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Kleine Sensation Augsburger erforschen Südsee-Deutsch

Ausgerechnet im entferntesten Teil der Welt, auf Papua-Neuguinea hat eine Abart des Deutschen überlebt: eine Kreolsprache, die in der Kolonialzeit entstanden war. Forscher der Universität Augsburg sind einer wissenschaftlichen Sensation auf die Spur gekommen.

Von: Peter Solfrank

Stand: 01.11.2016

Die Plätze an der Sonne waren schon vergeben. Die meisten jedenfalls. Als das Deutsche Kaiserreich die Hand nach Kolonien ausstreckte, waren die meisten Gebiete der Erde bereits unter den führenden Mächten Europas aufgeteilt.

Südseesammlung Obergünzburg

Fündig geworden ist man schließlich am anderen Ende der Welt, in der Südsee. Im Jahr 1884 wurde eine zu Papua-Neuguinea gehörende Inselgruppe Deutsches Schutzgebiet. Man nannte sie "Bismarck-Archipel". Seit 1899 gehörte der Archipel zusammen mit weiteren Teilen Papua-Neuguineas formell zum Deutschen Reich.

Der Gouverneur von "Deutsch-Neuguinea" sass in der Stadt Rabaul - unweit davon gab es eine Missionsstation, die Katholische Mission vom Heiligsten Herzen Jesu. Sie ist Ausgangspunkt unserer Geschichte.

Eine ungewöhnliche Entdeckung

Etwa 80 Jahre später begegnet ein Deutschlehrer in Australien einer jungen Frau Sie kommt gerade an die High-School und will einen Deutschkurs belegen. Aber sie spricht schon Deutsch - fast ohne Akzent, freilich mit einer etwas seltsamen Grammatik. Der Deutschlehrer Craig Volker wird hellhörig. Auf Nachfrage erzählt die junge Frau, Yvonne Lündin heißt sie, sie habe zu Hause immer Deutsch gesprochen. Aber dieses Zuhause war in Papua-Neuguinea, und die junge Frau war keine Weiße.

Craig Volker ging der Sache auf den Grund und erkannte, dass es sich um eine deutsche Kreolsprache handeln musste. Also eine Abart des Deutschen, die für einen Teil der Einheimischen auf Papua Neuguinea zur Muttersprache geworden war. Der Australier verfasste daraufhin eine wissenschaftliche Arbeit zu dem Thema. Aber in der Fachwelt interessierte sich niemand dafür. Anfang der 80er Jahre stand den Germanisten der Kopf mehr nach mathematischen Sprachmodellen und weniger nach anstrengender Feldforschung im Dschungel.

Péter Maitz mit Ivonne Lündin

Es dauerte nocheinmal fast 30 Jahre, da stieß Péter Maitz auf die Veröffentlichung des Australiers. Maitz ist Professor für Germanistik an der Unisversität Augsburg und gebürtiger Ungar. Er erkannte die wissenschaftliche Sensation und begann 2014 mit der Erforschung der Sprache, die im Schmelztiegel der Missionsstation von Vunapope geboren wurde.

Die Rolle der Missionare

Ein Ergebnis der Kolonisation Papua-Neuguines war eine sehr großes Zahl von Mischlingskinder: Kinder, die in den Hafenstädten oder im Umfeld der großen Pflanzungen gezeugt wurden. Die Väter waren nicht nur Deutsche sondern auch andere Europäer oder Asiaten.

Unserdeutsch-Sprecher | Bild: BR

Kinder an der Missionsstation Vunapope

Die Mischlingskinder wurden an der Missionsstation gesammelt. Sie wurden gekauft oder adoptiert, die Missionare waren da wenig zimperlich. Sie wollten eine Gruppe Menschen heranziehen, die das übrige Land wie ein Sauerteig durchwirken sollte. Die Sprache an der Missionsstation war Deutsch. Die Schüler wurden unterrichtet, sie fanden dort später auch Arbeit. Aber: Sie lebten dort in sozialer Isolation. Denn als Mischlinge waren sie weder von den Einheimischen anerkannt noch von den weißen Kolonialherren.

