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Zeitstrahl Zeitmaschine: Abbruch trifft Aufbruch am Tegernseer Platz

"Tegernseer Platz" steht auf dem Straßenschild. Gemeint ist: Eine Kreuzung, an der vier Straßen aufeinanderstoßen. dazu die Tram, der Bus und unter der Oberfläche die U-Bahn. Früher stand hier ein Wirtshaus. Bis vor kurzem ein Kaufhaus. Und jetzt?

Stand: 19.02.2013

  • 1920

    1920

    Vorspiel 1: Beim Schweizerwirt

    Wie das so ist in Arbeitervierteln: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, aber für ein Bier reicht's. Um 1900 hatte Giesing die meisten Wirte in München. Und was für Wirte! Den Steyrer, der in der Gaststube nicht nur Bier zapfte, sondern als offiziell stärkster Mann der Welt tonnenschwere Gewichte stemmte. Der Nockherberg mit seinen Starkbierkellnerinnen und Politiker-Derbleckern. Und: zentral zwischen Kirche, Post und Stadion der Schweizerwirt - Giesings Hot Spot für Fasching, Kirta und Hundemarkt.

    +++Video: Zamperlmarkt beim Schweizerwirt - zum Abspielen bitte ins Bild klicken!+++

  • 1962
    Kaufhaus Kepa | Bild: BR

    1962

    Vorspiel 2: Kaufhaus statt Wirtshaus

    1962 war Schluss mit lustig. Das Wirtschaftswunder machte mancher Wirtschaft zu schaffen, denn zwischen Geld verdienen und Geld ausgeben passten immer weniger Biere. Die Position des Schweizerwirts nahm das Kaufhaus Kepa - später Karstadt - ein, der neue Mittelpunkt im Viertel. Gefeiert wurde in Giesing aber immer noch. Der Tramwagon in der Bildmitte ist ein Faschingswagen. Und schließlich gab es noch den Fußball.

  • 2005
    Löwenfans  für eine Rückkehr ins Grünwalder Stadion | Bild: picture-alliance/dpa

    2005

    Auszug aus dem Fußballtempel

    Nur einen scharf geschossenen Steinwurf entfernt wurden Meister gemacht. Doch schon mit der Eröffnung des Olympiastadions 1972 waren die goldenen Zeiten der 1860er und ihres Stadions an der Grünwalder Straße vorbei. 2005 dann der Komplettauszug. Schlagzeilen macht die Spiel- und Kultstätte seither nur noch, wenn der Stadtrat seinen Abriss diskutiert oder eine Weltkriegsbombe unterm Spielfeld entschärft werden muss. Für das Selbstwertgefühl im Viertel schon ein Verlust.

  • 2006
    Hertie Giesing | Bild: picture-alliance/dpa

    2006

    Ausverkauf bei Karstadt

    Und dann macht auch noch der Karstadt dicht. 2005 hatte der kriselnde Konzern 74 Filialen in ganz Deutschland verkauft. Das Warenhaus als Fixpunkt im Viertel sei ein Auslaufmodell, kommentierten die Experten. Wenig später ein Lichtblick: Der Name wechselte, das Kaufhaus blieb. Bestimmt nicht lange, sagten die Pessimisten.

  • 2008

    2008

    Agfa-Hochhaus: Ein Wahrzeichen verschwindet

    There goes the Neighbourhood: Am 17. Februar 2008 ist auch noch Giesings Hochhaus weg. Seit 1959 war der Agfa-Turm baulicher Höhepunkt im Viertel: 52 Meter senkrecht, ein Symbol für den Aufschwung und jedem Fotografen weltweit ein Begriff. Tausende sehen bei der Sprengung zu, viele drücken mit feuchten Augen auf die Auslöser ihrer Nicht-mehr-Agfa-Kameras. Bis 2012 entsteht hier Neues, ein Bürokomplex, architektonisch nicht unbedingt schlechter, aber ohne Kraft zum Wahrzeichen.

    +++Video: Rrrrums - das schnelle Ende des Münchner Agfa-Hochhauses. Zum Abspielen bitte ins Bild klicken!+++

  • 2009

    2009

    Ausverkauf bei Hertie

    Statt ausverkauften Spielen im Stadion erlebte Giesing fortgesetztes Ausverkauf-Spielen im alten Kaufhaus. 2009 waren auch die Tage von Hertie gezählt. Pleite, Schlussverkauf, Räumung. Danach erinnerten in den leeren Räumen nur Restmüllhäufchen und die nachgedunkelten Umrisse der Umrisskabinen an der Wand an die alten Zeiten. Bis Zehra Spindler und ihr Team MUC 852 anrückten, aufräumten und neue Türen öffneten.

    +++Audio: Traurige Kassiererinnen trösten traurige Kunden. Zum Anhören bitte ins Bild klicken!+++

  • 2010

    2010

    Vision findet Stadt: Puerto Giesing!

    Die Idee: Einen Sommer lang auf 4.000 Kaufhaus-Quadratmetern Giesing, die Kunst und das Leben zu feiern. „Temporäre Zwischennutzung“, nennt die Verwaltung sowas. „One nation under a Viertel“ steht als Grafitti über dem Eingang. Eine Austellung über die Geschichte des TSV 1860 macht den Anfang - dann entsteht ein bunter Kosmos auf Zeit.

    +++Video: ON3 zu Besuch im Puerto Giesing. Zum Abspielen bitte ins Bild klicken!+++

  • 2011
    Lichtinstallation "All Colors are beautiuful" | Bild: Chaos Computer Club München

    2011

    Hafenlichter: Giesing leuchtete

    Aus dem Sommer wurde ein ganzes Jahr. Kunst und Dichterlesungen in verwaisten Büroräumen, eine Modenschau auf dem Parkdeck, Tanzekstase, wo früher die Kühltheke stand. Am meisten Aufsehen erregt wohl die interaktive Lichtinstallation mit dem schönen Namen "ACAB - All Colours Are Beautiful": Per SMS können Passanten LEDs in den 96 Fenstern des Gebäudes in bunte Bilder verwandeln. Anfang 2011 ist Schluss. Zehra Spindler: "Das Energielevel, auf dem wir hier arbeiten, lässt sich eh nicht über Jahre halten."

  • 2012
    Abbruch und Aufbruch: Impressionen aus Giesing | Bild: Michael Kubitza / BR

    2012

    Auftritt der Abrissbirnie

    Das Verschwinden geht weiter: Erst sind die Macher des Puerto Giesing weg, dann die leere Hülle des alten Konsumtempels. Erst jetzt zeigt sich, welche Magnetwirkung das Kaufhaus für die Nachbarschaft hatte. In den nächsten zwei Jahren stehen in der Umgebung nicht nur Schlecker und die Müller-Brot-Filiale leer.

  • 2013
    Abbruch und Aufbruch: Impressionen aus Giesing | Bild: Michael Kubitza / BR

    2013

    Aus Hertie wird TELA 64

    Eigentlich sollte es schon 2012 fertig sein. Doch noch Anfang 2013 schauen die Giesinger auf Plastikplanen. Dahinter entsteht ein Büro- und Geschäftshaus mit 3.860 Quadratmetern Einzelhandelsfläche. Ein Supermarkt, eine Drogerie und ein Billigkaufhaus wollen einziehen. Die Planen sind im Mai gefallen. Kann das TELA 64 das alte Kaufhaus ersetzen? Und wo feiern die Giesinger der Zukunft?