71

Raser-Szene in Bayern Mit 140 km/h durch die Stadt

Illegale Raser gefährden immer wieder Unbeteiligte, verletzen oder töten sie gar im schlimmsten Fall. Härtere Gesetze sollen die Fahrer bremsen, doch die Raser werden sich davon nicht stoppen lassen. Und die Polizei ist fast machtlos.

Von: Tobias Brunner, Alexander Loos, Niklas Schenk

Stand: 05.07.2017

Symbolbild: Autoraser | Bild: picture-alliance/dpa

Kurz vor drei Uhr nachts auf der Münchner Leopoldstraße. Hakim deutet auf das BMW Cabrio an der Ampel vor ihm: „Der zieht gerade jeden ab - der ist der schnellste“. Dann schaltet die Ampel um, das Cabrio rast mit quietschenden Reifen davon. Hakim drückt das Gaspedal durch, beschleunigt seinen Mercedes auf 100 Kilometer pro Stunde. Mitten in der Innenstadt, in der 50er Zone.

Hakim heißt eigentlich anders, aber er will anonym bleiben. Denn er zählt zur illegalen Raserszene und heizt regelmäßig mit rund als 140 km/h durch München. Was geht in Menschen wie Hakim vor und was kann man überhaupt gegen solche Rennen tun?

Mit 100 durch die Innenstadt: Sie nennen es "Stadttour"

Wochenlang haben Kontrovers-Reporter versucht, Kontakte zu illegalen Rasern zu knüpfen - über Facebook, über viele Gespräche auf Tankstellen. Diese dienen den Fahrern oft als Treffpunkt. Nach einigen Versuchen nimmt uns schließlich eine Gruppe junger Männer mit - auf eine "Stadttour", wie sie es nennen. Mit Rasen habe das nichts zu tun, versichern sie.

Doch schnell wird klar: Die Männer suchen den Adrenalinkick, fahren fast durchgehend viel zu schnell. "Wenn ich hier mit 50 durchfahre, ist das kein Fahren mehr, sondern ein Kriechen", sagt Hakim auf der Leopoldstraße. Keiner in der Gruppe ist älter als 25 Jahre, alle haben leistungsstarke Autos, mit 300 oder 400 PS.

Neue Gesetze sollen abschrecken

Immer wieder sterben bei illegalen Straßenrennen unbeteiligte Fußgänger oder Radfahrer - zuletzt Mitte Juni in Mönchengladbach. Der Bundestag hat deshalb vergangene Woche härtere Strafen für solche Rennen beschlossen.

Bundestagsbeschluss vom 29. März 2017

An einem illegalen Rennen teilzunehmen, war bisher nur eine Ordnungswidrigkeit, mit dem neuen Gesetz wird das zur Straftat: Statt maximal 400 Euro Bußgeld drohen nun bis zu zwei Jahre Haft. Konnte der Führerschein bisher maximal einen Monat entzogen werden, droht nun ein lebenslanges Fahrverbot. Das Gesetz muss aber erst noch in Kraft treten.

Härtere Strafen? Den Rasern egal

Die Raser schreckt das allerdings nicht ab. "Härtere Regeln machen es nicht besser - dadurch haben wir nicht mehr Angst", erzählt ein Raser an einem anderen Szene-Treffpunkt. Es ist das Dach eines Parkhauses, zu dem uns Hakim geführt hat.

Im Gegenteil: Die jungen Männer brüsten sich mit ihren Erfolgen. "Bringt uns die Besten aus München, mit den gleichen Autos – keine Chance, dass die mithalten." Von Dachau in die Münchner Innenstadt würden sie es in neun Minuten schaffen. Eigentlich dauert die Fahrt 25 Minuten.

Und die Gefahr, in die sie andere bringen? Dafür haben sie kein Bewusstsein: "In jedem Sport kann etwas schieflaufen. Wenn Cristiano Ronaldo aufs Spielfeld geht, rechnet er auch damit, dass irgendjemand seinen Fuß auseinandernimmt. Dafür hat er den auch versichert."

Die Polizei ist oft machtlos

Wenn schon härtere Strafen nicht abschrecken, was kann die Polizei da überhaupt tun? Zwar gibt es laut Oberlandesgericht Hamm klare Kriterien für ein illegales Rennen. So muss der Sieger beispielsweise durch Höchstgeschwindigkeit ermittelt werden und mindestens zwei Fahrer müssen daran teilnehmen.

Doch das Problem: Die Polizei muss die Raser auf frischer Tat ertappen. Andernfalls kann sie höchstens prüfen, ob ein Fahrer sein Fahrzeug unerlaubt modifiziert hat, etwa wenn dieses zu laut ist.

Raserszene ist nur schwer zu fassen.

Wie schwer das in der Praxis ist, musste am vergangenen Wochenende auch die Polizei München erleben. Zum ersten Mal kontrollierten rund 70 Beamte an mehreren Standorten gezielt auffällige oder besonders laute Fahrzeuge, um Raser auszubremsen. Die Bilanz: Immerhin 65 Geschwindigkeitsverstöße - aber gerade einmal fünf Autos, die aus dem Verkehr gezogen wurden.

Für den Abend hatte die Polizei auch eine große Aktion an einer Tankstelle geplant: Dutzende Beamte sollten dort auf einen Schlag alle Fahrer überprüfen. Doch die Kontrolle fiel kurzerhand aus - zu wenige verdächtige Autos waren an diesem Abend dort unterwegs.

