Sharing ist eine ganz tolle App. Ich bezeichne das als eine soziale Innovation, weil es hier erstmals so ist, dass Supermärkte mit Kund*innen koopieren und all die Lebensmittel, die sich nicht mehr verkaufen können, die vielleicht schrumpelig sind oder demnächst ablaufen werden, zum Nullkostenpreis an Nutzergruppen, an sogenannte Food-Saver abgeben. Und die das dann untereinander aufteilen. Das ist ein toller Beitrag zur Verringerung von Nachernteverlusten, so dass wir weniger Lebensmittel wegschmeißen.

Als Gesellschaft müssen wir uns fragen: Welche Digitalisierung wollen wir?

Notizbuch: Das wäre dann doch noch ein positives Beispiel. Aber insgesamt habe ich den Eindruck, die Gesamtbilanz sieht negativ aus. Wenn das so ist, könnte man Regelungen und Absprachen treffen, so dass die digitale Technik nicht zu mehr Stromverbrauch führt?

Tilman Santarius: Ich würde gar nicht sagen, dass die Gesamtbilanz negativ ausfallen MUSS. Es kommt jetzt darauf an, wie steuern und gestalten wir die Digitalisierung. Im Moment laufen wir als Nutzer*innen und gerade die Politik läuft immer der Entwicklung hinterher, die uns oft vom Silicon Valley als das Beste vom Besten versprochen wird. Wir müssen viel aktiver uns als Gesellschaft fragen, welche Digitalisierung wollen wir? Wir wollen Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs, wir wollen, wir brauchen Digitalisierung im Bereich Energiewende, aus dem Konsumbereich das Food-Sharing. Diese Formen der Digitalisierung müssen gefördert werden. Eine blinde Durchdigitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche muss eher mit Hilfe von politischer Regulierung ein wenig eingeschränkt werden. Und dann kann das Ganze am Ende ein wunderbarer Beitrag für Nachhaltigkeit sein.

Zur Person

Tilman Santarius hat Soziologie, Ethnologie und Volkswirtschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Northern Arizona University, Flagstaff USA, und der Freien Universität Berlin studiert und in Sozial- und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Kassel promoviert. Seit 2016 leitet er eine Nachwuchs-Forschungsgruppe zum Thema "Digitalisierung und Nachhaltigkeit" an der Technischen Universität Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Seine Forschungsschwerpunkte sind sozial-ökologische Gesellschaftstransformation, nachhaltige Entwicklung, Welthandel, Globalisierung und transnationale, Ressourcengerechtigkeit, nachhaltiges Wirtschaften, Postwachstumsdebatte, internationale Klimapolitik, Ökosteuern und Emissionshandel.

Kontakt:
Technische Universität Berlin
Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
Marchstraße 23
10587 Berlin 
Webseite von Tilman Santarius


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