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Kinder von Salafisten Was tun, damit der IS keinen Nachwuchs bekommt?

Sie sind Kinder, haben aber schon IS-Propaganda-Videos gesehen und waren vielleicht sogar selbst im IS-Gebiet: Verfassungsschutz-Chef Maaßen warnt vor einer neuen Dschihadisten-Generation. Was gibt es für Gegenmaßnahmen?

Von: Joseph Röhmel

Stand: 20.10.2017 | Archiv

IS-Kindersoldat | Bild: pa/dpa/Uncredited

Sie schauen auf ihren Handys IS-Propaganda-Videos und bezeichnen den Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin als 'völlig legitim', der Attentäter solle seine Belohnung im Paradies bekommen: Kinder aus einem salafistischen Umfeld fallen zunehmend in deutschen Klassenzimmern auf. Laut der Radikalisierungshotline im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben sich in den vergangenen Monaten vermehrt Lehrer und Schulpsychologen gemeldet. Die Hotline vermittelt Fälle an Beratungsstellen, die sich direkt vor Ort in ganz Deutschland um solche Kinder und deren Familien kümmern. Zum Beispiel der auch in Bayern aktive Verein Violence Prevention Network (VPN).

Der wissenschaftliche Leiter von VPN, Jan Buschbom, sagt, dass es gar nicht so einfach sei, an radikalisierte Familien heranzukommen. Aus seiner Sicht sind Schulen, Kindergärten und auch die Kinder- und Jugendhilfe gefragt: "Man muss da ansetzen, wo die Familien mehr oder weniger gezwungen Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft haben."

IS-Unterstützer verhaftet

Wächst hier eine Generation von Hasskindern heran? Auch der bayerische Verfassungsschutz-Präsident Burkhard Körner macht sich Gedanken:

"In diesem Bereich haben wir bisher noch relativ wenig Erfahrungen. Es gibt einzelne Fälle an Schulen, wo sich Kinder beispielsweise salafistisch gegenüber Schulkammeraden äußern. Allerdings wissen wir da noch nicht: Ist das nur ein Nachplappern oder führt das möglicherweise auch bei den Kindern in eine Radikalisierung?"

Burkhard Körner, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz

Ein Fall aus Bayern wurde bekannt, als ein mutmaßlicher IS-Unterstützer verhaftet wurde. Laut Generalstaatsanwaltschaft München wollte er aus dem siebenjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin einen Kindersoldaten machen. Er habe ihn körperlich gezüchtigt und ihm Propagandavideos gezeigt.

"Hier geht es um Krieg"

In Frankfurt am Main erleben die Sicherheitsbehörden derartige Fälle häufiger. Schon vor einem Jahr berichtete der Leiter des Frankfurter Staatsschutzes, Wolfgang Trusheim:

"Hier geht es um Krieg. Hier geht es darum, dass bereits Kinder indoktriniert werden. Die davon bereits in der Grundschule phantasieren, dass sie, wenn sie erwachsen sind, in den Dschihad ziehen wollen, um Ungläubige umzubringen."

Wolfgang Trusheim, Leiter des Staatsschutzes der Frankfurter Polizei, in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 2016

Was tun mit Kindern von Heimkehrern vom Dschihad?

Im Sommer 2014 hat Nadja Ramadan, damals Ende 20 und gebürtige Landshuterin, Deutschland verlassen und ist nach Syrien in die IS-Hauptstadt Rakka gereist. Sie wollte in einem islamischen Land leben. Im IS-Gebiet hat sie drei Kinder geboren. Eines starb kurz nach der Geburt. Als die Terrormiliz immer mehr zurückgedrängt wurde, musste Nadja Ramadan flüchten und landete schließlich in einem kurdischen Internierungslager. In einem Video der Wochenzeitung Die Zeit bittet sie Kanzlerin Angela Merkel um Hilfe. Sie wolle zurück. Ihre Kinder sollten ganz normal aufwachsen.

Körner: "Radikalisierte Kinder uneingeschränkt beobachten"

Laut Auswärtigem Amt soll Nadja Ramadan tatsächlich nach Deutschland zurückkehren - bisher ein Einzelfall. Aber laut Bundesamt für Verfassungsschutz ist es durchaus vorstellbar, dass in den kommenden Monaten noch mehr deutsche Frauen aus dem IS-Gebiet heimkehren, gemeinsam mit ihren Kindern, die ihre ersten prägenden Lebensjahre bei einer Terrorgruppe verbracht haben. "Wir sehen die Gefahr, dass Kinder von Dschihadisten islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückkehren", sagt Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen.

Eine Herausforderung für Beratungsstellen und Sicherheitsbehörden - gerade, weil es kaum Erfahrungen gibt, wie man ihnen helfen kann. Burkhard Körner, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz, will sich noch nicht festlegen, ob bei Kindern durch Erlebnisse im Kriegsgebiet tatsächlich Radikalisierungsprozesse eingeleitet wurden. Körner denkt aber auch an den Fall, sollte sich ein Minderjähriger tatsächlich im Umfeld militanter Salafisten bewegen. Diese radikalisierten Kinder sollten aus seiner Sicht uneingeschränkt vom Verfassungsschutz beobachtet werden dürfen. In manchen Bundesländern liegt die Altersgrenze bei 14 Jahren. Laut Körner wäre es besser, diese Grenze deutschlandweit fallen zu lassen, wie es auch in Bayern der Fall ist.