Die spontanen Raser lassen sich eben nicht mit einer durchgeplanten Aktion an einem einzigen Abend erwischen.

Zwar geht die Polizei davon aus, dass es in München derzeit keine "sesshafte und strukturierte Rennszene" gibt. Doch Kontrovers hat bei seinen Recherchen gleich mehrere Gruppen getroffen, die jede Woche durch die Innenstadt heizen und damit sich und andere gefährden!


71

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Cruser, Sonntag, 09.Juli 2017, 05:25 Uhr

39. Rasen in der Stadt/willkommen auf der Autobahn.Mal an der eigenen Nase fühlen

Der Bericht ist halbherzig. In 30 Minuten kann man zwar über das Rasen in der Stadt reden aber auf den Kern geht dieser nicht. Grundsätzlich leben wir in einer Minderwertigkeitgesellschaft wo man andere ausstechen muss.Mit was für materialistischen Gegenständen bleibt jeden selbst überlassen.Zu bezweifeln ist einfach,dass härte Gesetze etwas darin ändern.Der Führerschein(Waffenschein) erlaubt das bedienen, aber ohne solls auch gehen.

Aber wie fährt denn der Durchschnitt. Grausam und sie sind sich ihres Verhalten nicht bewusst.Das heutige Auto nimmt den Verkehrsteilnehmer das Denken weg. Vorausschauendes fahren gibt es nicht. Automatikgetriebe, Tempomat, ABS,ESP, Airbag und Spurassistent und Abstanzhalter muss alles rein in das Fahrzeug. Sinnlos der Deutsche drückt das Gaspedal durch,um dann 200m vor dem anderen Auto runterzubremsen.Vom Gas frühzeitig runtergehen und mit dem Motor runterzubremsen ist unmöglich.Rausscheren ist Volkssport sowie Gaffen und Rettungsgasse ist unnötig.

Peter Spannbauer, 94113 Tiefenbach, Hofer Str. 2 a, Mittwoch, 05.Juli 2017, 21:53 Uhr

38. Reportage über illegale Rennen hervorragend recherchiert

Ich betreibe seit mehr als 30 Jahren aktiv Rallyesport, nehme an erlaubten Rennen nach § 29 StVO teil. Ich beschäftige mich intensiv mit der Thematik Sicherheit im legalen Motorsport. Ich kann Ihnen versichern, dass echte Motorsportler nur und ausschließlich auf behördlich abgesperrten Strecken ihren Sport ausüben und gerade in der Disziplin Rallye die strikte Einhaltung der StVO auf den nicht abgesperrten Strecken sogar ein wesentliches Wertungskriterium ist. Echte Motorsportler distanzieren sich von jeglicher Missachtung der Vorschriften im öffentlichen Straßenverkehr und unterstützen die Polizei und alle Behörden bei der Überwachung der Verkehrsvorschriften und der Bekämpfung illegaler Rennen.
Ihre Reporter haben für die Sendung hervorragend recherchiert und haben Einblicke gewonnen, die sich den TV Zuschauer sehr authentisch vermitteln konnten. Vielen Dank für die tolle Reportage.

Stefan Elbel, Mittwoch, 05.Juli 2017, 21:38 Uhr

37. Mit 140 km/h durch die Stadt ist Wahnsinn

Da sagt einer dieser Raser, "jeder Sport ist nun mal gefährlich, ein Christiano Ronaldo kann auch gefoult werden, sein Fuß ist deswegen versichert".
Wie bitte?
Diese illegalen Autorennen als "Sport" zu bezeichnen ist verrückt. Diese Raser sind absolut ungeeignet eine Fahrzeug zu führen.
Und endlich wird sowas härter bestraft! Als Straftat, meiner Meinung nach ist ein tödlicher Unfall eines Unbeteiligten bei solchen Rasern als vorsätzlicher fahrlässiger Totschlag zu werten. Und der Führerschein sollte lebenslang entzogen werden!
Wenn sie sich messen wollen, dann sollen sie Rennen auf abgesperrten Straßen durchführen oder auf einer legalen Rennstrecke.
Ich hätte auch keine Bedenken, wenn in Deutschland endlich auch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen eingeführt würde, beispielsweise 130 km/h.

Sepp, Mittwoch, 05.Juli 2017, 21:14 Uhr

36. Vollgas

Mei, man braucht sich doch nicht zu wundern. Wir sind ja auch eins der wenigen Länder, die noch nicht mal ein Tempolimit auf Autobahnen haben. Unser modernes Deutschland. Haben Sie schon mal einen Angehörigen deswegen verloren. Also. Was wäre aber wenn. Da bekommt man richtig Hass und Wut.

steamtrain, Mittwoch, 05.Juli 2017, 13:40 Uhr

35. schlicht und einfach

Autos, vor allem getunte Autos, entschädigungslos einziehen und zu Gunsten Geschädigter versteigern, nach Einkommen eine Strafzahlung die wirklich weh tut also ab 1.000 € aufwärts, auf min. 5 Jahre den Führerschein, bei tödlichem Ausgang auf Lebenszeit entziehen (was diese Raser wohl am meisten schmerzen wird) und min. 100 Sozialstunden in einem Unfallkrankenhaus. Doch mit unseren Verkehrs und Justizministern wird das wohl nie geschehen obwohl es uns andere Länder seit langem vormachen.