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Jagd auf ein Phantom Die letzte Generation der RAF

Die dritte Generation der "Rote Armee Fraktion" (RAF): Zehn Morde gehen auf das Konto der Baader-Meinhof-"Enkel", verübt in den 1980er und 1990er Jahren. Mutmaßliche Täter und ihre Helfer sind untergetaucht. Doch jetzt sollen drei von ihnen, Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette, wieder aktiv sein.

Von: Lisa Wreschniok und Stefanie Waske

Stand: 29.06.2016

Logo der der inzwischen aufgelösten terroristischen Vereinigung RAF (Rote Armee Fraktion) über Fotos von Burkhard Garweg (l-r), Daniela Klette und Ernst-Volker Staub, Ex-Mitglieder der RAF | Bild: picture-alliance/dpa, LKA Niedersachsen, Montage: BR

Rückblick: Am 9. Juli 1986 wurde der Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler auf der Straße zwischen Straßlach und Grünwald bei München ermordet. Durch eine ferngezündete Sprengfalle. Zur Tat bekannte sich die RAF. Genauso wie zur Ermordung des Diplomaten Gerold von Braunmühl im Oktober vor 30 Jahren. Bis heute leben ehemaligen Mitglieder weiter im Untergrund.

Raubüberfälle in Norddeutschland

Ex-RAF-Terroristen zugeschriebene Überfälle

Doch offensichtlich verlassen sie ihre Deckung immer wieder - um mit Überfällen Geld zu erbeuten. Wie zum Beispiel am vergangenen Samstag in Cremlingen bei Braunschweig: Ein Geldtransporter fährt vor ein Möbelhaus. Als der Beifahrer aussteigt, kracht ein blauer Opel Corsa von hinten in den Transporter, vorne blockiert ein silberner Ford den Weg. Drei Maskierte, mit einer Automatikwaffe und einer Panzerfaust bewaffnet, springen aus den Fahrzeugen. Es ist das gleiche Muster, nach dem in der letzten Zeit drei ehemalige RAF-Mitglieder immer wieder auf Beutezug gingen.

"Das weckt natürlich Erinnerungen an die Zeit vor 30 Jahren und auch an die Tatsache, dass bisher ja sehr wenig aufgeklärt ist aus der dritten Generation der RAF."

Patrick von Braunmühl, Sohn von RAF-Opfer Gerold von Braunmühl

Blutspur durch Bayern

Patrick von Braunmühls Vater, Gerold von Braunmühl, wurde im Oktober 1986 vor seinem Haus abgepasst. Zwei maskierte Männer erschossen den engen Vertrauten des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher. Erst viel später erfuhren die Angehörigen, dass dem Auswärtigen Amt bekannt war, dass von Braunmühl auf einer RAF-Todesliste stand, dass die Behörde es aber offenbar versäumt hat, von Braunmühl darüber zu informieren. Eine tragische Panne, die sich einreiht in die vielen Ermittlungspannen um die Aufklärung der RAF-Morde. Vor diesem Hintergrund erscheinen die neuen Überfälle der RAF-Rentner, wie sie in einigen Medien etwas verharmlosend bezeichnet werden, für Patrick von Braunmühl in einem neuen Licht:

"Insofern ist es für mich schon überraschend, dass jetzt drei Figuren aus dieser Zeit ja zum einen frei herumlaufen, aber offenbar ja auch regelmäßig Raubüberfälle zur Geldbeschaffung organisieren."

Patrick von Braunmühl, Sohn von RAF-Opfer Gerold von Braunmühl

Staub, Garweg und Klette immer noch auf freiem Fuß

Fotos von Burkhard Garweg (l-r), Daniela Klette und Ernst-Volker Staub, Mitglieder der inzwischen aufgelösten terroristischen Vereinigung RAF

Tatsächlich erstaunt, dass die Polizei die drei mutmaßlichen Täter nicht festnehmen kann. Sie hat aktuelle Fotos von Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg, die ihre Überfälle alle in Norddeutschland verüben, immer nach demselben Muster. Die Polizei hat auch zwei Fluchtfahrzeuge des Trios sichergestellt. Aber, so Lutz Gaebel von der Staatsanwaltschaft Verden:

"Die Erkenntnis, dass es sich hier um Tatverdächtige handelt, die bereits seit längerem im Untergrund leben hat dann natürlich auch zusammengepasst mit den geringen Spuren, die gefunden wurden. Das heißt, wir haben es hier mit Menschen zu tun, die es gewohnt sind – seit langem – ihre Spuren zu verwischen."

Lutz Gaebel, Staatsanwaltschaft Verden

Alle drei mutmaßlichen Täter sollen der sogenannten dritten Generation der RAF angehören. Dieser werden zehn der insgesamt 34 RAF-Morde zugeschrieben. Auch der am Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhard Groppler vor fast genau 30 Jahren. Als die Ermittler damals das Bekennerschreiben und das Fluchtfahrzeug fanden, entdeckten sie kaum verwertbare Spuren. Dafür aber 23 Jahre später, 2009, als das Material mit neuen technischen Möglichkeiten untersucht wurde.

"Diese neue Methode hat dazu geführt, dass an einem Bekennerschreiben auch eine sehr ergiebige und aussagekräftige DNA-Spur sichergestellt werden konnte."

 Rainer Griesbaum, ehem. Bundesanwalt

Rainer Griesbaum hat Jahrzehnte gegen die RAF ermittelt. Die so gewonnene DNA haben die Fahnder aber nicht mit allen potenziell Verdächtigen abgleichen können, da viele Ermittlungen bereits eingestellt waren. Also wieder keine Klarheit - die sich die Angehörigen der Opfer doch so sehr wünschen. Auch deswegen hoffen sie darauf, dass die Behörden das ehemalige RAF-Trio endlich festnehmen können, um von diesen eventuell mehr über die Taten der dritten RAF-Generation zu erfahren.

"Für mich ist das einfach Teil der Trauerarbeit, zu wissen, was passiert ist, warum es passiert ist – das macht einen Toten nicht wieder lebendig, aber es ist für die Verarbeitung doch wichtig."

Patrick von Braunmühl


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