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Umstrittene Idee Doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler

Schon seit Monaten sorgt der Vorschlag aus Bozen und Wien in Rom für Unruhe: Deutschsprachige Südtiroler sollen zusätzlich zur italienischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten dürfen. In Rom wird diese Idee von etlichen Politikern als separatistischer Vorstoß interpretiert.

Von: Tassilo Forchheimer

Stand: 03.08.2018

Ein Bergschuh vor Südtiroler Alpenkette | Bild: pa/dpa/Josef Aichner

Die italienische Regierung ist darum bemüht, möglichst kein Öl ins Feuer zu gießen. Außenminister Enzo Moavero Milanesi warnt ganz zurückhaltend vor einem großen Durcheinander und meint, die Frage einer doppelten Staatsbürgerschaft für Südtiroler sei angesichts der Probleme Europas das Letzte, worüber man im Moment nachdenken sollte.

Dammbruch befürchtet

Die Idee zieht aber weiter ihre Kreise und dazu haben Italiens Politiker nicht wenig beigetragen, zum Beispiel der Präsident des Europaparlaments Antonio Tajani Ende vergangenen Jahres. 

"Ich glaube, es ist unrealistisch, zu sagen: Wir geben den deutschsprachigen Italienern, die in Südtirol leben, die doppelte Staatsbürgerschaft. Das würde nicht zur Entspannung beitragen. Das wäre so, als würden wir den Kroaten sagen, wir geben denen von euch den italienischen Pass, deren Muttersprache italienisch ist." Antonio Tajani Präsident des Europaparlaments

Für italienische Kroaten schon möglich

Genau das tut Italien aber bereits. Menschen, die in Istrien, Fiume und Dalmatien zuhause sind, und die ihre italienische Staatsbürgerschaft durch die Verschiebung der Grenzen nach dem 2. Weltkrieg verloren haben, können diese wieder erwerben. Das gilt auch für deren Nachkommen. Über 25.000 haben von dieser Möglichkeit inzwischen Gebrauch gemacht.

Eine Regelung, von der sich die Südtiroler Volkspartei hat inspirieren lassen, sagt der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher. Man habe gesagt, das könnte Österreich doch in ähnlicher Form für die Südtiroler machen.

Mit einigen ganz praktischen Konsequenzen: Die Doppelstaatsbürger könnten dann beispielsweise problemlos auch im öffentlichen Dienst in Österreich arbeiten oder als Sportler für die Alpen-Republik starten.

Nur Ausdruck persönlicher Verbundenheit

Im Wesentlichen gehe es in der Frage aber vor allem um einen Ausdruck persönlicher Verbundenheit mit Österreich. Unter keinen Umständen wolle man den Autonomiestatus Südtirols in Frage stellen, so Arno Kompatscher. 

"Europa war für uns immer Chance, Vision und Hoffnung gleichzeitig. Die Überwindung der Grenzen ist für uns wie eine Befreiung gewesen und deshalb sind die Südtiroler überzeugte Europäer, und wenn man jetzt beobachtet, dass man wieder zurückfällt in nationalstaatliches Denken, dann muss man einfach daran erinnern: Für Südtirol war das im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Katastrophe. Wir glauben fest daran, dass es ein Europa der Regionen braucht, wo Südtirol eine Brücke zwischen dem Norden und dem Süden Europas sein kann, eine Art Kulturvermittler." Arno Kompatscher Landeshauptmann Südtirol

Womit sie auch in Rom gut leben können. Der Landeshauptmann aus Bozen trifft hier den richtigen Ton und hat schon einiges für sein Land herausgeholt. Über die Jahre ist Südtirol immer unabhängiger und wirtschaftlich stärker geworden.

"Geht mehr von Wien aus"

Umso irritierter reagieren die Politiker in Italiens Hauptstadt, wenn wieder einmal das Thema Doppelte Staatsbürgerschaft auf die Tagesordnung kommt. Vito Petrocelli von der Fünf-Sterne-Bewegung leitet den Auswärtigen Ausschuss im italienischen Senat. Er vermutet, dass das sehr viel stärker von Wien ausgeht als von Bozen. Er glaube, das gehe von ganz bestimmten Kreisen der österreichischen Regierung aus, nicht einmal von allen politischen Vertretern, so Petrocelli.

Das soll wohl heißen: In Rom werden sie den Verdacht nicht los, dass Rechts-Außen-Politiker in Österreich die Frage der Staatsbürgerschaft dafür einsetzen wollen, die Grenzziehung zwischen Italien und Österreich in Frage zu stellen.

Südtirol als Modell

Südtirol sei weltweit zu einem Modell für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Volksgruppen geworden, meint der Fünf-Sterne-Politiker Vito Petrocelli. Genau das sei gefährdet, durch den Vorschlag, nur für einen Teil der Südtiroler Bevölkerung die Doppelte Staatsbürgerschaft einzuführen. Warum solle man auch einen Rückschritt machen und Probleme schaffen, die schon lange überwunden sind.

Die Frage ist nur, ob das für die gesamte italienische Regierung gelten kann. Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega hat erst vor wenigen Tagen Verständnis für die Besetzung der Krim durch Russland gezeigt. Zuvor habe es dort schließlich eine Volksabstimmung gegeben, so seine Begründung. Sollten diese Maßstäbe auch für Südtirol gelten, wäre die Diskussion über die Doppelte Staatsbürgerschaft noch harmlos gewesen.


