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Versandrepublik Deutschland Gläserne Kunden im Shopping-Fieber

Gerade jetzt zur Weihnachtszeit boomt der Online-Handel: Einkaufen per Mausklick rund um die Uhr, egal wo wir sind, ist oft scheinbar günstiger als im Laden. Doch das Ganze hat seinen Preis. Paketzusteller am Limit, gestresste Versandhändler und gläserne Kunden: Was kostet die schöne bunte Online-Shoppingwelt unsere Gesellschaft?

Von: Anna Klühspies und Niklas Nau

Stand: 13.12.2017

Morgens, kurz vor sieben im DHL Zustellzentrum Nürnberg Fürth, Dienstbeginn für Paketzusteller Taner Rösl. Über 300 Pakete muss er heute in seinem Bezirk ausliefern, knapp elf Stunden hat er dafür Zeit. In der Vorwoche gab es Sonderangebote bei Amazon, und das Weihnachtsshopping läuft bereits auf Hochtouren.

"Das ist wie mit den Lebkuchen, das beginnt auch immer früher. So ist es mit den Paketzustellungen. Immer früher, und es soll immer schneller gehen."

Taner Rösl, DHL Paketzusteller

Fahrer und Logistikzentren sind am Limit

Nicht nur zu Weihnachten: Die Deutschen shoppen mittlerweile so viel, dass die Branche kaum nachkommt. Fahrer und Logistikzentren sind am Limit.

Die Deutschen kaufen immer mehr online: 2016 lag der Umsatz im Online-Handel bei 52,7 Milliarden Euro, für 2017 wird ein Umsatz von 58,5 Milliarden Euro erwartet. Die Auswirkungen spüren nicht nur Paketzusteller wie Taner, sondern unter anderem auch die großen Logistikzentren der DHL. Im Paketzentrum Feucht laufen in der Vorweihnachtszeit knapp 600.000 Pakete über das Band. Pro Nacht. Alle arbeiten am Anschlag, erklärt der Leiter des Paketzentrums, André Wistuba.

"Man darf sich jetzt keinen Ausrutscher erlauben, jede Schicht muss nahezu perfekt laufen. Es ist in der Halle alles durchgetaktet, die Mitarbeiter müssen da sein, die Maschinen müssen funktionieren. Man hat wenig Chancen, Stillstand der Anlage oder Personalausfälle wieder aufzuarbeiten."

André Wistuba, Leiter des Paketzentrums Nürnberg Fürth

Im Dauerstress: DHL Paketzusteller Taner Rösl

Im Jahr 2007 wurden über die deutsche Post noch zwei Millionen Pakete pro Tag geliefert. 2017 sind es schon doppelt so viele. Jetzt im Vorweihnachtsgeschäft rechnet alleine die deutsche Post mit rund 8,5 Millionen Paketen - pro Tag. Mehr Pakete bedeutet auch für Zusteller Taner Rösl mehr Druck.

"Früher hieß es so ein ungeschriebenes Gesetz, ein guter Zusteller schafft 20 Pakete in der Stunde. Das kannst du vergessen, heute muss er mindestens 30 schaffen, mindestens."

Taner Rösl, DHL Paketzusteller

Taner stellt seine Pakete deshalb quasi im Dauerlauf zu. Jeden Tag läuft er so zusammengerechnet einen Halbmarathon. Er macht das freiwillig: keine Pause, nichts zu essen oder zu trinken. Das ist zwar gut für Firma und Kunden, die Kollegen schütteln aber häufig den Kopf.

Das Online-Shopping hat Folgen für jeden

Professorin Sarah Spiekermann, Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Wirtschaftsuniversität Wien

Das Online-Shopping hat eine Menge Vorteile: Riesenauswahl, kein Gedränge im Laden, geliefert wird oft kostenlos. Die Deutschen shoppen aber mittlerweile so viel, dass die Branche kaum mehr nachkommt. Fahrer und Logistikzentren sind am Limit, Kunden immer öfter genervt. Doch der Preis, den Kunden tatsächlich dafür zahlen, ist viel höher als gelegentlicher Ärger über ein verspätetes Paket: An der Wirtschaftsuniversität Wien beschäftigt sich Professorin Sarah Spiekermann seit langem mit den Datenspuren, die wir im Internet hinterlassen:

"Wir geben im Prinzip alles von uns Preis. Und das Interessante ist aber, dass wir es nicht merken. Jeder Kauf wird aufgezeichnet und ausgewertet."

Professorin Sarah Spiekermann, Wirtschaftsuniversität Wien

Paradies für Datensammler

Und sie sieht noch ein ganz anderes Problem: Das Netz vergisst nichts. Kaufen wir bei Unternehmen, die unsere Kundendaten weitergeben, dann können diese Informationen am Ende sogar bei potentiellen Arbeitgebern oder Versicherungen landen.

"Es kann durchaus sein, dass das Interesse an einem Krebsbuch ein Indikator dafür ist, dass Sie vielleicht ein Gesundheitsrisiko für eine Versicherung darstellen. Natürlich wird das im Hintergrund auch damit gepoolt, ob Sie sich auch auf verschiedenen Plattformen über Krebs informiert haben. Das kann man alles abgleichen, das wird man auch tun. Aber wenn Sie sich über einen gewissen Zeitraum immer wieder nach Krebs erkundigen, auch über einen gewissen Typus von Krebs, dann geht das durchaus in Ihr Profil ein."

Professorin Sarah Spiekermann, Wirtschaftsuniversität Wien

Das Netz vergisst nichts. Und das Datensammeln hört nicht beim Online-Shopping auf.

Das Datensammeln hört also nicht beim Onlineshopping auf. Welche Seiten besuchen wir, wo bewegen wir uns, wofür benutzen wir unsere Kreditkarte? Die digitale Vermessung von Bürgern ist bald allumfassend - Shopping-Daten sind da nur ein Mosaikstein. So selbstverständlich, einfach und billig Online-Shopping mittlerweile ist, so sehr offenbart ein Blick hinter die Kulissen, dass all dies doch einen Preis hat. Auch für uns selbst.


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