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Seltener Rollentausch Väter zwischen Kind und Karriere

Mütter, die nach der Geburt ein Jahr und länger zuhause bleiben – normal. Aber Väter? Länger als zwei Monate? Eher die Ausnahme. Die Rollen in Deutschland sind immer noch klar verteilt. Obwohl die Politik sich andere Ziele gesetzt hat.

Von: Lisa Schurr & Kristina Weber

Stand: 26.04.2016

Vater und Sohn - Nase an Nase | Bild: colourbox.com

Als sich um halb sechs am Abend bei Familie Kaiser-Veit der Schlüssel im Schloss dreht, ist die zehn Monate alte Lucia auf einmal ganz aufgeregt. Ihre Mutter kommt von ihrem ersten Arbeitstag zurück. Bisher war sie für Lucia zuständig, an diesem Montag hat Vater Marcus Kind und Haushalt übernommen. "Habt ihr mich vermisst?", will Marianne Veit wissen, als sie ihre Tochter in die Arme schließt und "hat alles geklappt?". 

Rollentausch – von der Politik gewollt, aber nur selten praktiziert

Das Kind hat zwei Fleischpflanzerl mit Kartoffeln gegessen, zur richtigen Zeit geschlafen und kaum geschrien – klar ist mit Lucia alles gut gegangen, erzählt Vater Marcus, auch wenn er sich am Morgen seines ersten Tages noch nicht ganz so sicher war. Marcus Kaiser ist 39 Jahre alt, IT-Berater und jetzt für mindestens vier Monate Vollzeitvater. Damit ist er eine Ausnahme. Denn obwohl die Politik Väter zu mehr Zeit mit ihren Kindern animieren will, entscheidet sich kaum ein Mann für eine längere Pause vom Job. Die meisten Väter nehmen mit zwei Monaten Elternzeit gerade mal das notwendige Minimum, damit der Staat 14 statt zwölf Monate Elterngeld bezahlt.

Beliebteste Fördermaßnahme für Familien: Elterngeld und Elterngeld Plus

Elterngeld

Das Elterngeld ist eine einkommensabhängige familienpolitische Leistung. Zwölf Monate können Familien das Elterngeld nach der Geburt beziehen – bleibt der berufstätige Partner zusätzlich zwei Monate zu Hause, verlängert sich der Bezug auf 14 Monate. Damit hat die Politik einen Anreiz geschaffen, dass auch Väter für die Kinder pausieren. Die Höhe des Elterngelds richtet sich nach dem letzten Verdienst der jeweiligen Elternteile. Es liegt bei Nettoeinkommen zwischen 1.000 und 1.200 Euro bei 67 Prozent des wegfallenden Nettoeinkommens, bei höheren Einkommen ist es auf 1.800 Euro im Monat begrenzt. Das Mindestelterngeld von 300 Euro erhalten auch nicht berufstätige Mütter oder Väter. Jeder dritte Vater beantragt inzwischen Elterngeld. 78 Prozent dieser Väter beantragen aber nur das Minimum von zwei Monaten.

Elterngeld Plus

Eltern, deren Kinder nach Juli 2015 geboren sind, haben die Möglichkeit Elterngeld Plus zu beantragen. Damit unterstützt der Staat Eltern, die beide in Teilzeit wieder einsteigen. Das Elterngeld plus erlaubt es, die staatliche Familienförderung auf 24 Monate zu strecken. In Teilzeit berufstätige Väter und Mütter bekommen dann aber nur den halben Monatssatz ausbezahlt und müssen beide genau zwischen 25 und 30 Stunden in der Woche arbeiten. Die Regelung ist rigide. Sobald ein Elternteil diese Zeit unter- oder überschreitet, muss das Geld an den Staat zurück gezahlt werden. Im dritten Quartal 2016 haben 18,3 Prozent aller berechtigten Eltern einen Antrag auf die neue staatliche Teilzeit-Unterstützung gestellt.

