305

Stromversorgung Wie ein Blackout Deutschland zum Stillstand brächte

Rund 13 Minuten Stromausfall pro Jahr erleben deutsche Endverbraucher im Durchschnitt, hat die Bundesnetzagentur errechnet. Was aber würde passieren, wenn doch der Strom für längere Zeit ausfällt? In seinem Roman „Blackout“ hat das der Autor Mark Elsberg vor einigen Jahren ausgemalt.

Von: Lorenz Storch

Stand: 12.03.2018

Brennende Kerze vor schwarzem Hintergrund | Bild: picture-alliance/dpa

Dass der Strom ausfällt, kommt hierzulande selten vor. Aber was, wenn es wirklich einmal passieren würde? In seinem Roman "Blackout“ hat das der Autor Mark Elsberg vor einigen Jahren ausgemalt. Sein Szenario ist ziemlich plausibel.

Tag 1: Die meisten Tankstellen sind geschlossen

Wenn der Strom, weg ist, dann wird das so kommen, sagt Detlef Fischer vom Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW): "Die wenigsten Tankstellen sind notstromversorgt. Wenn dann jemand Sprit braucht, dann wird er keinen bekommen.“ Zunächst haben alle noch etwas im Tank. Aber dann bleiben die Autos liegen und Treibstoff ist hoch begehrt, sogar umkämpft. Weil er auch allerorten für die Notstromaggregate gebraucht wird.

Auf den Bahnhöfen herrscht Chaos

Die Deutsche Bahn verfügt für ihre Elektrozüge über ein eigenes Stromnetz, das mit einer speziellen Frequenz gespeist wird. Und Dieselloks gibt es auch. Aber:

"Auch die Bahn nutzt für die Versorgung von Weichen, Signalanlagen, Sicherungssystemen den Strom aus dem ganz normalen Netz. Und wenn der nicht mehr vorhanden sein sollte, kriegt auch die Bahn erhebliche Probleme, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten."

Detlef Fischer, Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW)

Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags hat 2010 eine Studie zum Thema Blackout erstellt ("Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“). Auch sie kommt zum gleichen Ergebnis. Im Bericht heißt es, dass im Sektor Transport und Verkehr die elektrisch betriebenen Elemente der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft und Wasser sofort oder nach wenigen Stunden ausfallen würden. Und weiter: "Zu Brennpunkten werden der Stillstand des Schienenverkehrs und die Blockaden des motorisierten Individual- und öffentlichen Personennahverkehrs in dichtbesiedelten Gebieten. Während der Betrieb in Häfen weitestgehend zum Stillstand kommt, erweisen sich die Flughäfen als relativ robust und durchhaltefähig."

Tag 2: Kein Wasser, keine Klospülung, keine Dusche

Das Trinkwasser fließt aus Hochbehältern durch das Leitungssystem in die Wohnungen – dahinter steht zunächst einmal reine Schwerkraft. Aber:

"In die Hochbehälter kommt das Trinkwasser über Pumpen. Die sind teilweise notstromgesichert, aber nicht alle. Und dadurch kommt es natürlich auch irgendwann zu Einschränkungen in der Wasserversorgung. Vielleicht nicht in den ersten Stunden."

Detlef Fischer, VBEW

Noch bedenklicher für die öffentliche Gesundheit: Sogar die Abwasserkanäle funktionieren nicht ohne Strom. In der Blackout-Studie des Bundestages heißt es dazu: "Wie bei der Wasserversorgung sind auch in der Abwasserentsorgung elektrische Pumpen die neuralgischen Stellen im System. Ihr dauerhaftes Versagen hätte insbesondere für die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser katastrophale Folgen. Auch ist bei einer längeren Dauer des Stromausfalls zu befürchten, dass in Städten Löschwasser so knapp würde, dass Brände und Brandkaskaden nicht effektiv verhindert werden könnten.“

Die Festnetztelefone waren nach Stromausfall sofort tot, jetzt fällt auch der Mobilfunk aus

Früher wurden die Festnetztelefone unabhängig vom Stromnetz direkt durch die Telefonleitung gespeist. Heute braucht jedes Endgerät eine Stromversorgung. Auch die DSL-Modems fürs Internet funktionieren nur mit Strom.

"Natürlich ist es auch so, dass im Mobilfunknetz zwar Einiges notstromgesichert ist, aber eben auch nicht für einen lang andauernden Stromausfall ausgerichtet."

