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Verdrängtes Leid Medikamententests an Heimkindern

Gewalt, Missbrauch, Zwang – viele ehemalige Heimkinder mussten das ertragen. Nun gibt es Belege, dass Heimkinder auch für medizinische Tests herangezogen wurden. Die bayerischen Grünen fordern einen neuen Runden Tisch.

Von: Christiane Hawranek und Simon Plentinger

Stand: 08.12.2017

"Souvenir des Abgrunds" – das hat Alexa Whiteman auf den blauen Aktenordner geschrieben, in dem sie Dokumente aus ihrer Zeit in Kinderheimen in Würzburg gesammelt hat. Anfang der 1960er Jahre kam sie ins Heim, als Baby, an ihrem fünften Lebenstag. Schon als Fünfjährige bekam sie Psychopharmaka, etwa Aolept, ein Medikament von Bayer, das heute nicht mehr auf dem Markt ist und damals unter anderem bei "schizophrenen Psychosen“ eingesetzt wurde.

"Wie kann es sein, dass ein fünfjähriges Kind Schizophrenie hat? Leuchtet mir nicht ein. Das müssen Hämmer gewesen sein ohne Ende. Ich habe in den Akten, dass ich ziemlich unruhig war. Ein lebhaftes, wohl unterernährtes Kind."

Alexa Whiteman, ehemaliges Heimkind

Alexa Whiteman als Kleinkind mit ihrer Mutter

In ihrer Kindheit im Heim fühlte sie sich dem Personal - den Nonnen - ausgeliefert; und auch Ärzten. In den Akten der heute 56-Jährigen stehen verschiedene Medikamente, die sie als Kind über Jahre zum Ruhigstellen  bekam - unter Zwang, wie sie sagt.

"Den roten Faden kann ich verfolgen, bis ich 15 war in den Akten, die natürlich nicht vollständig sind, weil einige Krankenakten fehlen."

Alexa Whiteman, ehemaliges Heimkind

Es fehlt zum Beispiel ihr Impfbuch. Heute fragt sich Alexa Whiteman, ob sie auch Arzneimittel zu Testzwecken bekommen hat, als Teil eines Experiments.

Heimkinder als "leicht verfügbares Material"

Die Pharmazeutin Sylvia Wagner

Dass Medikamententests mit Heimkindern in den 1950er bis in die 1970er Jahre in Deutschland stattgefunden haben, zeigt eine wissenschaftliche Arbeit der Pharmazeutin Sylvia Wagner. Sie hat Nachweise für etwa 50 Testreihen in ganz Deutschland gefunden, darunter auch Impf-Studien und Tests mit Psychopharmaka in Bayern.

"Man hat die Heimkinder dafür benutzt, für die Untersuchungen, sie waren eben leicht verfügbares in Anführungsstrichen Material, sie waren Menschen zweiter Klasse."

Sylvia Wagner, Pharmazeutin

Erst seit dem deutschen Arzneimittelgesetz von 1976 gilt ein vorgeschriebenes Zulassungsverfahren für neue Medikamente.

Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller schreibt auf Anfrage, man habe "keine Informationen" zum Thema Medikamententests an Heimkindern und verweist auf das deutsche Arzneimittelgesetz von 1976. Erst seitdem gilt ein vorgeschriebenes Zulassungsverfahren für neue Medikamente. Aber Medizinethische Grundsätze wie den Nürnberger Kodex gab es schon in der Nachkriegszeit; sie besagen: Für medizinische Versuche braucht es eine Einwilligung. Der Düsseldorfer Medizinhistoriker Professor Heiner Fangerau erforscht zurzeit "Unrecht und Leid" von ehemaligen Heimkindern in Behindertenheimen und Psychiatrie in einer bundesweiten Studie.

"Dass die Kinder nach ihrem Einverständnis gefragt worden sind, Hinweise darauf finden wir gerade nicht. Es ist so, dass Experimente an Kindern in den Einrichtungen schon damals gegen das, was in der ärztlichen Ethik Standard war, verstoßen haben."

