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Schlachthof-Verstöße gegen Tierschutzrecht Stadt Augsburg weist Vorwürfe zurück

Die Stadt Augsburg wehrt sich gegen die Vorwürfe über wiederholte massive Mängel bei der Betäubung von Schweinen im Schlachthof Augsburg. BR Recherche und SZ hatten aufgedeckt, dass seit 2014 in mehreren bayerischen Schlachthöfen gegen Tierschutzrecht verstoßen wurde.

Von: Eva Achinger, Lisa Wreschniok, Katrin Langhans und Annemarie Ruf

Stand: 08.12.2016

Schlachten von Schweinen | Bild: picture-alliance/dpa

Darunter sind Betriebe, die schon 2014 bei Kontrollen auffällig waren. Noch im Mai hatte Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) versichert, dass die Mängel umgehend abgestellt worden seien. Zu den erneut beanstandeten Betrieben gehören nach Informationen von BR Recherche und Süddeutscher Zeitung auch Schlachthöfe in Augsburg, Motting bei Vilsbiburg und Trostberg. In allen drei Betrieben wurden wiederholt Vorgaben bei der Schweinebetäubung verletzt.

Stadt Augsburg wehrt sich gegen die Vorwürfe

Der Stadt Augsburg zufolge habe das Veterinäramt bereits vor der Kontrolle des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) 2014 festgestellt, dass es immer wieder Probleme bei der Betäubungstiefe von Schlachtschweinen gab. Es seien alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen worden, um die Ursache des Mangels zu finden und abzustellen.

Der sensible Moment beim Schlachten

Schweine werden mit CO2 oder einer Elektrozange betäubt. Wird das nicht ordnungsgemäß durchgeführt, kann das zur Folge haben, dass die Tiere den tödlichen Stich in die Halsschlagader bei Bewusstsein erleben. Sie bluten dann aus und sterben.

Dazu seien zum Beispiel die Betäubungsgeräte ausgetauscht, die gesamte Technik überprüft und erneuert wie auch das Betäubungspersonal geschult worden. Warum es zu den Problemen bei der Betäubung gekommen sei, sei trotz intensiver Ursachenforschung nicht zu ermitteln gewesen.

Ursache für Betäubungs-Probleme unklar

Selbst die Experten des LGL sowie einer eigens beauftragten externen Beratungsfirma hätten keine Ursachen ausfindig machen können, so die Amtstierärztin Felicitas Allmann. Aus veterinärmedizinischer Sicht spiele das Schlachttier selbst, dessen Herkunft, Verhalten, Verfassung und Genetik eine entscheidende Rolle für den Betäubungserfolg. Dieser Faktor sei weder durch den Betrieb, noch durch die amtliche Überwachung beeinflussbar.

Um sicher zu gehen, dass kein Schwein Schmerzen beim Töten erleiden muss, werde bei Bedarf sofort nachbetäubt. Klassisch wache Tiere, die zum Beispiel versuchen, sich aufzurichten - wie im Beitrag von Kontrovers gezeigt - habe es in Augsburg nicht gegeben. Seit über einem Jahr habe es keine Probleme dieser Art mehr im Schlachthof gegeben. Dies habe auch eine Nachkontrolle der Fachaufsichtsbehörde ergeben. Da der Schlachthof nicht gegen bestehende Rechtsvorgaben verstoßen habe, sei auch keine Ahndung möglich. Einem Schlachthofmitarbeiter seien nach Kritik wegen einer zu laschen Handlungsweise die sogenannte Schlachtsachkunde teilweise entzogen worden.

Veterinäramt Traunstein räumt Probleme ein

Am Nachmittag äußerte sich auch der Leiter des Veterinäramts Traunstein, Jürgen Schmid, zu den aufgedeckten Missständen im Bioschlachtbetrieb in Trostberg.  

"Bei den Kontrollen sind Mängel festgestellt worden, da brauchen wir gar nicht darüber reden. Und diese Mängel sind auch konsequent angegangen worden. Unsere Aufgabe ist es, diese Mängel möglichst schnell abzuarbeiten um sicherzustellen, dass der Betrieb diese Mängel behebt und dass die Schweine unter Beachtung des Tierschutzes geschlachtet werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Dass natürlich jedes Schwein, das geschlachtet wird, auch ausreichend betäubt ist. Und für unseren Betrieb hier im Landkreis muss man sagen, war das nie in Frage gestanden."  Allerdings, so Schmid weiter, habe die Betäubung in "einer bestimmten Zahl von Fällen nicht richtig gesessen" , so dass in einer "zu hohen Zahl nachbetäubt werden musste".