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Tyrolean, Samstag, 04.August, 01:10 Uhr

19.

Ich sehe hier eher eine Parallele zwischen der Annektion Süd-Tirols durch Italien 1920 , und der Annektion der Krim 2014 durch Russland. Ein Referendum über die Selbstbestimmung in Süd-Tirol wäre doch, gerade im Hinblick auf die jetzige Populistische Regierung aus "Lega" und Fünf Sternen, Proeuropäisch. Mit Nationalismus hat dies nichts zutun !

  • Antwort von Na so was, Samstag, 04.August, 09:38 Uhr

    Tyrolean, dann gehts lustig weiter mit der Kleinstaaterei und sls Nächstes bekommt Südtirol auch seine eigene Nationalmaschaft, wie z.b. Girbraltar.

  • Antwort von @ Na so was,, Samstag, 04.August, 13:47 Uhr

    Es gibt auch nicht Souveräne Regionen die eine
    eigene Nationalmannschaft haben. Schottland, Wales, Föror zb. Süd-Tirol ist in etwa dreimal so gross wie das Saarland. Wen sich die Merheit der Süd-Tiroler in einem freien Referendum für eine Wiedervereinigung mit Nord und Ost-Tirol , und damit zurück zu Österreich entscheiden würden, entsteht dadurch kein neuer Staat.

klaus pfister, Freitag, 03.August, 23:41 Uhr

18. Doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler

Braucht gar nicht, die richtiger Loesung besteht darin das Sued Tirol an Österreich zureuckgegeben wird!
(...) Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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Mani, Freitag, 03.August, 19:11 Uhr

17.

Ich würde die österreichische Staatsbürgerschaft sofort annehmen,
leider werden die Ösis uns Bayern diese nicht anbieten.
Zu viele würden abhauen, wenns bei uns kracht!

  • Antwort von Müller, Freitag, 03.August, 23:57 Uhr

    Nun, verehrter "Manni", wenn sie die Österreicher abwertend aks "Ösis" bezeichnen, haben Sie diese auch absolut NICHT verdient. Bleiben Sie Baysi !

Demokrat mit Weitsicht, Freitag, 03.August, 16:17 Uhr

16. Staatsbürgerschaft für Südtiroler

Doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler

Warum die österreichische Staatsbürgerschaft? Die bayrische Staatsbürgerschaft würde doch mehr Sinn machen.

Herr Seehofer sollte da mal Klartext reden.

  • Antwort von Arthur , Freitag, 03.August, 19:12 Uhr

    Wozu doppelte EU-Staatsbürgerschaft für Bürger der EU?

  • Antwort von Na so was, Freitag, 03.August, 21:52 Uhr

    Demokrat mit Weitsicht leider kann ich ihrer Logik, die bayerische Staatsbürgerschaft für Südtiroler, nicht ganz folgen. Außerdem reicht mir als Europäer eine Staatsbürgerschaft, in meinem Fall die Deutsche, vollkommen.Alles Andere ist so überflüssig wie ein Kropf

  • Antwort von Tyrolean, Samstag, 04.August, 01:18 Uhr

    Die Annektion Süd-Tirols durch Italien 1920 hier gibt es Parallelen zhr Annektion der Krim durch Russland 1920. Die wenigsten Deutsch bzw. Ladinischaprachigen Süd-Tiroler fühlen sich im Herzen als "Italiener"

  • Antwort von @Arthur, Samstag, 04.August, 01:41 Uhr

    Wozu nicht für Nationale Minderheiten wie für Süd-Tiroler solange es keine Europäische Staatsbürgerschaft gibt?

Müller, Freitag, 03.August, 15:13 Uhr

15. Absurd

Welche absurden Formen dies annehmen kann, lässt sich hervorragend an den deutschen "Spätuassiedlern", den sog. "Russlanddeutschen" festmachen ! Im Herzen Russen sein und bleiben, Putins Propaganda nachlaufen, aber bei uns leben und unsere Sozialleistungen beanspruchen.....kllar, die Herrschaften, deren Vorfahren vor Jahrhunderten einst aus Deutschland ausgewandert sind, sind ja Deutsche !.....Das müsste dann auch für min. 30 % der US_Amerikaner gelten, einschließlich deren derzeitigen Präsidenten !

  • Antwort von Gutmenschlein, Freitag, 03.August, 17:36 Uhr

    Kein Südtiroler ist im Herzen Italiener!

  • Antwort von Wanda, Freitag, 03.August, 23:53 Uhr

    @Müller:
    - Sie haben unsere Türken ausgenommen, Warum ? Die haben überwiegend (und nicht nur im Herzen) den Sultan Erdowahn gewählt...

  • Antwort von @Müller, Samstag, 04.August, 14:46 Uhr

    Süd-Tirol hat nichts mit den Spätaussiedlern zutun. Italien hat 1920 Süd-Tirol annektiert, Jahrzehnte der unterdrückung durch Mussolinis Faschistisches Regime folgten. Russland 2014 die Krim. Beides war und ist Völkerrechtswidrig. Sowohl Süd-Tirol als auch der Krim stehr daher das Recht auf Selbstbestimmung zu.