Prof. Heiner Fangerau, Medizinhistoriker, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Aufklärung über die medizinischen Versuche gefordert

Fonds für ehemalige Heimkinder

Die Stiftung Anerkennung und Hilfe richtet sich an Menschen, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in psychiatrischen Einrichtungen Leid und Unrecht erlitten haben. Menschen, die dort zwischen 1949 und 1975 untergebracht waren, können Leistungen beantragen.

Unklar sei momentan noch: Ging es bei den Experimenten darum, kranken Heimkindern mit neuen Präparaten zu helfen? Oder wollten die Ärzte vor allem Nebenwirkungen und Dosierungen herausfinden? In einer noch unveröffentlichten Antwort auf eine Anfrage der Grünen an die Bayerische Staatsregierung, die BR Recherche vorliegt, heißt es: Es sei nur ein einziger dokumentierter Fall eines Heimkindes bekannt, an dem ein Medikament getestet wurde. Insgesamt lebten zwischen 1950 und 1980 etwa 130.000 Menschen in bayerischen Kinderheimen.

"Bei all diesen Kindern und Jugendlichen, wenn nur einem Bruchteil Medikamententests unterzogen wurde, die auch gefährlich waren für die Beteiligten, dann glaube ich sicher, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist. Aber das Thema unter den Teppich zu kehren, und zu sagen: Wir haben keine eigenen Erkenntnisse, das ist unwürdig für die Opfer."

Kerstin Celina, sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag

Deshalb fordern die Grünen einen Runden Tisch zu Medikamentenmissbrauch und –tests in Kinderheimen, um mögliches Unrecht aufklären. Die bayerische Staatsregierung erklärt nur allgemein, sie möchte das Thema "im Blick behalten".

Wie kam früher ein Medikament auf den Markt?

In den 1950er und 1960er Jahren mussten Pharmaunternehmen lediglich Berichte über Labortests und Prüfungen bei einzelnen Patienten vorlegen. Dann kamen die Medikamente auf den Markt. Dosierungen und weitere Anwendungsmöglichkeiten wurden oft erst danach in der Praxis ausgetestet – auch bei Kindern. Das belegen wissenschaftliche Aufsätze aus dieser Zeit. Erst ab 1964, als Folge des Contergan-Skandals, wurden von den Pharmaunternehmen Studien verlangt. Ein vorgeschriebenes Zulassungsverfahren für Medikamente gilt erst seit dem Arzneimittelgesetz von 1976. Medizinethische Grundsätze gibt es aber schon länger: So sollen sich Ärzte zum Beispiel seit 1947 an den sogenannten "Nürnberg Kodex" halten. Der verlangt, dass Patienten stets in Medikamentenversuche einwilligen müssen und nicht dazu gezwungen werden dürfen.


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Heinisch Brigitte , Samstag, 09.Dezember, 17:15 Uhr

7. Medikamententest an Schwangeren

In der ehemaligen DDR wurden an 293 Schwangeren darunter 2 Minderjährige Medikamententest mit Cerutil Wirkstoff Meclofenoxat hochdosiert durchgeführt.
Ende der 80 er Jahre. Das ist dem Bundesgesundheitsministerium bekannt und wird ausgesessen. Das ist alles Schnee von gestern.
Sofortrente und Schmerzensgeld für die Betroffenen ist das mindeste. Alles andere ist Verhöhnung und Demütigung.

Egil Reeg, Sonntag, 03.Dezember, 19:51 Uhr

6. Heimkind

Von 1949 bis 1957 lebte ich im Städtischen Kinderheim in Weilheim/Oberbayern, das von katholischen Ordensschwestern geführt wurde. Ab 1957 war ich dann in einem weltlichen Schülerheim in München untergebracht. Dort fühlte ich mich - da noch viel zu jung für allzu selbständiges Handeln - oftmals alleingelassen und durfte nachträglich erkennen, wie wohlumsorgt ich bei den katholischen Schwestern meine Kindheit verbrachte. Vor allem im Krankheitsfalle wurde ich offensichtlich bestmöglich behandelt; sonst könnte ich heute mit 74 nicht so kraftstrotzend dastehen. Ich kann also nichts Nachteiliges über meine Kinderheim-Zeit sagen.