Studie über bayerische Schlachthöfe sorgte für Aufregung

Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf

Alle drei Betriebe hatten schon in einer im Frühjahr veröffentlichten Studie im Auftrag des Bayerischen Verbraucherschutzministeriums sehr schlecht abgeschnitten. Für die Studie wurden von Januar 2014 bis Januar 2015 insgesamt 20 große bayerische Schlachthöfe untersucht. Dabei wurden teils massive und gravierende Verstöße festgestellt. Bei fast jedem vierten Schwein verlief die elektrische Betäubung nicht reibungslos. Experten nannten die Ergebnisse der Studie „erschreckend“. Auch Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) hatte eingeräumt, die festgestellten Mängel habe man „keinesfalls erwartet“. Sie kündigte an, mit Nachdruck durchzugreifen und Nachschulungen der Mitarbeiter im Tierschutz und Umbauten in den Betrieben anzuordnen.

Grüne fordern Tierschutzplan

In einer Pressemitteilung mit der Überschrift "Es gibt ein Leben vor dem Schnitzel" bezeichnet die tierschutzpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Rosi Steinberger, die Zustände an bayerischen Schlachthöfen als "kaum zu ertragen": "Anstatt nur wirkungslose Ermahnungen auszusprechen, müssen die Missstände mit härteren Strafen konsequent abgestellt werden! (...) Mündliche Verwarnungen sind keine effektive Strafe und haben augenscheinlich auch keine abschreckende Wirkung. Das System ist auf Höchstleistung getrimmt und tritt den Tierschutz mit Füßen. Die Leidtragenden dieses kranken Systems sind die Tiere, die von Geburt bis zur Schlachtung einem ökonomischen Zwang unterworfen werden. Die Tiere werden auf Höchstleistung gezüchtet, als Ware behandelt und unnötig gequält. Das muss ein Ende haben".

Bayern brauche einen Systemwandel, so Steinberger weiter. Insbesondere müsse Umweltministein Ulrike Scharf (CSU) endlich einen Tierschutzplan für Bayern vorlegen, der das ganze Leben der Tiere umfasse.

Viele Mängel nicht abgestellt

Schlachthöfe und Tierschutz

Welcher Betrieb in der Tierschutzstudie im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums wie abgeschnitten hat, geht aus der Untersuchung nicht hervor. Die Betriebe sind anonymisiert. Erst nachdem ein Gericht die Herausgabe der Namen an die Reporter von BR und SZ angeordnet hatte, konnte das Rechercheteam die Ergebnisse zuordnen - mithilfe von Insidern und der Auswertung von Schlachtzahlen.

Doch Informationen von BR Recherche und SZ zeigen, dass diese Maßnahmen nicht vollumfänglich gegriffen haben. Das geht aus aktuellen Kontrollergebnissen der Behörden hervor: Betriebe haben sich teils verbessert - aber "umgehend abgestellt", wie es Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf im Mai versprochen hatte, wurden viele Mängel bei der Schweinebetäubung nicht.

Ministerium räumt Missstände ein

Anfang der Woche hat die Ministerin eingeräumt, dass bei Nachkontrollen "vereinzelt erneut gravierende Mängel" festgestellt wurden. Insgesamt habe sich die Tierschutzsituation verbessert.

"Verstöße gegen den Tierschutz sind nicht hinnehmbar. Tierschutzdefizite müssen dauerhaft abgestellt werden. Ich erwarte von den Schlachthofbetreibern, dass sie das geltende Recht konsequent einhalten.  Es ist die Pflicht der Betriebe, den Tierschutz nach den gesetzlichen Anforderungen zu gewährleisten. Die Betriebe haben hier eine besondere Verantwortung."

