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Realschule versus Gymnasium Entspannter zum gleichwertigen Schulabschluss

Die Hälfte aller Kinder bekommen zum Abschluss der Grundschule ein Zeugnis, das ihnen die sogenannte „gymnasiale Eignung“ bescheinigt. Trotzdem wählen viele Eltern lieber die Realschule als das G8-Gymnasium. Warum eigentlich?

Von: Gerhard Brack

Stand: 09.02.2016

"Wir haben es bei unserem Ältesten erlebt, dass sich ab der dritten Klasse die Freundschaften dahingehend aufgelöst haben, wer aufs Gymnasium geht und wer auf die Realschule oder wer bleibt gar auf der Hauptschule hängen?"

Albert Biersack, Schülervater

Das Ende der Grundschule nach der 4. Klasse: Ein Schrecken für Tausende Kinder und Familien in Bayern. Der zehnjährige Andreas hatte die Noten für den Übertritt aufs Gymnasium ohne Nachhilfe gut geschafft, erzählt sein Vater Albert Biersack aus Garching und war nach den Sommerferien zuerst im Gymnasium gestartet. Doch dann geschah etwas Unerwartetes.

"Er ist dann innerhalb der ersten Woche nach Hause gekommen und hat gesagt: 'Ich weiß nicht, was die von mir wollen.' Das hat sich dann so dargestellt, dass er um drei Notenstufen abgefallen ist und wir dann vor Weihnachten die Notbremse gerissen haben."

Albert Biersack, Schülervater

Aus Angst wird Druck und schlechte Noten

Die Eltern nehmen ihren Sohn aus dem Gymnasium und schicken ihn in die Realschule. Seitdem gibt es keine Probleme mehr, sagt Vater Biersack. Sein Sohn ist an der Realschule viel entspannter.

"Ein Abitur ist keine Garantie für ein glückliches Leben. Und es geht auch um eine schöne Kindheit. Eine Kindheit, die verloren geht, weil ich sie nur mit Pauken und Gewalt durchs Abitur bringe, die kann man nie, nie wieder nachholen."

Albert Biersack, Schülervater

Johanna Scharl vom Elternbeirat der Johann-Andreas-Schmeller-Realschule in Ismaning erlebt oft, dass Kinder in der fünften Klasse gleich wieder vom Gymnasium auf die Realschule wechseln. Viele Eltern empfinden das als Abstieg. Zu Unrecht, meint die Elternbeirätin.

"Vor allem für Eltern mit akademischem Abschluss ist es eine schiere Katastrophe. Und wir reden auch immer noch von einem 'Auf-die-Realschule-Runtergehen' und leider nicht von einem 'Rübergehen'."

Johanna Scharl, Elternbeirat Johann-Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning

Ein Ziel - mehrere mögliche Wege

Dabei führt längst nicht mehr nur das Gymnasium zum Studium, sondern auch die Realschule. Wer den Mittleren Schulabschluss macht, kann auf dem Weg über Wirtschaftsschule, über Fachober- und Berufsoberschule und sogar auch über den Meister noch zum Studium kommen – nur dauert es dann entsprechend länger.

"Das Einzige, das mir fehlt, ist Latein, wenn ich es bräuchte. Aber wer braucht es denn wirklich? Das sind die wenigeren Berufsgruppen."

Albert Biersack, Schülervater

Auch Latein lässt sich nachlernen. Aber abgesehen davon wünscht sich Vater Biersack gar nicht, dass seine Kinder Jura, Medizin oder Theologie studieren.

"Einen Arzt kann man wegen der Belastung für ein Kind fast nicht mehr vorschlagen, es sei denn , die Passion ist absolut da. Einen Pfarrer: Dafür habe ich kein Kind in die Welt gesetzt, dass ich dann ohne Enkel dastehe, und einen Rechtsanwalt will ich beileibe nicht am Sonntagmittag bei mir am Tisch dort sitzen haben."

Albert Biersack, Schülervater

Die richtige Mischung aus Bildung und Freizeit

Realschulkinder lernen nicht unbedingt weniger, aber sie lernen anders: mit mehr Freiraum am Nachmittag eben. So bleibt Zeit, um sich mit Freunden zu treffen, um ein Musikinstrument zu lernen oder in Vereinen mitzumachen, wie die 14-jährige Sophie, beim Sport.

"Wenn ich Freizeit habe, dann spiele ich Volleyball oder Tennis - im Verein oder auch mit meiner Schwester."

Sophie, 14-jährige Schülerin

Praktisches Wissen über die Welt, dazu mehr Freizeit und weniger Stress, das ist der Weg der Realschule, sagt Schulleiter Johann Wolfgang Robl. Er sieht seine Schüler bestens gerüstet für den Arbeitsmarkt.

"Diesem Land fehlen keine abgebrochenen Akademiker, sondern die nicht ausgebildeten Schlosser. Und auch das ist eine Tendenz, die wir an der Realschule zunehmend nicht nur in unserer Berufsmesse und über die Berufsinformationen, die wir den Schülern geben, weiter vermitteln wollen: Das Handwerk hat nicht nur in der Redewendung Goldenen Boden."

Johann Wolfgang Robl, Leiter der Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning

Leben neben der Schule

Inzwischen kommen Dutzende Firmen aus dem Umland zu den Berufsmessen an Robls Realschule. Jeder zweite seiner Fünftklässler hätte eigentlich eine Empfehlung fürs Gymnasium. Doch auch wenn die Schüler natürlich Leistung bringen müssen, steht über der Schulzeit ein gnädiges Motto, das der Direktor mit Vorliebe zitiert:

"Es muss ein Leben geben neben der Schule."

Johann Wolfgang Robl, Leiter der Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning


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Johanna Scharl, Donnerstag, 11.Februar 2016, 16:04 Uhr

5.