Das erklärt, so Péter Maitz, dass an der Missionsstation eine neue Sprache entstanden konnte. Man nannte sie "Unserdeutsch", und am Anfang steht,

Peter Maitz beim BR-Interview

"...dass Unserdeutsch eigentlich aus einer Jugendsprache heraus entstanden ist. Also eben diese mixed-raced-community, diese mixed-raced Kinder, die in der Missionsschule und im Internat in sozialer Isolation lebten, sie haben unser sich eine Art Gruppensprache, Jugendsprache entwickelt."

Peter Maitz, Germanist Universität Augsburg

Und sein Assistent Sigwalt Lindenfelser ergänzt:

"Wenn man die Sprecher fragt, wie sie ihre Sprache nenne, dann antworten sie katputtene Deutsch, falsche Deutsch, verbrochene Deutsch, gebrochene Deutsch. Und die Missionare wollten das eigentlich auch nicht, da ist auch ein Satz überliefert, da sagt eine Schwester, don‘t speak this potatoe–german, sprich nicht dieses Kartoffeldeutsch."

Siegwalt Lindenfelser, Germanist, Universität Augsburg

Unserdeutsch-Sprecher | Bild: BR

Jugendliche an der Missionsstation Vunapope

Aber die Kinder wollten sich abgrenzen, die eigene Sprache war Teil ihrer Identität. Dass dieser "Jugendslang" dann zu einer eigenen Sprache wurde, die über Generationen weitergegeben wurde, hängt wieder mit den besonderen Bedingungen an der Missionsstation zusammen. Die Missionare von Vunapope nämlich sorgen dafür, dass "ihre" Mischlingskinder nur untereinander heiraten. Auch gegen den Willen der Betroffenen. Das Ergebnis ist:

"Diese Jugendsprache ist später, da die Gruppe zusammenblieb und unter sich nur heiratete als Muttersprache an die nächste Generation weitergegangen, das ist eine wirklich einzigartige Art, wie neue Sprachen entstehen."

Peter Maitz, Germanist Universität Augsburg

Schwierige Kontaktaufnahme

Ende 2014 fuhr Péter Maitz zum ersten Mal nach Papua-Neuguinea, um nach noch lebenen Sprechern des Unserdeutsch zu suchen. Das Problem: Die Sprecher hatten sich weit verstreut. Viele waren nach Australien gegangen. Aber Péter Maitz war nicht verlegen: Er gründete eine Facebook-Gruppe, und es gelang ihm, die meisten der noch lebenden Sprecher zu versammeln.

In Australien trifft er auch Emilia Ah Ming. Was sie sagt, ist nicht untypisch für die Menschen, die aus der Gemeinschaft der Unserdeutsch-Sprecher stammen:

"Mein Mutter war Anna Nagel, sie war ein halb Weiße, und mein Vater war ein halber Chinese. Schwarz und weiß, und mein Vater war schwarz und gelb (lacht!) Aber wir hat immer gesprochen Deutsch zuhaus."

Emilia Ah Ming, Unserdeutsch-Sprecherin

Peter Maitz mit Unserdeutschsprechern

Mittlerweile hat er zahlreiche Interviews mit den Sprechern geführt - auf Papua-Neuguinea und in Australien: Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bezuschusst: Drei Mitarbeiter übertragen an der Universität Augsburg die Tonaufnahmen in korrekte Lautschrift. Die Ergebnisse ihrer Arbeit kann man im Internet verfolgen

Menschen und ihre Schicksale wertschätzen

Für Péter Maitz von der Universität Augsburg geht es nicht nur darum, die Entstehung einer Sprache zu erforschen und ihre Grammatik zu bestimmen:

"Der Gruppe wird jetzt bewusstgemacht, dass ihre Sprache eine einzigartige Sprache ist, die von besonderem Interesse ist nicht nur für uns, sondern auch für zahlreiche Wissenschaftler und auch für die Öffentlichkeit hier. Und das hat natürlich auch die Folge, dass auch das Prestige der Sprache in den Augen der Sprecher steigt."

