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Schwule, Lesben und die Wirtschaft Warum große Firmen die Regenbogenflagge hissen

In Köln und München war er schon - heute ist der Christopher Street Day in Berlin. In den letzten 40 Jahren haben sich die Paraden der Schwulen und Lesben stark verändert. Die politische Bedeutung ist geschrumpft, die wirtschaftliche gewachsen: Mittlerweile machen auch viele Unternehmen beim CSD mit. In München waren BMW, Rewe und die Allianz dabei. Innerhalb der Szene sorgt das immer wieder für Kritik. Schließlich ist die Regenbogen-Fahne ein politisches Symbol und keine Werbeflagge.

Von: Hanna Heim

Stand: 27.07.2018

CSD-Wagen von Microsoft | Bild: picture-alliance/dpa

Ganz vorne fahren die lesbischen Motorradfahrerinnen, die Trans-Gruppe der Grünen kommt im Elektro-LKW, und die lesbischen Mütter sind in diesem Jahr mit einer Bimmelbahn unterwegs. All das ist die Politparade des CSD. Aber eben auch: Ein bunt gestreifter BMW, die wummernden Bässe riesiger LKW, aufwendig mit den Logos von Rewe, Google oder Amazon verziert.

Der CSD als Werbemarkt

Was machen die denn beim CSD? Seit wann interessieren sich Autobauer, IT-Konzerne oder Versicherungsmakler für die freie Liebe? Es regt sich der Verdacht, dass das nicht mehr Aktivismus, sondern schon Werbung ist. Werbung für ein neues Image? Um neue Fachkräfte?

"Sicher, auch", sagt Thomas Niederbühl, Geschäftsführer der Münchner Aids-Hilfe und seit mehr als zwanzig Jahren für die Rosa Liste im Münchner Stadtrat.

"Also das Hauptinteresse einer Firma ist natürlich, ein gutes Geschäft zu machen. Ich würde das aber trotzdem nicht so negativ sehen. Weil ich es erstmal gut finde, wenn eine Geschäftsführung sensibilisiert ist, überhaupt da etwas tut und das auch immer mehr befördert wird - dann ist das schon ganz gut." Münchner Stadtrat Thomas Niederbühl

Regeln für die Teilnahme am CSD

Was Niederbühl da beschreibt, ist der Kompromiss, den die CSD-Organisatoren in den Nuller-Jahren geschlossen haben. Damals wollten immer mehr Unternehmen zur Parade kommen, um ihre neuesten Produkte unter die Leute zu bringen. Weil den politischen Akteuren das nicht passte, haben die Organisatoren Regeln aufgestellt.

"Wir wollten, dass die Balance zwischen Politik und Party gut stimmt und wir nicht als Zielgruppe missbraucht werden. Man muss irgendeinen Bezug zur LGBT-Community haben, man darf sich natürlich sponsern lassen, aber das muss untergeordnet sein. Und das war eigentlich eine ganz gute Strategie." Thomas Niederbühl

Dass immer mehr große Unternehmen die Regenbogenflagge hissen, ist eine relativ neue Entwicklung. Denn noch immer geht einer Studie zufolge jeder dritte Homosexuelle an seinem Arbeitsplatz nicht offen damit um. Jeder Zweite fühlt sich diskriminiert. CSD-Aktivist Niederbühl hat die Erfahrung gemacht: Erfolgreich funktioniert das meistens dann, wenn so eine Diversity-Gruppe erst von den Mitarbeitern ausgeht und dann von der Chefetage genehmigt wird.

Wie sich Schwule und Lesben im Betrieb organisieren

Genau so ist Franz Vojik vorgegangen. Der Informatiker hat 2012 die Allianz-Pride-Initiative mitgegründet und ist heute deren Vorsitzender. In diesem Jahr konnte Vojik seinen Arbeitgeber das erste Mal mit einem Wagen beim CSD vertreten. Auch hier: Riesen-LKW und wummernde Bässe. Ziemlich ungewöhnlich für ein Versicherungsunternehmen. Dabei hätte Vojik am liebsten schon vor fünf Jahren mitgemacht. Da wurde die Initiative aber ziemlich grob ausgebremst:

"Damals war es wirklich noch die Befürchtung: Was passiert, wenn der Name Allianz mit den schrillen Figuren gezeigt und fotografiert wird. Es war schon so, dass wir ein bisschen irritiert waren von den ganzen Bedenken." Franz Vojik, Allianz-Pride-Initiative

Inzwischen hat sich aber die Marketing-Abteilung der CSD-Frage angenommen und den Wagen ermöglicht. Vojik glaubt, dass sein Arbeitgeber mehrere Gründe hat, die interne Pride-Bewegung zu unterstützen:

Außen- und Innenwirkung angestrebt

"Das Eine ist dann für die Mitarbeiter selbst. Sie müssen diese gesellschaftliche Entwicklung bei den Mitarbeitern repräsentieren. Dann aber auch bei den Kunden. Allianz Deutschland hat - glaube ich - vor zwei Jahren Werbung mit Steffi Jones gemacht, mit dieser lesbischen Fußballspielerin. Andere Unternehmen sind da vielleicht ein bisschen früher dran." Franz Vojik

Dass sein Einsatz für den CSD auch eine Werbefläche für seinen Arbeitgeber ist, das ist Volik egal.


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Wanda, Montag, 30.Juli 2018, 04:26 Uhr

8. pocht an die eigene Brust !

Einfach prächtig, wie der BR zensiert, andererseits Toleranz für andere Meinungen und Lebensweise einfordert. Übrigens nicht zum 1. Mal...

  • Antwort von MS user, Montag, 30.Juli, 08:22 Uhr

    Aber wenigstens wissen wir nun dass Microsoft einen Wagen sponsort und sich für was Gutes einsetzt!

