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Schmerzhafte Erinnerungen Misshandlungen im Kinderheim in Donauwörth

Schläge, Misshandlungen, psychische Gewalt: Zwei Schwestern kamen 1965 ins Kinderheim Heilig Kreuz in Donauwörth, wo sie furchtbare Erfahrungen machten. Das Kinderheim kennt kaum jemand - was wohl kein Zufall ist. Eine Recherche.

Von: Judith Zacher

Stand: 21.02.2018

Das Kloster Heilig Kreuz in Donauwörth: Im Kloster war das Kinderheim | Bild: BR/Judith Zacher

Das Jugendamt hat die beiden Schwestern aus ihrem Zuhause geholt – 1965 war das. Als Schutz vor dem prügelnden Vater. Doch was sie im Kinderheim in Donauwörth erwartete, hatte mit Schutz rein gar nichts zu tun. Schläge und Misshandlungen waren an der Tagesordnung in dem vom Priester Max Auer geleiteten Erziehungsheim.

Das Kinderheim - gegründet von einem fortschrittlichen Pädagogen

Bis 1977 gab es dieses Kinderheim, in den Räumen des ehemaligen Klosters Heilig Kreuz, in Donauwörth. Die Gründung dieses "Erziehungsheims" war ein Herzenswunsch von Ludwig Auer, dem Großvater von Max Auer. Der berühmte Donauwörther ist Gründer des Auer-Verlags. Ludwig Auer war aber nicht nur Unternehmer, sondern auch Pädagoge. Ein sehr fortschrittlicher Pädagoge.

"Die wichtigste Erziehungsregel heißt: Liebe, immer Liebe, lauter Liebe. Zuviel Strenge verbittert, verhärtet, verbost das Kind, macht es misstrauisch, heuchlerisch, lügnerisch, boshaft."

Auszug aus Ludwig Auers 'Erziehungslehre'

Der sadistische Enkel des Kinderheim-Gründers

Sein Erbe vermachte er der Pädagogischen Stiftung Cassianeum, die bis heute existiert. Kurz nach Auers Tod im Jahr 1914 gründete diese Stiftung das Kinderheim. Geleitet wurde es zunächst von Auers Söhnen, später von seinem Enkel, Max Auer. Auch zu der Zeit, als die beiden Schwestern – wir nennen sie Marsha und Susanne - in dem Heim untergebracht waren.

"Max Auer war eine angesehene Persönlichkeit in Donauwörth: Das ist, was uns so aufstößt. Der war jeden Tag präsent, hat die Beichte abgenommen und hat abgefragt, wie waren die Kinder. Dann hast Dich über den Stuhl gelegt, und hast auf den nackten Hintern drauf gekriegt, von ihm."

Susanne, ehemalige Bewohnerin des Kindersheims in Donauwörth

Regelmäßig Schläge und psychische Misshandlungen

Lange haben die beiden Schwestern gebraucht, bis sie überhaupt darüber reden konnten, über ihre Zeit, in dem Heim. Zehn Jahre ihrer Kindheit, von fünf bis fünfzehn, hat Marsha in dem Heim verbracht, ihre Schwester Susanne, war acht Jahre dort. Eine Zeit, die sie nie vergessen werden. Eine Zeit, die die beiden bis heute prägt. In unzähligen Therapiestunden haben sie versucht, das zu verarbeiten, was ihnen da widerfahren ist.

"Wenn Dir ins Gesicht geschlagen wird, dass die Lippe aufplatzt und du stundenlang nachts auf Bügeln kniest. Und zwar, mit Arme hoch. Nur, weil Du im Bett gesprochen hast. Und da hat die Erzieherin dann zugeschaut. Und wenn Du die Arme runter hattest, da hat sie einen an den Haaren hochgezogen und dann hat man noch eine Nuss hinten drauf gekriegt, dass man mit dem Kopf gegen den Schrank gedonnert ist."

Susanne und Marsha, ehemalige Bewohnerinnen des Kindersheims in Donauwörth, im BR-Interview

Es waren auch die weltlichen Erzieherinnen, die sie gepeinigt haben, berichten die beiden heute 58 und 60 Jahre alten Frauen. Nicht alle aktiv – gewusst haben es aber wohl alle, was da passiert ist, im Heim. Psychische und physische Misshandlungen waren an der Tagesordnungen.

Sexuelle Misshandlungen

Auch sexuelle Übergriffe habe es gegeben durch eine Erzieherin, und immer wieder seien es auch einige der größeren Buben gewesen, die sich an den kleinen Mädchen vergingen. Kaum zu glauben, dass das unbemerkt blieb.

Das - absichtlich - vergessene Kinderheim

Von alldem weiß in Donauwörth – offenbar – kaum jemand etwas. Auch dass es das Heim gab, ist heute fast unbekannt. Selbst im Stadtarchiv ist kaum mehr etwas zu finden darüber.

Dabei war Max Auer leidenschaftlicher Fotograf, lichtete den schönen Schein hundertfach ab: Die adrett gekleideten und herausgeputzten Kinder, bei Weihnachtsfeiern, bei Ausflügen. Aber: Die meisten dieser Fotos sind nicht auffindbar.

"Das, was mich so verletzt und mich traurig macht, ist, dass diese Zeit so ausradiert ist."

 Susanne, ehemaliges Heimkind

Geld für die Opfer - aber keine Veröffentlichung

E-Mails an die Stadt, an örtliche Geschäftsinhaber und an die örtliche Zeitung vor einigen Jahren blieben den Schwestern zufolge unbeantwortet – an einer Veröffentlichung war niemand interessiert.