Detlef Fischer, VBEW

Die modernen Kommunikationssysteme und das Internet, mit dem auch mehr und mehr Alltagsgegenstände verbunden werden ("Internet der Dinge“) sind einem großflächigen Stromausfall nicht einmal im Ansatz gewachsen. In der Blackout-Studie des Bundestages heißt es dazu: "Die Folgen eines großräumigen, langfristigen Stromausfalls für Informationstechnik und Telekommunikation müssen als dramatisch eingeschätzt werden. Telekommunikations- und Datendienste fallen teils sofort, spätestens aber nach wenigen Tagen aus."

Auch Fernseher sind normalerweise ohne Stromnetz nicht zu betreiben. Für die Information der Bevölkerung bleiben dann noch im Wesentlichen batteriebetriebene Radios. Die Rundfunkanstalten – wie der BR – würden auch ohne Stromversorgung von außen weiter senden können.

Beheizte Notunterkünfte füllen sich, weil die Menschen daheim im Kalten sitzen

Das beträfe nicht etwa nur die Häuser mit Nachtspeicherheizungen oder Wärmepumpen, so Detlef Fischer vom Verband der bayerischen Energiewirtschaft, sondern auch Gasheizungen: "Da jede Gasheizung meines Wissens irgendwo eine Umwälzpumpe hat, die das warme Wasser in die Heizkörper bringt, haben Sie da auch ein Problem", so Fischer.

Tag 4: Häftlingsaufstände in den Gefängnissen

Auch Gefängnisse haben Notstromversorgungen. Die sind aber alsbald von neuem Treibstoff abhängig. Überdies leiden auch die Justizvollzugsanstalten unter den Problemen mit Wasser und Abwasser. Für ihre Versorgung sind sie generell voll auf Lieferungen von außen abhängig. Wegen der verschärften Sicherheitslage müssten Gefangene dauerhaft eingeschlossen werden. Die Bundestags-Studie kommt deshalb zu dem Schluss: "Insbesondere dann, wenn über die Zeit die Zahl der Häftlinge aufgrund der wachsenden Kriminalität im betroffenen Gebiet (vermehrte Verhaftungen) zunimmt, steigt die Gefahr von Unruhe und Gehorsamsverweigerung unter den Gefangenen. Deshalb muss gegen Ende der ersten Woche aufgrund sich dramatisch verschlechternder Haftbedingungen eine Verlegung der Gefangenen in Betracht gezogen werden“

Tag 5: Bargeldabhebungen auf 100 Euro beschränkt wegen Massenabhebung und Geldscheinmangel in Filialen

Die Grundfunktionen des internationalen Börsen- und Bankensystems sind sehr gut auch gegen einen langen Stromausfall gesichert. Nicht aber die Geldautomaten. Barabhebungen in der Filiale würden möglich bleiben, so die Studie. Die Bürger würden Besorgungen aufschieben. Kritisch wird es, sobald klar wird, dass ein Ende des Stromausfalls nicht absehbar ist. Dann sind Massenabhebungen von Bargeld und Hamsterkäufe zu erwarten.

Tag 9: Dieselnachschub für den Notstrom eines deutschen  Kernkraftwerks kommt zu spät – die Notkühlung im Reaktor versagt

Ein so lange andauernder Stromausfall gehört nicht zu den Auslegungsfällen der Deutschen Kernkraftwerke, sondern man wäre dann im Bereich der Notmaßnahmen, so Detlef Fischer vom VBEW. Für die aber auch Vorsorge getroffen sei – etwa am Standort Isar bei Landshut: "Dort gibt es eben ein kleines Wasserkraftwerk. Das dann eben in einem solchen Fall die Anlage mit Strom versorgen kann", so Fischer.

Tag 13: Strom wieder da

Der Fokus liegt in Deutschland vor allem darauf, großflächige, mehrtägige Stromausfälle zu verhindern.

"Die Stromversorger in Deutschland alles, um einen lang andauernden Blackout zu verhindern."

Detlef Fischer, VBEW

Sollte so ein Ereignis aber doch einmal eintreten – dann wird es tatsächlich ungemütlich. Das Fazit der Bundestags-Studie lautet somit: "Dass bereits nach wenigen Tagen im betroffenen Gebiet die flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung mit (lebens)notwendigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr sicherzustellen ist. Die öffentliche Sicherheit ist gefährdet, der grundgesetzlich verankerten Schutzpflicht für Leib und Leben seiner Bürger kann der Staat nicht mehr gerecht werden. Die Wahrscheinlichkeit eines langandauernden und das Gebiet mehrerer Bundesländer betreffenden Stromausfalls mag gering sein. Träte dieser Fall aber ein, wären die dadurch ausgelösten Folgen selbst durch eine Mobilisierung aller internen und externen Kräfte und Ressourcen nicht beherrschbar, allenfalls zu mildern.“


305