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Quidditch-WM in Frankfurt Ein Besen erobert die Sportwelt

Quidditch ist die bekannteste Sportart der Zauberwelt, mit Leidenschaft gespielt auf Harry Potters Internat Hogwarts. Und: Quidditch ist die erste Sportart weltweit, die den Sprung aus der Fiktion in die Realität schaffte. Heute beginnt in Frankfurt am Main die dritte Quidditch-WM. Über einen Sport, der längst mehr ist als der Zeitvertreib von Zauberlehrlingen.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 22.07.2016

Quidditch-Spieler der "Rheinos Bonn" trainieren am 04.04.2016 im Hofgarten in Bonn (Nordrhein-Westfalen) | Bild: pa/dpa

Als Joanne K. Rowling "Harry Potter" schrieb, hätte sie wohl nie gedacht, dass die von ihr erfundene Sportart Quidditch je von Muggels (normalen Menschen) gespielt würde. Kein Wunder. Quidditch ist eigentlich kein Sport für Normalsterbliche. In 20 Meter Höhe rasen die Schüler der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei auf Zauberbesen durch die Lüfte, auf der Jagd nach dem magischen Schnatz. Auch Harry hatte vor Hogwarts noch nie von Quidditch gehört.

"Hagrid, was ist Quidditch? ...Das ist unser Sport. Zauberersport. Es ist wie - wie Fußball in der Muggelwelt - alle fahren auf Quidditch ab - man spielt es in der Luft auf Besen und mit vier Bällen - nicht ganz einfach, die Regeln zu erklären."

Harry Potter und der Stein der Weisen

Kein Sport für Muggels

Da Muggels aber bekanntlich nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Kehrbesen zum Fliegen zu bringen und auch weder die halsbrecherische Geschwindigkeit noch die riskanten Manöver der fiktiven Quidditchschüler lange überleben würden, stellt sich die logische Frage:

SpielerInnen der "Rheinos Bonn" beim Training

Was steckt hinter der Quidditch Weltmeisterschaft, die heute in Frankfurt beginnt? Ein Spaß-Event eingefleischer Harry Potter Fans? Die Antwort ist: Nein. Fast unbemerkt hat sich Quidditch in den vergangenen elf Jahren von einem fiktiven Zeitvertreib Harry Potters und seiner Freunde zu einer ernsthaften, in einem internationalen Verband organisierten Sportart entwickelt.

Vom Zeitvertreib zu ernsthafter Sportart

Laut der Internationalen Quidditch Association (IQA) schaffte Quidditch bereits 2005 den Sprung aus der Fiktion in die Realität. Zwei Studenten des Middlebury College in Vermont (USA) holten den Sport aus der Luft auf die Erde und passten die Regeln an profane irdische Verhältnisse an. Von da an eroberte Quidditch die Welt.

Wöchentlich bilden sich seither neue Teams. 2007 fand das erste Turnier statt, 2012 die erste Weltmeisterschaft im britischen Oxford. Bereits fünf nationale Teams nahmen damals teil (GB, USA, Kanada, Frankreich, Australien), 2014 waren es sieben. Zur Weltmeisterschaft in Frankfurt werden nun 21 Nationen erwartet. Quidditch ist eine der schnellwachsendsten Sportarten weltweit.

"Brooms up"

In den kommenden zwei Tagen heißt es auf dem Frankfurter Rebstockgelände nun "Brooms up" ("Besen hoch"). Mit diesem Schlachtruf beginnt jedes Spiel. Man muss sich das Ganze wie eine Mischung aus Rugby, Handball und Volleyball vorstellen.

Die "Three River Dragons" von der Uni Passau beim Kampf um die Tore

Zwei Mannschaften à sieben Spieler treten gegeneinander an. Maximal vier Spieler dürfen demselben Geschlecht angehören. Ziel ist es, möglichst viele Punkte zu machen, in dem man den Quaffel, einen etwas schwächer aufgepumpten Volleyball, durch die Torringe des Gegners bringt. Pro Tor gibt es 10 Punkte. Die Torringe sind auf Stangen unterschiedlicher Höhe angebracht.

Ein Tennisball wird zum Schnatz

Nach Ablauf von 18 Spielminuten kommt der goldene Schnatz ins Spiel. In der Romanvorlage ist das ein kleiner goldener Ball mit silbernen Flügeln, der durch die Luft rast. In der realen Welt ist der Schnatz ein profaner Tennisball. Er steckt in einem Socken, der am Hosenbund eines unparteiischen Spielers befestigt ist. Dessen Beine verleihen dem Schnatz die fehlenden Flügel. Eine Minute, nachdem er ins Spiel eingestiegen ist, beginnt die Jagd auf ihn. Der Sucher, der ihn erwischt, bekommt 30 Punkte und beendet das Spiel. Gewonnen hat, wer am Ende mehr Punkte hat.

Die Quidditch-Spielpositionen

Der Hüter

Jede Mannschaft hat einen Hüter. Er ist sozusagen der Torwart. Der Hüter verteidigt die drei Torringe des eigenen Teams, das heißt er passt auf, dass kein Quaffel (Volleyball) durch einen der unterschiedlich hohen Torringe geworfen wird. Hüter müssen reaktionsstark und wendig sein.