Ulrike Scharf, Bayerische Ministerin für Umwelt und Verbraucherschutz, Pressemitteilung vom 5.12.2016

Die Schlachthöfe bei Vilsbiburg, in Augsburg und Trostberg

Schlachthof Weichslgartner in Motting, Vilsbiburg:

Laut Behörden wurden hier 2014 Schweine nicht ausreichend oder zweifelhaft betäubt. 2015 und 2016 werden bei Kontrollen wieder Probleme bei der Betäubung dokumentiert. Der Schlachthof bedauert auf Anfrage "vereinzelte Defizite" in der Vergangenheit. Auch nach Auffassung des Landratsamts Landshut handelt es sich nicht um ein Systemproblem, sondern um "individuelle, situationsbedingte" Fehlleistungen einzelner Mitarbeiter. Alle Schweine seien nachbetäubt worden. Bußgeld hat das Landratsamt nicht verhängt.

Michael Marahrens vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit:
„Wenn über Jahre derselbe Tatbestand bestehen bleibt, dann besteht auch die Möglichkeit, aus diesen wiederholten Tatbeständen einen Straftatbestand herzustellen, der dann durch Staatsanwaltschaft und Gerichte geahndet wird.“

Schlachthof Augsburg  GmbH:

Ein Mitarbeiter wurde bei Kontrollen wiederholt auffällig, weil er Schweine nicht ordnungsgemäß nachbetäuben wollte. Ein amtlicher Tierarzt musste daraufhin einspringen. Die Kontrollbehörde verbot dem Mitarbeiter erst nach mehreren Vorfällen das Betäuben und verhängte Bußgeld. Die Schlachthof Augsburg GmbH reagiert auf Nachfragen von BR und SZ nicht.

Michael Marahrens vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit:
„Diesem Personal gehört schon bei einfacher Wiederholung desselben Tatbestandes zumindest für eine gewisse Zeit der Sachkundenachweis entzogen“.

„Chiemgauer Naturfleisch“ in Trostberg:

Der Bioschlachtbetrieb arbeitete offenbar über Jahre mit einer störanfälligen Betäubungsanlage. So stellten die Behörden bereits 2014 und 2015 fest, dass die Anlage zur Elektrobetäubung nicht zuverlässig funktionerte. Der Schlachtbetrieb teilte auf Anfrage mit, die elektronischen Anlagen seien von Grund auf überprüft und teilweise erneuert, das Personal aufgestockt und geschult worden. Doch im Jahr 2016 wurde bei einer erneuten Kontrolle wieder eine Funktionsstörung des Betäubungsgeräts festgestellt. Das Landratsamt Traunstein leitete daraufhin ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein, das noch nicht abgeschlossen ist.


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Rudolf Pausenberger, Samstag, 10.Dezember 2016, 12:31 Uhr

68. lebende Schweine in die Wurstmaschine

Welche Konsequenz kann man ziehen, sofern weiterhin geschlachtet werden soll? Der Betäubungsprozess muss per Video dokumentiert werden. Wer dann einem Schwein bei Bewusstsein die Kehle durchschneidet, muss genauso bestraft werden, wie wenn er es bei Nachbars lieber Schmusekatze täte.Den Schlachtern wird vorher klargemacht, so dass nächlässige Überprüfung die Strafe nicht minden wird. Die Gesetze existieren, der Mensch muss sie nur anwenden wollen.

Rudolf, Samstag, 10.Dezember 2016, 12:20 Uhr

67. Lebende Schweine in die Wurstmaschine

Vor einigen Jahren habe ich es selbst erlebt: Um für den Unterricht Schweineaugen zu bekommen war ich im Schlachthof und durfte sie mir aufsammeln. Im gelichen Raum wurden auch die Schweine nacheinander in eine Laufrinne getrieben. Am Ende der Rinne stand der Schlachhofmitarbeiter an der eingebauten Elektrozange, die er dem Schwein zur Betäubung an die Schläfe drückte. Weil das Schwein in der Rinne stand, sollte es genau die dafür richtige Position haben. Hatte es aber oft nicht: Der Mitarbeiter musste ein zweites Mal zudrücken, während hinten schon das folgende Schwein drängelte. Es kam in der kurzen Zeit, in der ich zugeschaut habe, zweimal vor, dass das Schwein auch beim zweiten Mal nicht betäubt war. Dann ließ er es unbetäubt weiter. Ich konnte nicht sehen, was dann passierte, aber das Quiecken der beiden war so entsetzlich, dass es mir heute noch nachgeht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Grausamkeit zeigt, wenn Kontrolleure anwesend sind.

