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Zerstörtes Kunstwerk Kahlschlag in Stuttgarter Sanctuarium von Herman de Vries

Ein zerstörtes Kunstwerk sorgt in Stuttgart für Aufregung. Geschaffen hat es Herman de Vries, ein holländischer Künstler, der seit 1970 in Eschenau (Lkr. Haßberge) im Steigerwald lebt. Getauft hat er es Sanctuarium – ein Schutzraum für Natur.

Von: Wolfram Hanke

Stand: 05.04.2018

Das Sanctuarium in Stuttgart ist ein kreisrunder Zaun, knapp drei Meter hoch, elf Meter Durchmesser mit goldenen Spitzen. Und darin erstmal nichts. Eine Fläche, in der sich die Natur mitten am vielbefahrenen Prager Sattel frei entfalten sollte. Rechts und links Verkehrsadern aus Asphalt. Das war das Konzept vor 25 Jahren, anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung 1993.

Gartenamt verantwortlich für Kahlschlag

Aus der Erde spießte im Laufe der Jahre Unkraut. Aus Unkraut wurden Büsche und aus Büschen Bäume. Weit über den Zaun hinaus. Und jetzt, nach 25 Jahren Wachstum kam die Heckenschere vom Gartenamt. Alles wurde radikal abgeschnitten. Zurück blieb die blanke Erde. Aber von Zerstörung will Gartenamtsleiter Volker Schirner nicht reden.

"Also ich betrachte das nicht als zerstört, sondern da ist auch wilde Natur im Boden und die Pflanzen werden sich explosionsartig im Mai diesen Bereich wieder zurückerobern. Das müsste doch auch ganz im Sinne des Künstlers sein. Dass die Gärtner manchmal eine sehr gründliche Arbeitsweise haben, ist dem Beruf etwas geschuldet."

Gartenamtsleiter Volker Schirner

Herman de Vries ist da ganz anderer Meinung. Der 86-Jährige ist weltweit bekannt für seine Arbeiten mit Natur und Pflanzen und versteht die Welt nicht mehr. Denn die Natur dort unberührt zu lassen, das ist das Grundprinzip dieses Kunstwerks. Ähnlich sehen das Passanten aus Stuttgart, die das Sanctuarium schon seit Jahren kennen. Sie haben den im Steigerwald lebenden Künstler erst auf den Kahlschlag aufmerksam gemacht. Verständnis für die Aktion des Gartenamtes? Fehlanzeige!

"Damit sind 25 Jahre Wachstum verloren gegangen. Man kann also nicht einfach sagen: Das wächst wieder! Da kommt sicher wieder etwas. Das ist klar. Aber die 25 Jahre Wachstum von diesem Sanctuarium die bleiben verloren. Bäume sind weg. Das Konzept ist gestört. Man hat es nicht respektiert. Für mich ist das ein Kultur-Frevel."

Künstler Herman de Vries

Der Künstler überlegt nun, rechtliche Schritte gegen den Kahlschlag des Gartenamtes einzuleiten. Er will sich aber erst einmal mit seinem Anwalt beraten. Seine Empörung ist auf jeden Fall groß. Weltweit hat er sechs solcher Sanctuarien eingerichtet. In Deutschland, Australien, Südfrankreich oder Dänemark. Stuttgart war das erste, ist aber auch das erste, das abgeholzt wurde.


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karl, Montag, 16.April, 14:02 Uhr

7. Appell an Herrn de Vries

Ich verstehe die Empörung des Künstlers. Was ich jedoch weniger verstehen kann: Herr de Vries läßt sich im Steigerwald, wo er selber ja seit langer Zeit seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, vor den Karren der Bayerischen Staatsforsten spannen, die einen Nationalpark im Steigerwald mit allen Mitteln bekämpft. Auch der Steigerwald hätte es verdient, in einem kleinen, geschützten Teil dem Willen der Natur nach entwickeln zu dürfen. Die Argumentation der Verantwortlichen Stuttgarter Stadtgartenamtes erinnert im übrigen gravierend in das, was Nationalparkbefürwortern seit über 10 Jahren aus Forstkreisen entgegengehalten wird. Herr de Vries: Bitte wechseln Sie die Seiten, hin zu den Schützern der Natur im Steigerwald.

Fischer Vera, Samstag, 07.April, 22:00 Uhr

6. Kunstwerk abgeholzt

Schwäbische Gründlichkeit gepaart mit mit null Sinn für Natur und Respekt für Kunst.
Unglaublich.
Auch die Haltung vom Auftraggeber!!!!

Michael, Freitag, 06.April, 22:47 Uhr

5. Stellungsnahme der Stadt dazu

Auf eine schriftliche Stellungsnahme schrieb die Stadt Stuttgart: Die Rodung sei keine Rodung sondern ein gewöhnlicher Frühjahrs-Rückschnitt. Desweiteren würde das Sanctuarium regelmäßig mit Absprache des Künstlers auf Boden geschnitten. Notlügen oder Dreistigkeit?

  • Antwort von Matthias, Mittwoch, 11.April, 13:42 Uhr

    Das ist noch nie so geschnitten worden. Ich fahre jeden Tag dran vorbei.
    Immer nur das weggeschnitten, was außen raussteht. Das war auch völlig ok.
    Ich habs am 15. März auch ohne Vorwarnung gesehen und und war fassungslos.
    So eine unverschämte Lügerei.

Pitara, Donnerstag, 05.April, 23:39 Uhr

4. Sanctuarium

Wie schade das hier wohl keiner nachgedacht hat und sich mit dem Sinn des "Sanctuarium" auseinander gesetzt hat. Am liebsten würde man schreien, aber leider geht das nicht. Hat denn der Gartenamtsleiter keine anderen Baustellen wo er sinnvoll tätig werden kann? Da gibt es doch bestimmt das ein oder andere in Stuttgart wo diese Energie des Kahlschlages sinnvoll gewesen wäre. Schade schade! 25 Jahre Natur zerstört. Wie typisch für den Menschen. Ein Beispiel wie es weltweit leider zugeht.
Hauptsache aufgeräumt und schön kahl. Das Argument "das wird schon wieder" klingt gut ! Lässt Herr Schirner das "Sanctuarium" denn die nächsten 25 Jahre in Ruhe? weitere 25 Jahre ? Kann die Natur das aufholen ? Hat das "Sanctuarium " vielleicht sogar einen Beitrag zur Luftverbesserung geleistet? Wurde das geprüft? Aber gute Luft in Stuttgart ist ja Thema.

  • Antwort von Natur, Freitag, 06.April, 12:04 Uhr

    Solche Herren denken in anderen Dimensionen -
    was wollen die denn, wird der Urwald gerodet, wächst der doch wieder nach . . .
    nur eines ist klar, so würde es nie ältere Bäume geben . . .

  • Antwort von Cornelia Griesinger, Donnerstag, 12.April, 07:44 Uhr

    Bemerkenswert finde ich die beiden Sätze: 'Wie typisch für den Menschen. Ein Beispiel, wie es weltweit leider zugeht.'
    Somit ist es Kunst geblieben, obwohl vom Künstler so nicht gedacht.
    Das Kunstwerk hat sich weiterentwickelt und eine hochaktuelle Aussage getroffen: Nichts ist vor der Zerstörung (des Menschen?) sicher.

Wolf, Donnerstag, 05.April, 19:26 Uhr

3. Mir könnet alles....

ausser "Kunscht" ....