Der Jäger

Jede Mannschaft hat drei Jäger. Ihre Funktion ist es, den Quaffel durch die gegnerischen Ringe zu werfen, um zehn Punkte pro Tor zu erzielen. Sie bewegen sich über das gesamte Spielfeld und werfen sich den Quaffel auf dem Weg zu den Ringen gegenseitig zu. Jäger müssen flink, durchsetzungsstark und 'skrupellos' sein.

Der Treiber

Pro Mannschaft gibt es zwei Treiber. Sie haben nicht nur ihren Besen, sondern jeweils auch drei 'Klatscher', i.e. Dodgeballs. Mit diesen versuchen sie, gegnerische Spieler abzuwerfen. Wer getroffen wird, muss aus dem jeweiligen Spielzug ausscheiden, zu einem der drei Torringe seiner Mannschaft laufen und diesen berühren. Erst dann darf er weiterspielen. Treiber sollten reaktionsschnell und treffsicher sein.

Der Sucher

Jede Mannschaft hat einen Sucher. Seine Aufgabe ist es, den Schnatz zu fangen. Dabei handelt es sich um einen Tennisball, der in einer Socke steckt, die ein neutraler Spieler am Hosenbund oder Rücken befestigt hat. Sobald ein Sucher des Schnatzes habhaft wurde, ist das Spiel beendet und der erfolgreiche Sucher gewinnt 30 Punkte für seine Mannschaft. Sucher brauchen flinke Finger und müssen sehr schnell sein.

Gemischtgeschlechtlicher Vollkontaktsport

Quidditsch ist weltweit der einzige Vollkontaktsport, den Frauen und Männer gemeinsam spielen. Nichts für verträumte Büchereulen. Die Spieler müssen einiges aushalten. Schmerzhaft ist nicht nur der Kontakt mit den Körpern der Gegner, sondern auch der mit dem Klatscher, i.e. der Ball, mit dem die Treiber die gegnerischen Spieler abschießen.

Die Spieler brauchen taktisches Gespür, um den Klatschern auszuweichen, sie müssen ausdauernd sein und schnell. Und dann ist da ja auch noch dieser Besen zwischen den Beinen.

Plastikstangen statt Zauberbesen

Statt eines Besens haben die Spieler der "Rheinos" einen PVC Stab zwischen den Beinen

Aus Gründen der Aerodynamik und der Sicherheit benutzen die meisten Mannschaften mittlerweile leichte PVC-Stangen. Entweder die Spieler pressen diese zwischen die Beine - mit dem Nachteil, dass sie dann nicht mehr richtig laufen können, oder sie halten die Stangen mit einer Hand fest, was dazu führt, dass die Spieler für den Quaffel nur noch eine Hand frei haben.

Die Regel lautet in jedem Fall: Wer seinen Besen verliert, muss zurück zu den Torringen der eigenen Mannschaft und einen davon berühren, bevor er weiterspielen darf. Viel schweißtreibende Lauferei also, das Spielfeld ist oval und 30 bis 40 Meter groß.

21 Nationen treten in Frankfurt an

Zwei Tage lang werden sich jetzt also in Frankfurt 21 Nationen am amtierenden Weltmeister USA messen müssen. Im Mutterland des realen Quidditch gibt es die meisten Mannschaften, vor allem an den Universitäten. Der jedes Jahr stattfindende US Quidditch National Cup ist mit über 10.000 Zuschauern die weltweit größte Quidditch-Veranstaltung.

Der Nabel des europäischen Quidditch ist Großbritannien. Dort gibt es über 50 Mannschaften. Längst suchen auch hier Scouts nach den besten Spielern für die Nationalmannschaft.

Acht Vollmitglieder im Deutschen Quidditchbund

Deutschland ist in Sachen Quidditch ein Nachzügler, holt aber gewaltig auf. Aktuell sind acht Mannschaften im Deutschen Quidditchbund DBQ organisiert: Ruhr Phoenix (Bochum), Rheinos Bonn, Darmstadt Athenas, Frankfurt Mainticores, Black Forest Bowtruckles (Freiburg), Three River Dragons (Passau), Broom Breakers (Schwarzach a. M.), Tübinger Testrale. Amtierender deutscher Meister sind aktuell die Rheinos Bonn.

Weitere Teams formieren sich gerade in zahlreichen Städten und Gemeinden. In Bayern gibt es neben Passau Teams in Augsburg und München.

Deutschland tritt in Frankfurt mit 21 Spielern unter Nationaltrainer Jonas Zinn an. Nina Heise, die Präsidentin des Deutschen Quidditchbundes rechnet dem deutschen Team Chancen aus, zumindest auf eine Teilnahme am Halbfinale.

Nur die Hälfte der Quidditch-Spieler sind Harry-Potter-Fans

Übrigens: Nur die Hälfte der realen Quidditch-Spieler kennt die Romanvorlage. Diese ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits werden viele neugierig, wenn sie hören, dass es den Zauberersport mittlerweile auch im realen Leben gibt. Andererseits führt es dazu, dass Quidditch als Sportart nicht richtig ernst genommen wird.

"Viele denken zum Beispiel, dass wir die Harry-Potter-Welt nachstellen - dabei machen wir echten Sport und erbringen auch echte sportliche Leistungen."

Nina Heise, Präsidentin Deutscher Quidditchbund


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