Grünfink, Samstag, 10.Dezember 2016, 10:49 Uhr

66. Ethisches und soziales Problem

Ich denke es ist eher ein ethisches und soziales Problem, welches aber politisch gelöst werden muss.
Viele Menschen haben sich abgekoppelt vom Prozess des Tötens und Schlachtens eines Individuums (Tier), und sehen die Reste sauber abgepackt im Supermarkt oder beim Discounter. Zudem ist die Aufzucht/Mästung/Schlachtung selbst ökonomisiert und gewinnorientiert. Idealerweise müsste jeder, der Fleisch isst, mindestens einmal an einer Schlachtung teilgenommen haben und sogar das Tier (die zukünftige Mahlzeit) selbst getötet haben. Das ist praktisch natürlich nicht umsetzbar, und so muss Aufklärung und die Aufdeckung solcher Skandale weiter vorangetrieben werden. Glücklicherweise findet in der Gesellschaft langsam ein Wandel statt, weg vom Massenprodukt Fleisch hin zu Biofleisch, Vegetarismus und Veganismus.

Ein Anmerkung noch zum Betäubung mit CO2: die Schweine erleben das qualvolle Gefühl des Erstickens bei vollem Bewußtsein!

Verbraucher, Freitag, 09.Dezember 2016, 21:06 Uhr

65. Schlachthof-Verstöße gegen Tierschutzrecht

Leider bleibt der BR in seinem Bericht die Aufklärung schuldig aus welchen Recherchen sich die Behauptungen über Mißständte stützen. Es wird im Beitrag immer nur von "unsere Recherchen" gesprochen, ohne den Verbraucher darüber zu informieren, worauf der BR seine Erkenntnisse stützen will. Vor dem Hintergrund, dass nur kurze Zeit nach dem Bericht das Wort "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 gekürt wurde und vor dem Hintergrund der strafrechtlich relevanten üblen Nachrede und Verleumdung sieht seriöse Berichterstattung und Verbraucherinformation anders aus.

  • Antwort von Rodney Hung, Freitag, 09.Dezember, 21:56 Uhr

    Das Schild mit der Lügenpresse brauchen sie gar nicht hochhalten. Seit guter Journalismus funktioniert gibt es den Informantenschutz, von dem von Edward Snowden bis Watergate schon ein paar profitiert haben. Aber selbst in weniger heiklen Fällen, ist es ja wohl kaum üblich, die Quellen darzulegen. Hat die BILD je ihre "gewöhnlich gut unterrichteten Quellen" näher genannt? Hat die Russia Today im Fall Lisa eine valide Quelle für die (Falsch-)Meldung genannt? Und ganz nebenbei: Der BR gibt ihnen sicherlich weitergehende Information, worauf die Recherche fußt, wenn sie (weniger empört) nachfragen. Diese anklagende Haltung gegenüber alles und jedem, das/der nicht in das eigene (Stimmungs-) Bild passt, ist wirklich die Pest des Jahres 2016!

  • Antwort von N. Schöttl, Samstag, 10.Dezember, 08:12 Uhr

    @Verbraucher
    "Leider bleibt der BR in seinem Bericht die Aufklärung schuldig ..." - Dies ist nicht wahr. So wird oben im Bericht das Bayerische Verbraucherschutzministerium erwähnt, dem Studien zwischen 2014 und 2015 vorlagen, wonach bayerische Schlachthöfe sehr schlecht abschnitten. Als Audio-Version - bei Bayern 2 - können Sie dazu noch mehr (Quellen, Hintergründe etc. ) hören: http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/notizbuch/schwein-schlachthof-tierschutz-verstoss-100.html So musste unter anderem der BR erst gegen Herausgabe von Informationen vor Gericht klagen und bekam dann recht. Es ist also keineswegs nur ein Skandal welches Schlachthöfe betrifft, sondern auch die Behörden (Staatsregierung) selbst. So viel auch zum Thema "Lügenpresse" - was damit ja wohl eindeutig widerlegt wäre. Der BR gibt sich sehr wohl viel Mühe, um an die richtige Information zu kommen.

chauffeur, Freitag, 09.Dezember 2016, 11:07 Uhr

64. Hygiene

So so,
Kontrollen will man verschärfen.
Auch bei der Hygiene?
Beim Transport von Frischfleisch?
Saubere Ladeflächen?
Sauberes getauschtes Leergut, das zusammen mit frischem Fleisch transportiert wird?
Kühlkette nicht unterbrochen?