Astrid Alisch, Freitag, 01.Dezember, 14:43 Uhr

5. Fonds ehem. Heimkinder

es zahlt niemand Geld. Dieses ist alles profilneurotisches Gerede.
Könnte aber auch sein, das manche ehem. Himkinder oder Trittbrettfahrer die Institutionen erpressen oder die Intitutionen auf schlechte Volk reinfallen und die ehrlichen Heimkinder lehr ausgehen

Brandecker, Donnerstag, 30.November, 15:19 Uhr

4. Kommentar von "Jurek W."

Sehr geehrte BR-Redaktion, ich kann nicht nachvollziehen, daß Kommentar Nr. 3 (von "Jurek W.") von Ihnen zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Er ist unsachlich (kein Bezug zum Inhalt des Artikels) und diffamierend. Ich bitte Sie dringend, Ihr Prüfverfahren zu überprüfen. Mit freundlichen Grüßen, Thomas Brandecker.

Jurek W., Mittwoch, 29.November, 16:40 Uhr

3. Rückwärts immer, vorwärts nimmer!

Tja die Grünen. Die leben ja bevorzugt in der Vergangenheit, mehrheitlich in den Jahren 33 - 39. Und kommen irgendwie nicht mehr heraus, genau wie die Linken, die sich permanent, trotz ihres Aufenthaltes in einer Wohlstandsblase, von Nazis umzingelt fühlen, obwohl diese Zeiten glücklicherweise vorbei sind, wenn auch nicht vergessen. Und wenn sie doch mal davon Urlaub nehmen, gegen den rechten Riesen Tur Tur anzukämpfen, dann muss es eben trotzdem was Schlimmes aus der Vergangenheit sein...

  • Antwort von werner schote, Mittwoch, 29.November, 17:30 Uhr

    Was hat Ihr Kommentar mit dem Vorgang zu tun? Außerdem handelt es sich um die Fünfziger Jahre und danach

  • Antwort von Wolf, Mittwoch, 29.November, 18:04 Uhr

    Wer immer die rechte Gefahr als "Scheinriese" verharmlost,dem kann man auch nur scheinbare Intelligenz unterstellen....oder Bosheit ...übrigens,Michael Ende rotiert im Grab wenn ihr seine erfundenen Figuren für euren Bullshitt missbraucht. Aber euch könnte man durchaus als die "Grauen Männer" bezeichnen.

  • Antwort von Leonia, Mittwoch, 29.November, 18:38 Uhr

    Völlig unsinniges Grünen-Bashing, dabei geht es hier um mögliche Menschenversuche an anvertrauten Kindern und Kleinkindern, bei denen durchaus auch mögliche Spätschäden eine Rolle spielen könnten. Was das mit Rückwärtsgewandtheit zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht.

  • Antwort von es gibt schon ekelerregende Menschen, Donnerstag, 30.November, 05:44 Uhr

    @ J. W.: Sie verharmlosen also illegale Medikamentenversuche an Menschen. Dies lässt bei ihnen tief blicken! Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
    Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

  • Antwort von Wolfgang, Donnerstag, 30.November, 07:55 Uhr

    Ja, Würde der anvertrauten Kinder, das ist zutreffend. Diese Kinder sind aber ein kollektiv, und zum Wohle aller Kinder des Kollektiv ist es nun mal nötig im Rahmen von Studien auch neue Medikamente zu prüfen an wenigen des Kollektives.

    Studien an einigen Kindern in Heimen zuzstimmen ist keinesfalls Machtmißbrauch der Sorgeberechtigten oder Jugendämter sondern geboten im Rahmen der Fürsorgepflicht aller anvertrauten Kinder.

  • Antwort von Alisch, Freitag, 01.Dezember, 15:01 Uhr

    An Wolfgang;
    das kann doch nicht ihr ernst sein, dass sie diesen Missbrauch von Medikamenten entschuldigen.
    Dann müssen diese Kinder, zu deren Wohl getestet wird, halt verzichten gesund zu werden. Es wird mit vielen Dingen experimentiert und dieses nur, weil es den Menschen zu gut geht und sie alles haben wollen, was sie sonst nicht bekommen können

    nur damit kinderlose Kinder bekommen
    etwas zur Unsterblichkeit
    Medikamente gegen Krebs
    Allzheimer und anderes