Sehr gute Darstellung, wo die Probleme beim Schulweg zum Abitur über das Gymnasium tatsächlich liegen. Zum Erreichen der (Fach-)Hochschulreife gab es noch nie so viele Alternativen wie heute. Warum nutzen dann immer noch so viele Eltern die vermeintlich beste Lösung über das Gymnasium? Mir ist das unverständlich. Übrigens sind das die Fallzahlen "Hälfte der Kinder haben die gymnasiale Eignung" an der erwähnten Realschule. Noch viel dramatischer sind die Zahlen in und um München, hier vor allem im Süden der Landeshauptstadt. Dort sind es rund 70%, die so die Grundschule verlassen. Ganz anders ist es auf dem Land. Hier sind es ca. ein drittel. Das entspricht sicherlich einer realistischen Zahl in Anbetracht dessen, dass die Übertrittsnote vor noch nicht so langer Zeit von 2,0 auf 2,33 angehoben wurde. Davon spricht aber heute keiner mehr. Warum wohl? Leider ist der gesellschaftliche und politische Druck so hoch geworden. Den Preis dafür bezahlen wir heute schon durch den Fachkräftemangel

Christian Baumann, Mittwoch, 10.Februar 2016, 10:05 Uhr

4. Um die Hälfte Schlauer ???

Ich kann nicht verstehen, warum der Hälfte der Grundschüler im Jahre 2016 die gymnasiale Eignung bescheinigt wird und vor knapp 35 Jahren waren es - zumindest in meiner Kleinstadt - Grundschule - nur knapp ein Fünftel. Sind denn die Kinder alle schlauer geworden ??? Der Grund dafür liegt nach meiner Beobachtung in dem Akademisierungstrend, der auch aus ideologischen Gründen in den letzten Jahre immer mehr zugenommen hat - denn wer studiert hat (ob mit Abschluss oder ohne) ist im gesellschaftlichen Ansehen höher angesiedelt als mit einer soliden Berufsausbildung. Und so wird, auch gefördert über die Darstellung in den Medien, nur noch der Bildungsweg über Gymnasium und Studium angepeilt. Selbst bei kaufmännischen Ausbildungsberufen wird es schwieriger, Auszubildende zu finden, weil es "chic" ist Betriebswirtschaft zu studieren, anstatt über Lehre und Weiterbildung z.B. als Fachwirt IHK schneller zu einem sichereren Arbeitsplatz zu gelangen und auch mehr i.d.R. mehr zu verdienen.

Paula Lerch, Dienstag, 09.Februar 2016, 09:59 Uhr

3. Bologna?!

Was wurde sich da doch angestrengt und Turbo-Abis und Schnell-Bachelor-Abschlüsse in die Manege geworfen, um die Jungen möglichst schnell dem Arbeitsmarkt zuzuführen!
Und jetzt sitzen die 18jährigen in den Abschlussklassen der Realschulen und M-Klassen in den Haupt- ("Mittel-")schulen, machen dann noch mehrjährige FOS fürs Abi und die Bachelorabsolventen sind z.T. fast älter als die Diplomanden von früher, nur dass dieser Junggesellen-Bachelor zwar als akademischer, aber offensichtlich auch wieder nur relativ wertloser Abschluss gilt und fast alle den "Master" anhängen - was sich wieder gewaltig in die Länge zieht. Noch mehr über 30jährige, die grad über der Masterarbeit sind, gabs früher beim Diplom auch nicht.

P. Grauf FOLin, Dienstag, 09.Februar 2016, 09:23 Uhr

2. Mittelschule Bayern

Auch auf der Mittelschule ist der mittlere Abschluss möglich - mit gutem Erfolg. Danach kann dann der gleiche Weg wie oben beschrieben werden.
Und - richtig bemerkt - Handwerk hat goldenen Boden - viele unserer Mittelschüler haben auf diesem Weg sehr guten Erfolg und verdienen eine guten Lebensunterhalt. Also - mehr Wertigkeit der Mittelschule. Denn - wer kümmert sich um unsere Kinder, Eltern? Wer baut unsere Heizung und versorgt uns mit Strom?
Wer baut unsere Häuser? Ich könnte hier sehr viele Beispiel aufzählen denn ich möcht die Wertigkeit der Mittelschule unterstreichen und klarstellen.
Also - ein dicke Lob an unsere Schüler der Mittelschule und deren Eltern! Sie tun uns ALLEN etwas sehr gutes. Liebe Eltern, habt den Mut und lasst euere Kinder an der Mittelschule, bevor ihr sie unnötig stresst.

P. Grauf
Lehrerin an der Mittelschule

Astrid Hofmann, Dienstag, 09.Februar 2016, 08:00 Uhr

1. Zwei Klassen Schulgesellschaft

Der Druck, nach der vierten Klasse zu den "auserwählten" zu gehören, also nahtlos den Übertritt ins Gymnasium zu schaffen, war vor 35 Jahren schon genauso groß wie heute. Ich kann mich gut daran erinnern, dass regelmäßig diejenigen Kinder nach vorne ans Lehrerpult gerufen wurden, die den passenden Notendurchschnitt hatten und in wenigen Monaten auf einem Gymnasium sein durften. Diese Gruppe war eindeutig die bessere. Der Rest blieb mit großen Augen sitzen. Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft hat sich nicht verändert. Dafür, dass meine Kinder das nicht erleben müssen und von der ersten Klasse bis zum Abitur durchgehend so weit kommen dürfen, wie sie es vermögen, zahle ich sehr viel Geld. Aber eine fröhliche Kindheit und Jugend ist es mir wert. Sehr schade nur, dass das nur wenigen Eltern vorbehalten ist.