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Umwelt Schiffsroute mit Begleitgrün

Über Fluch und Segen des Rhein-Main-Donau-Kanals wird viel und kontrovers diskutiert, ein Verlierer steht aber fest: die Natur. Sattes Grün und künstliche Biotope entlang des Kanals erfreuen die Naturschützer nicht, weil zu viele schützenswerte Arten sprichwörtlich den Bach runter gingen.

Stand: 10.12.2008 | Archiv

Gelbbauchunke, gefährdet durch den Kanal | Bild: picture-alliance/dpa

Der frühere Bundespräsident und Landshuter CSU-Politiker Roman Herzog meinte in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel", "aufs Ganze gesehen ist das Altmühltal dadurch nicht hässlicher geworden". Dieser Satz drückt die ganze Misere aus: Wenn Touristen mit dem Ausflugsdampfer oder dem Fahrrad am Kanal entlang fahren, blicken sie auf sattes Grün und künstliche Biotope. Der echte Ökologe und Naturschützer mag sich daran aber nicht erfreuen, weil zu viele schützenswerte Arten sprichwörtlich den Bach runter gingen.

Blumenschmuck fürs Naturbegräbnis

Für den Bund Naturschutz (BN) ist das Ergebnis deshalb "nur Blumenschmuck auf dem Leichensarg der Natur", wie der heutige BN-Chef Hubert Weiger zur Fertigstellung des Kanals 1992 mitteilt.

Altmühltal bei Riedenburg: Touristen freuen sich an der Landschaft, Natürschützer beklagen die Zerstörung ökologisch wertvoller Gebiete.

Dabei hätte es durchaus noch schlimmer kommen können. Während beim Bau des 1972 fertig gestellten Nordabschnitts zwischen Bamberg und Nürnberg weitgehend die Ingenieure das Sagen hatten, werden bei der Planung der Südstrecke auch Landschaftsplaner und -ökologen beteiligt. In diesem Bereich liegen drei ökologisch besonders wertvolle Täler: Das Ottmaringer-, Altmühl- und Sulztal mit Feuchtwiesen, Mooren und Erlenbruchwäldern, Orchideen und seltenen Tierarten wie Eisvogel oder Wiesenpieper.

Landschaftsplaner sollen's richten

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Für so manchen Naturschutz-Funktionär sind die beauftragten Landschaftsplaner nur das Feigenblatt zur Sünde. Aber sie verhindern immerhin, dass die ursprünglich ganz rigiden Ausbaupläne realisiert werden. Statt eines gleichmäßig breiten, in jeder Hinsicht genormten Kanals, der ohne Rücksicht auf Verluste die Landschaft zerteilt, erarbeiten die Landschaftsbüros Pläne mit variantenreicheren Ufern, Böschungen und Wegen. Zudem werden die vom Kanal abgeschnittenen Flüsse und Altmühl-Schleifen nicht einfach zugeschüttet, sondern als Stillwasserzonen erhalten.

Bund Naturschutz - noch ganz zahm

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Als der mittlerweile verstorbene Nürnberger Reinhard Grebe 1974 seinen Landschaftsplan für das Altmühltal vorlegt, hat sich der BN damit abgefunden, dass der Kanal nicht mehr zu verhindern ist - und gibt sich erst einmal zufrieden. Zumal sich die Rhein-Main-Donau AG nicht lumpen lässt und im Altmühltal etwa 20 Prozent der Kanalinvestitionen für Öko-Maßnahmen ausgibt. Der BN hatte nur bescheidene fünf Prozent gefordert. Der damalige BN-Chef in Bayern, Hubert Weinzierl, hält den Grebe'schen Landschaftsplan denn auch für einen "guten Kompromiss zwischen den Belangen des Wasserstraßenbaues einerseits und den Vorstellungen des Bundes Naturschutz in Bayern e. V. andererseits".

Triste Bilanz der Naturschützer

Die hier anklingende Harmonie verhindert aber nicht, dass vor allem in den 80er-Jahren nochmals erbittert um den Kanalbau gestritten wird. Die Bevölkerung reagiert zunehmend sensibler auf Zerstörungen der Umwelt, die Grünen bereichern das Parteienspektrum und die Naturschutzverbände werden kämpferischer. Aber letztlich verlieren die Kanalgegner. Nach dem Bau der Wasserstraße ist in den fränkischen Jura-Tälern nichts mehr wie früher.

Der BN zieht zehn Jahre nach der Fertigstellung ein trauriges Fazit: Der Grundwasserspiegel gebietsweise gesenkt; 600 Hektar Feuchtgebiete vernichtet; starker Rückgang der Artenvielfalt bei Fischen, Vögeln, Amphibien oder Pflanzen; aus der ehemals fließenden Altmühl ist ein stehendes Gewässer geworden; Gelbbauchunke und Wasserspitzmaus teils ganz verschwunden. Wobei das ganze Ausmaß weiterhin unklar ist. Eine ökologische Gesamtbilanz nach dem Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals wurde nie erstellt.


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