Peter Maitz, Germanist Universität Augsburg

Zu Besuch bei Unserdeutsch-Sprechern

Das ist dringend nötig. Denn Unserdeutsch ist mitterweile eine sterbende Sprache. Nur noch etwa 100 Menschen gibt es, die die Kreolsprache beherrschen.


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Tachelesredner, Dienstag, 01.November 2016, 21:05 Uhr

3. Sehr interessanter Beitrag.

Man kann davon ausgehen, dass die Menschen dort ein besseres Deutsch gesprochen haben, als die meisten türkisch-deutschen Jugendlichen derzeit in unseren Großstädten. Tja, wenn eben ein gewisser Wille dazu vorhanden ist, sich zu bemühen...

Rosa Riebl, Dienstag, 01.November 2016, 11:41 Uhr

2. Es gibt keine Jugendsprachen

Daß Unserdeutsch aus einer bewußt gebildeten Jugendsprache entstanden sein soll, halte ich für nicht glaubwürdig. Im Beitrag ist zu lesen, daß die Muttersprache (= die Sprache der Mutter) der Mischlingskinder eine der vielen Lokalsprachen Papua-Neuguineas war, die Vatersprache eine andere. Die Kinder lernten zwar in den Missionsstationen Deutsch, beherrschten dieses aber vermutlich aufgrund seiner Komplexität nie richtig. Entstanden ist dann zufällig ein seltsames Deutsch, quasi ein Kauderwelsch aus deutschem und lokalem Wortschatz und ebensolcher Grammatik. Dieses wird als Mutter- und Vatersprache an die Nachkommen weitergegeben.
Übrigens ist es ein reines Gerücht, daß es bewußt gebildete Jugendsprachen gäbe. Es gibt genügend Forschungsarbeiten, die beweisen, daß Jugendliche zwar gerne lustige Wörter erfinden, aber das, was als lässiges und denglifiziertes Jugenddeutsch ausgegeben wird, eher eine Erfindung der Jugendsender des ÖR, der Verlage und der Werbeindustrie ist.

  • Antwort von Hugo Trotz, Dienstag, 01.November, 21:08 Uhr

    Wieso denn? In allen deutschen Großstädten wird tausendfach ein verballhorntes Deutsch gesprochen von jungen Männern, die arabischen oder türkischen Migrationshintergrund haben, jedoch in Deutschland geboren sind. Wo leben Sie denn? Sie sollten mal (privat) mit Lehrern sprechen, die Deutsch in Stadtschulen unterrichten. Da werden Sie geholfen...

Atze, Dienstag, 01.November 2016, 10:37 Uhr

1. Folgenreich

Am Deutschen Wesen sollte die Welt genesen.Ob sie es auch heute noch tut?

  • Antwort von Schorsch, Dienstag, 01.November, 12:29 Uhr

    Atze, und vor der Kolonialisierung haben sich die Einheimischen gegenseitig verspeist.

  • Antwort von Aribert L., Dienstag, 01.November, 21:20 Uhr

    Atze, wenn man sich intensiv mit der Geschichte der ehemaligen Kolonien beschäftigt, kommt man auf interessante Ergebnisse. Schauen Sie genau hin - was mittlerweile aus beinah allen Ländern geworden ist, wo es ehemals "die unsägliche Ausbeutung durch weiße Siedler" gab. Tja, Theorie und Praxis. Hat schon immer ein riesengroßer Unterschied darin bestanden! Ich finde es übrigens großartig, dass sich in entferntesten Winkeln der Erde Menschen mit einer Fremdsprache beschäftigt haben. In dem Fall eben mit dem Deutschen. Wie es auch bei den hier zahlreich angesiedelten Russlanddeutschen ein "putziges" Deutsch ist, was überliefert wurde und gesprochen wird. Trotzdem: Hochachtung! Denn die sprechen dazu fließend Russisch. Wir Deutsche tun uns ja immer etwas schwer, uns zusätzlich mit einer zweite Sprache zu "belasten"...