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Profit versus Gesundheit Wenn Kliniken Patienten in die Reha abschieben

Immer öfter entlassen Kliniken Patienten, die noch gar nicht gesund sind. Viele werden direkt in die Reha geschickt. Doch zu frühe Belastung von Wunden kann den Heilungsprozess hinauszögern oder den Gesundheitszustand gar verschlechtern. Doch für Kliniken ist es finanziell nicht lukrativ, sie weiter zu behandeln.

Von: Christina Schmitt

Stand: 21.02.2018

Vor acht Monaten hat der 72-jährige Wolfgang Stögbauer eine neue Hüfte bekommen. Die Übungen beim Physiotherapeuten sollte er mittlerweile gut meistern können. Doch sein Physiotherapeut Helmut Brandl ist nicht zufrieden mit dem Genesungsprozess seines Patienten, er sei nach der OP überfordert worden.

Zu früh in die Reha entlassen

Was ist schief gelaufen? Wolfgang Stögbauer glaubt, dass er das Krankenhaus zu früh verlassen hat: Acht Tage nach der Hüft-OP entlässt der Arzt ihn direkt in eine Reha-Klinik - obwohl es Komplikationen gibt und er noch nicht laufen kann. Eigentlich eine Voraussetzung für eine Reha. Er war noch zu unbeweglich, um sich anzuziehen. Er suchte sich anderweitig Hilfe.

"Dann war da immer das Putzpersonal unterwegs. Und habe die also gebeten, dass sie mir helfen. Und dementsprechend mit kräftigen Trinkgeldern ist das gegangen, dass ich dann täglich von denen Hilfe bekommen habe."

Wolfgang Stögbauer, Patient

Ist die Fallpauschale schuld?

Dass Patienten zu früh in die Rehaklinik kommen und sich überanstrengen, ist laut Physiotherapeut Brandl kein Einzelfall. Es schätzt den Anteil auf 50 bis 60 Prozent. Der Vizepräsident der Landesärztekammer Dr. Andreas Botzlar sagt, einer der Hauptgründe ist die Fallpauschale in den Krankenhäusern.

"Für die Patienten bedeutet das im Zweifelsfall, dass sie relativ zügig durch diese Maschine Krankenhaus durchgepresst werden müssen, weil sich ein längeres Verweilen und sozusagen eine geringere Schlagzahl das Krankenhaus gar nicht leisten kann."

Dr. Andreas Botzlar Vizepräsident der Landesärztekammer Bayern

Kostendruck für die Krankenhäuser

Die Fallpauschale funktioniert so: Ein Patient braucht beispielsweise eine neue Hüfte. Für das Krankenhaus ist er dann ein "Hüftgelenks"-Fall. Dafür bekommt die Klinik von der Krankenkasse eine festgesetzte Geldpauschale. Das Krankenhaus muss mit diesem Betrag die Kosten für die Behandlung decken. Mit der Fallpauschale wird auch ein Mindestaufenthalt festgelegt. Darüber hinaus gilt aber: Je länger die Behandlung, desto weniger bleibt am Ende für das Krankenhaus übrig. Also ein enormer Kostendruck für die Krankenhäuser. Gleichzeitig sind die Rehakliniken auf Patienten, die so früh entlassen werden, nicht eingestellt. Gesundheitsökonom Günther Neubauer sieht hier Nachholbedarf.

"Nicht alle Rehakliniken haben die Möglichkeit, Patienten liegend zu versorgen. Und von daher ist es notwendig, dass die Rehakliniken stärker ihre Fähigkeit ausweisen."

Professor Günther Neubauer, Institut für Gesundheitsökonomik München

Überforderte Reha-Klinik

In Wolfgang Stögbauers Fall hat das Krankenhaus eine herkömmliche Reha empfohlen. Er war in einer Reha-Klinik in Bad Griesbach, die auf seine Pflegebedürftigkeit nicht eingestellt war.

"Was die Pflege betrifft, da waren die natürlich überfordert. Also die sind eigentlich auf andere Leute eingerichtet. Die eigentlich schon gesund sind und dann zur Kur gehen."

Wolfgang Stögbauer, Patient

Stögbauer wurde offensichtlich zu früh aus dem Krankenhaus entlassen. Ein Fall der zeigt: Wenn Profit im Vordergrund steht, bleibt die Gesundheit der Patienten auf der Strecke und Menschen wie Wolfgang Stögbauer sind die Leidtragenden.


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