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Zweitmeinung bei OPs einholen Unnötige Rücken-Operationen

90.000 Rücken-Operationen seien allein im Jahr 2015 in Bayern überflüssig gewesen. Das bilanziert die Techniker Krankenkasse in ihrer aktuellen Patienten-Studie. Um die Zahl unnötiger OPs zu senken, bietet die Krankenkasse ihren Patienten an, sich vor einer Operation eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.

Von: Rebekka Preuß

Stand: 07.11.2017

Patient bei der Therapie auf einer Gymnastikmatte | Bild: BR

Mit dem Angebot einer ärztlichen Zweitmeinung will die Krankenkasse Geld sparen, denn die Kosten sind in der Summe immens. Aber auch für Patienten kann eine Zweitmeinung entscheidende Vorteile haben. Tobias Winter hat diese Möglichkeit genutzt. Bereits mit 21 Jahren wurde bei dem heute 27-Jährigen ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

Sechs Jahre lang geht er von Arzt zu Arzt, macht Krankengymnastik, eine berufliche Umschulung. Bis ihm schließlich mehrere Ärzte raten, seine Bandscheibe operieren zu lassen.

"Angst war immer da – auch in Bezug auf die Operation. Weil man nie weiß, was danach passiert. Und eine Garantie konnte mir kein Arzt geben, das es besser wird danach."

Tobias Winter, Patient

Schmerz- und Physiotherapie

An der Schmerzklinik Augsburg holt sich Tobias Winter eine Zweitmeinung ein. Die Klinik ist anerkanntes Zweitmeinungszentrum der Techniker Krankenkasse. Und die hier angebotene multimodale Schmerztherapie verbindet schmerz- und physiotherapeutische Maßnahmen mit psychotherapeutischen Inhalten.

Dr. Vassilios Rachaniotis gehört zum Leitungs-Team der Klinik. Er sagt, Schmerzen und damit Angst, entstehen im Kopf.

"Die Angst sollte der Arzt relativieren, ohne den Patienten anzulügen. Es ist gerade im Bereich der Bandscheiben-Problematik so, dass die Erkrankung als solches eine gute bis sehr gute Prognose hat. Und dass es in den allermeisten Fällen ohne Operation über die Bühne gehen kann."

Dr. Vassilios Rachaniotis, Leiter Schmerzklinik Augsburg

Dennoch werden in Bayern pro Jahr rund 90.000 unnötige Rücken-OPs durchgeführt. Die Techniker-Krankenkasse will diese Zahl senken, hat deswegen das Modellprojekt "Zweitmeinung" initiiert, an dem auch die Augsburger Schmerzklinik teilnimmt. Innerhalb von zwei Tagen bekommen Patienten hier eine zweite fachliche Beratung. Aber warum wird denn offensichtlich zu oft und zu vorschnell operiert?

"Nicht zuletzt spielen die Patienten eine Rolle, die nach einer schnellen Lösung drängen. Aber das Finanzielle spielt eine Rolle, das muss man sagen. Ein Kollege von mir, der operativ tätig ist, hat gesagt: „Lieber operiere ich eine Stunde, als das ich 100 Stunden quatsche."

Dr. Vassilios Rachaniotis, Leiter Schmerzklinik Augsburg

Selbst-Korrekturen helfen

Tobias Winter hat sich nach der Zweitmeinungs-Beratung gegen eine OP und für die multimodale Schmerztherapie entschieden. Nach vier Wochen ist er jetzt schmerzfrei und kann wieder Vollzeit als Kellner arbeiten. Und jeden Tag trainiert er sich auch ein bisschen selbst.

"Ich merke auch beim Laufen, dass ich mich selber erwische, wie ich in meine alte Haltung wieder reinrutsche. Ich versuche dann wieder gerade zu laufen. Oder beim Sitzen. Einfach wieder gerade zu sitzen. Das wurde mir vorher nie richtig gezeigt, was mir hier in der Schmerzklinik auch beigebracht wurde."

Tobias Winter

OP keine Luxuslösung

Anspruch auf eine Zweitmeinung vor einer Operation hat laut Gesetz übrigens jeder Patient einer gesetzlichen Krankenkasse. In seiner Arztwahl ist er dabei frei. Dr. Vassilios Rachaniotis wünscht sich deshalb, dass mehr Patienten als bisher den Mut aufbringen, eine zweiten Arzt zu konsultieren. Und er warnt: "Eine OP, die nicht indiziiert ist, ist nicht die bessere Lösung oder die Luxus-Lösung, sondern es ist eben eine schlechte für den Patienten. Denn es verändert eine sehr komplizierte Architektur im Bereich des Rückens. Und das hat langfristig auch Auswirkungen."


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