Unterdessen hatten sich die Schwestern auch ans Bistum Augsburg gewandt. Nach ausführlichen Gesprächen mit der Missbrauchsbeauftragten wurden sie und ein weiteres Heimkind gemäß der Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz entschädigt. An die Öffentlichkeit ging auch das Bistum Augsburg nicht.

Auch an die Pädagogische Stiftung Cassianeum schrieben die Schwestern. Zunächst hieß es, man habe keine Unterlagen, um die Vorwürfe zu belegen. Im Nachgang wurde ein Gesprächsangebot unterbreitet. Dazu kam es letztendlich nicht, damals habe sie noch nicht den Mut dazu gehabt, so die ältere der beiden Schwestern. Für die Stiftung war die Sache damit offenbar erledigt.


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Barbara, Mittwoch, 21.Februar, 14:43 Uhr

11. An staatlichen Schulen war die Prügelstrafe mindestens bis in die 60er Jahre

die übliche Erziehungsmethode. Nicht nur an Volks-Schulen, sondern auch an Gymnasien wurde die Prügelstrafe praktiziert. Diese Methoden der Erziehung wurden an Pädagogischen Hochschulen, Lehrerbildungs-Anstalten und Universitäten gelehrt. Meist wurde dabei auf den Schweizer "Vorbild-Erzieher", Heinrich Pestalozzi, Jean Jacques Rousseau etc. verwiesen. Wer sich also über die Prügel-Strafe aufregt, der muß sich bei denjenigen Leuten beschweren, die diese erfunden haben.

Kirsten Trier, Mittwoch, 21.Februar, 13:44 Uhr

10. Jetzt mal Tacheles

Ich kann das Geheule echt nicht mehr lesen, denn wie wir alle wissen, war die Prügelstrafe bis in die 70er Jahre erlaubt. Wir sind alle verdroschen worden in Kindergärten und Schulen. Man kann nicht alles aus heutiger Sicht beurteilen. Gesetzlich erlaubte Prügelstrafe war damals Usus. Heute zu heulen ist daher jämmerlich. Da könnten sich auch die Kriegsgenerationen aufregen, weil sie zufällig das Kriegszeitalter mitmachen müssen. Traurig, aber so war es damals. Findet Euch damit ab!

  • Antwort von Jojo, Mittwoch, 21.Februar, 14:45 Uhr

    Sie scheinen die Schläge ja richtig genossen zu haben, bravo! Soche Genießer muss es wohl auch geben, gelle! Klassenziel verfehlt: Sechs, setzen!

Niedermeier, Mittwoch, 21.Februar, 12:37 Uhr

9. Daran habe ich keinen Anteil- Meditation

Bericht am Radio: Ganz normal fahre ich von meiner Physiotherapie nach Hause, die Tränen laufen mir über das Gesicht. Es ist mir egal, was das Auto neben mir denkt und ich wische die Tränen fort. Ich höre entsetzt die GEschichte mit dem Bettlaken, ich sehe dieses Kind vor mir...welche Nöte. Welche Schäden.
Es ist in mir etwas bleischweres, dass sich auf die Seele legt und das sollte es auch- berührt. Tief berührt und namenloses Entsetzen über diesen Bericht, die
Scheinheiligkeit des Bischofsbesuchs mit singenden Kindern. Es tut mir mehr als weh. Es wäre mein Wunsch helfen zu können, doch es gibt ja Therapeuten usw.
Doch ich möchte nun meine Strategie erzählen...in der Meditation versuche ich auf einer Seelenebene Verletzungen aufzuspüren, besehe sie, weiß nun das ist meine Wahrheit, mein Schmerz und dann lege ich die rechte Hand auf mein HErz und spreche: Daran habe ich keinen Anteil.
für die Seele ist es wichtig gehört zu werden. Ich anerkenne es, sehe es . Danke für Euren Mut!

sepp, Mittwoch, 21.Februar, 11:35 Uhr

8. wegschauen

leider wird es immer wieder solche Fälle geben, die lassen sich nicht verhindern. Weder im privaten noch in Heimen, Schulen u. Internaten.
Nun einen gewissen Anstand sollten die Vorgesetzten schon haben, aber auch die Untergebenen müssen auch einen gewissen Respekt
vor den Vorgesetzten haben. Vieles liegt auch an der Erziehung im Elternhaus. Wenn einer will, dass du einem was anhängen willst, wird
das immer hinhauen. Man stiftet noch ein paar andere dazu an, das war bei dir auch so, somit ist schon ein Schaden für ganze Schule oder
Heim der Vertrauensbeweis gestört. Obwohl dann später heraus kommt es stimmt gar nicht so. Ich weis wie so etwas ist.

Leon, Mittwoch, 21.Februar, 11:26 Uhr

7. Widerwärtig

Ich habe von 1962 bis 1973 in einem katholischen Waisenhaus vegetiert. Täglich gab es Prügelorgien der sadistischen Nonnen und Pfaffen. Nachts kamen sie an dein Bett, geilten sich an kleinen Jungen auf, missbrauchten sie. Hätte ich damals mehr Mut gehabt, hätte ich ein oder zwei abstechen sollen. Und wer glaubt, dass dies heute nicht mehr passiert, der glaubt auch noch an den Weihnachtsman. Meinem Pflegesohn ist es in 2001 nicht anders ergangen, danach war er tot, obwohl er erst 2017 Suizid begangen hat. Nichts ist vorbei, nichts...

  • Antwort von Kats, Mittwoch, 21.Februar, 12:49 Uhr

    Leon, dass ist das Schlimmste daran, ein ganzes Leben wird durch Missbrauch zerstört.
    Manchmal können es Psychologen erträglicher machen, verschwinden werden diese
    Qualen nie. Ich kenne selbst Betroffene und weiß über was ich schreibe.
    Sie haben aber durch Psychologen gelernt, "damit" zu leben.