    Tut was Gutes, oder wenigstens was worüber berichtet wird.

    Die Bildinfo weißt das Foto übrigens auch ausdrücklich als Microsoft Wagen aus, also kein zufälliger Schnappschuss.

    Bin ja nur froh dass nicht noch irgendwelche Politiker sich dort wichtig machen, Claudia Roth etc nutzen doch jede Gelegenheit.

    Ob das nun einen Mehrwert für die Community oder die Gesellschaft hat, wage ich zu bezweifeln...

Münchener, Sonntag, 29.Juli 2018, 11:56 Uhr

7. Beitrag Unternehmen zu mehr Toleranz in der Gesellschaft

Ich finde es schade, dass von linker Seite Unternehmen immer verteufelt werden, sie seien nur Profitgeil. Natürlich ist so ein Auftritt von Unternehmen eine Botschaft, die eng verknüpft ist mit den Produkten. Es geht aber auch um mehr. Es geht darum, innerhalb des Unternehmens die Botschaft zu senden, wir wollen und fördern eine offene Kultur, eine Kultur, die von Diversität geprägt ist. Dies zeigen wir dann auch, indem das LGBT Netzwerk des Unternehmens bei der Parade teilnimmt. Dies führt zum Beispiel dazu, dass die Akzeptanz der Respekt ggü. den LGBT Mitarbeitern deutlich zunimmt und Ungleichbehandlung oder Diskriminierung aufgrund sexueller Identität viel weniger stattfindet. Darüber hinaus übertragen die Mitarbeiter diese Werte auch oft ins Private, was dann wiederum zur offenen Gesellschaft beiträgt. Ich bin selber Aktivist in einem LGBT Netzwerk und kann daraus direkter Erfahrung berichten. Unsere Auftritte auf dem CSD haben Sicht extrem positiv für die LGBT Mitarbeiter ausgewir

richtig machen, Sonntag, 29.Juli 2018, 07:27 Uhr

6. Entweder ganz oder gar nciht

Wenn sich Firmen engagieren, sollten sie das nicht einseitig tun.
Nicht immer nur für irgendwelche Randgruppen weil die gerade gute Pressearbeit leisten.
Und dann bitte auch richtig und nicht einfach nur medienwirksam als billige Werbestrategie auf den aktuellen Zug auspringen.
Das wäre doch mal was , all die Firmen die sich für Flüchtlinge , Homosexuelle, Schwangerenschutz oder sonst ein Topthema der letzten Zeit stark gemacht haben mal zu interviewen ob von den tollen Schlagworten auch was umgesetzt wurde oder gar geblieben ist.
Journaistisch Nachschau im Rahmen einer Sorgfaltspflicht.
Welche Firmen haben denn nun die dringend benötigten Fachkräfte eingestellt, oder wenigstens selbst audsgebildet?
Wieviele Musterflüchtlingsheime hat Till Schweiger schon gebaut?
Wieviele Mitarbeiter wurden wegen homophober Übergriffe entlassen?
Wieviele Kitas wurden in Betrieben eingerichtet?
Wieviele alleinerziehendengerechte Arbeitsplätze sind entstanden?
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Atze, Samstag, 28.Juli 2018, 16:02 Uhr

5. Offener Umgang mit Homosexualität

Jeder Dritte geht an seinem Arbeitsplatz nicht offen damit um.

Warum soll er auch damit offen umgehen?
Das ist mir rätselhaft.

  • Antwort von Münchener, Sonntag, 29.Juli, 12:01 Uhr

    Nun aufgrund ihres Kommentares vermute ich einmal, dass Sie heterosexuell sind. Haben eventuell Frau und Kinder. Haben ein nettes Bild von Frau/Kindern auf dem Arbeitsplatz, tragen einen Ehering und erzählen gern, was Sie am Wochenende mit Ihrer Familie so erlebt haben. Oder anders ausgedrückt: Sie gehen in diesem Falle (und falls nicht persönlich, dann aber viele ihrer Kollegen) doch auch offen mit Ihrer Heterosexualität um. Warum soll ein Homosexueller dies nicht dürfen?

  • Antwort von Polly, Sonntag, 29.Juli, 12:47 Uhr

    @Münchener
    Ja, aber es ist doch echt sowas von wurscht, mit wem jemand (unter legalen Voraussetzungen) schläft! Ich möchte über Details auch von heteros nicht informiert werden.
    Wir reden hier von Unternehmen. Da geht man rein, macht seine Arbeit und gut ist. Sexuelle Präferenzen haben damit nichts zu tun, wie jemand seine Arbeit macht.
    Es interessiert mich null, ob die Kassiererin, der Heizungsbauer, der Postbote, der Bankangestellte,... homo- oder hetero- sind, solange sie ihre Arbeit ordentlich machen. Die können auch tätowiert oder gepierct sein und fünffarbige Haare haben.
    Aber meinen aus dem Ei gepellten Versicherungsvertreter kann ich nicht leiden, weil er ein schmieriger Depp ist und das würde auch nicht davon besser werden, wenn ich wüsste, dass er Frau und Kinder daheim hat.

  • Antwort von Münchener, Sonntag, 29.Juli, 15:06 Uhr

    @Polly: Haben Sie meinen Post eigentlich verstanden?

Xyz-Mensch, Samstag, 28.Juli 2018, 13:06 Uhr

4. Regenbogen verbogen

Was ist denn " K R E A T I V" daran, wenn mehr oder weniger Bekleidete bei ohrenbetäubendem Lärm durch die Gassen ziehen?

Da ist ja jeder Karnevalsumzug bunter und die Musik ist da auch hörenswerter.