"Dies ermöglicht uns nicht nur sicherheitsbehördlich diese Kinder im Blick zu behalten, sondern dies ermöglicht uns natürlich auch, unsere Erkenntnisse an andere Behörden – an Sozialbehörden, an Jugendbehörden, an Schulen usw. weiter zu geben, um hier ein präventives Tätigwerden auch dieser Institutionen zu ermöglichen."

Burkhard Körner, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz

Psychologin: "Diese Kinder brauchen eine Perspektive"

Die Ausreise zu einer ausländischen Terrorgruppe ist eine Straftat. Die IS-Sympathisantin Nadja Ramadan könnte also in Deutschland ein Prozess erwarten. Aber was passiert mit denjenigen, die traumatisiert und vor allem unschuldig sind? Die Psychologin Marianne Rauwald vom Frankfurter Traumaiinstitut betreut Kinder, die mit ihren Eltern bei Terrorgruppen wie dem IS waren. Diese Kinder haben grauenvolle Dinge erlebt. Diese Kinder, sagt Rauwald, brauchen eine Perspektive. Sie müssen das Gefühl haben, dass die Gesellschaft sie aufnimmt.

"Wenn man so Furchtbares erlebt hat, wie diese Kinder und Jugendlichen, braucht es sehr viel Zeit, um hier anzukommen. Die Frage, ob das auf der Flucht passiert ist, oder weil die Eltern in den Dschihad gezogen sind, spielt da weniger eine Rolle."

Marianne Rauwald, Psychologin

Die schlechten Gedanken müssen raus aus den Köpfen. Deshalb wird es auch Aufgabe von Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern sein, diesen Menschen die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Aber niemand weiß, was aus diesen Kindern wird.


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Marc , Samstag, 21.Oktober, 20:40 Uhr

4. Islam gehört zu Deutschland.

Islam gehört zu Deutschland, die Islamisten und Salafisten auch. Wenn das die Politiker und ihre Wähler so wollen.

Erich , Samstag, 21.Oktober, 17:36 Uhr

3. Wir sollten toleranter sein

sonst ist man Rechtspopulist.

  • Antwort von Atze, Samstag, 21.Oktober, 18:37 Uhr

    @Erich:
    Es fängt ja schon bei der Erziehung im Elternhaus an, da werden die Grundlagen gelegt.
    Indoktrinierende Erziehung zum IS kann verheerende Auswirkungen haben, dazu vielleicht noch autoritäre Eltern, die schlagen, wo die Jugendlichen das Weite suchen....
    Deshalb ist Toleranz das falsche Wort.

babs, Samstag, 21.Oktober, 17:03 Uhr

2. Kinder und IS

ich denke das wird schwierig bis unmöglich das zu verhindern. Kinder und Jugendliche auf den Weg ins Leben zu begleiten ist nicht einfach.
Als junger Mensch muss man diesen Weg erstmal finden, mich erinnert das auch an meine Kindheit und Jugend da gabs auch eine Zeit der Orientierungslosigkeit, zu der Zeit war es schon ein Unding sich mit den *Mopedrockern* rum zu treiben. Zwei Burschen die ich kannte suchten den Kick in der Fremdenlegion, einer lebt noch. Heute ist die Welt wesentlich komplizierter und auch gefährlicher. Wenn dann auch noch Eltern verantwortlich sind die selbst einen Sprung in der Schüssel haben ergeben sich solche Lebensläufe. Es ist wirklich schade denn kein Kind kommt als schlechter Mensch auf die Welt egal ob in Europa, Nahen Osten oder sonstwo. Ich weiss ehrlich gesagt nicht ob man da so einfach mit Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern gegensteuern kann, teilweise bestimmt ja. Der Rest ist einfach Risiko. Ob dessen bin ich ratlos.

Atze, Samstag, 21.Oktober, 16:24 Uhr

1. Unterschiede?

Kürzlich las ich eine Untersuchung einer Psychologin, die die Folgen des 2. Weltkrieges bei den Kindern, die jetzt Erwachsene sind, im vorgerückten Alter, wissenschaftlich belegte.
Es gibt also durchaus Studien, die Auswirkungen von Gewalt und Terror, Hunger und Vertreibung usw. bei Kindern schildern.
Ich glaube aber, es ist auch noch ein Unterschied, ob diese Kinder passiv dem Chaos ausgesetzt waren, oder selbst die Waffe in der Hand hatten. Das heisst nur, dass es dann sicher anders ist, die Bewältigung sicher schwer ist.
Denn in jedem Fall ist es ein Missbrauch von Kindern.Bei Jugendlichen kommt für mich auch ihre Schuld ins Spiel, da kann man nicht gleich zur Tagesordnung übergehen.