Der Vater zuhause bei den Kindern – das kann sich nicht jede Familie leisten

Marcus Kaiser verdient mehr als seine Freundin. Was das anbelangt ist Familie Kaiser-Veit keine Ausnahme. Männer verdienen in Deutschland im Schnitt 22 Prozent mehr als Frauen. Wenn Marcus Kaiser statt seiner Partnerin bei der gemeinsamen Tochter zuhause bleibt, muss die junge Familie deshalb mit weniger Geld auskommen. Trotzdem haben sie sich so entschieden.

"Ich finde es nur fair. Meine Freundin verzichtet auch auf einen Teil ihres Einkommens, warum soll das nur sie tun? Mir geht es nicht nur um Einkommenseinbußen jetzt, sondern auch in der Rente. Und ich möchte Zeit mit meiner Tochter verbringen, ein bisschen erleben was da sonst noch dazu gehört nicht nur abends heim kommen und dann am Wochenende Halligalli. Und vier Monate sind keine allzu lange Zeit."

(Marcus Kaiser)

Keine allzu lange Zeit für ihn, aber vielleicht für seinen Arbeitgeber? Förderlich ist die Zeit mit dem Kind für seine Karriere sicherlich nicht, davon ist Marcus Kaiser überzeugt.

Angst vor dem Karriereknick und mangelnde Akzeptanz der Arbeitgeber

Tatsächlich ist die Angst vor dem Karriereknick einer der Hauptgründe, warum sich viele Männer nicht trauen, länger bei den Kindern zuhause zu bleiben. Nicht ganz unbegründet: In einer Umfrage unter Vätern, die nach der Elternzeit in den Job zurückgekehrt sind, sprachen 19 Prozent von verschlechterten Aufstiegsmöglichkeiten, elf Prozent beklagten insgesamt eine schlechtere Arbeitssituation. Das hat eine Online-Befragung des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer ergeben.

Entscheidend dabei sei die Dauer der Elternzeit. Bei einer längeren Elterngeldnutzung durch Väter drohen Ansehens- und Einkommensverluste am Arbeitsplatz. Wohl deshalb entscheiden sich die meisten Paare in Deutschland für eine klassische Rollenverteilung. Dazu kommt, dass sich viele Mütter das erste Jahr mit dem Kind zuhause nicht nehmen lassen wollen. Also alles in Ordnung?

"Jeder muss selbst wissen, was ihm wie viel wert ist"

Nein, sagen die Verfasser einer Studie, die sich mit den Auswirkungen der Vätermonate auf die Familie beschäftigt haben. Erst wenn ein Vater mehr als zwei Monate zuhause bleibt, verbringt er auch später wesentlich mehr Zeit mit dem Kind und empfindet die Beziehung zu ihm als wertvoller. Vor allem dann, wenn er in seiner Elternzeit das Kind alleine betreut. Die Sozialwissenschaftler haben auch nachgewiesen, dass diese Väter sich später mehr im Haushalt einbringen und anschließend eher ihre Arbeitszeit reduzieren als Männer, die nur zwei Monate zuhause bleiben. Marcus Kaiser will nach den vier Monaten mit Lucia zuhause in Teilzeit wieder einsteigen.

"Jeder muss selbst wissen, wie viel ihm etwas wert ist. Ob man dann am Sterbebett liegt und denkt, geil dass ich damals noch mehr Geld verdient hab und dass ich mein Kind weniger gesehen hab oder umgekehrt."

(Marcus Kaiser)

Voraussetzung für eine gleichberechtigte Rollenverteilung ist, dass Frauen genügend verdienen und Aufstiegsmöglichkeiten in ihrem Beruf haben. Nur wenn auch Mütter mit ihrem Einkommen die Familie zeitweise finanzieren können, haben Väter die Möglichkeit, für einen längeren Zeitraum die Ernährer-Rolle aufzugeben.


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