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Umbruch in Münchens nahem Osten Paulaner - ein Brauriese zieht um

Die Brauerei Paulaner hat den ältesten Münchner Braustandort am Nockherberg verlassen und am Stadtrand bei Langwied neue Brunnen gegraben. Der Umzug ist ein logistischer Kraftakt - mit weitreichenden Nebenwirkungen für die alten Nachbarn.

Von: Michael Kubitza

Stand: 07.11.2017

Sprengung des Paulaner-Kamins am 15.07.2017 | Bild: Bayerische Hausbau

Die Gerüchteküche brodelte seit Jahren wie ein Sudkessel: In der Münchner Brauszene kursierten Umzugspläne. Im November 2011 machte Paulaner das große Faß auf. Der Brauriese verläßt die Stadt.

Ein Traditionsbruch. Denn schon 1634 rührten die Mönche, die Paulaner den Namen geben, ihren Biersud im Dreieck Giesing-Au-Haidhausen. Heute gehört die Brauerei einem internationalen Konsortium. Bis 2018 zieht sie auf ein größeres Gelände in Langwied, einer Gegend, die für Münchner weit jenseits von Eden liegt, aber doch noch zur Stadt gehört - was von entscheidender Bedeutung ist: für die Stadt, die nicht auf den Gewerbesteuerzahler Paulaner verzichten will, ebenso wie für die Brauerei, die ihren Status als Münchner Brauerei nicht verlieren will, der ihr den Stammplatz auf dem Oktoberfest sichert.

Spektakel und Kraftakt

Für die Öffentlichkeit war der Umzug ein Spektakel. Wenige Tage vor der Wiesn 2015 machte sich ein zünftiger Festzug von München-Au nach München-Langwied auf: vorneweg der Paulaner-Pferdewagen, dahinter die Braumeister mit den Hefestämmen. Die wurden in speziellen Kühlbehältern transportiert, weil die Hefe es gerne kalt und dunkel hat. Unterwegs machte der Tross an diversen Wirtschaften halt, und natürlich gab es dabei Freibier.

Hinter den Kulissen ist der Umzug vor allem ein logistischer Kraftakt. Schon 2014 haben sich Teile der Logistik verabschiedet, 2015 kam das erste Neu-Paulaner in die Flasche. Ein gutes halbes Jahr lang braute der Konzern an zwei Standortene, bevor die Brauerei sich 2016 komplett aus der Au zurückzog.

2017 kamen die Abrissbagger - und hunderte Schaulustige, die zusahen, wie der Schornstein der Brauerei in sich zusammenfiel. 2018 sollen die Baukräne anrücken.

Was der Umzug der Brauerei bringt

Statt bisher 2,8 Millionen Hektoliter kann die Brauerei auf einer Fläche von 15 Hektar im Nordwesten der Stadt 3,5 Hektoliter Bier produzieren - mit Luft nach oben. Rund 300 Millionen Euro hat Paulaner auf dem Areal an der Autobahnspange zwischen A8 und A99 in moderne Brau- und Abfüllanlagen investiert und neue Brunnen gegraben, die sich laut Brauerei aus Tertiärwasser von gleicher Qualität wie am alten Standort speisen. Zum Mehr an Platz soll ein Mehr an Effizienz kommen. Was das für die Mitarbeiter bedeutet: Rund zehn Prozent der Belegschaft werden überflüssig.

Abschied von Bier, Nudeln und Zelluloid

Ganz aus dem Staub machen wird sich die Brauerei nicht. Das Stammhaus und der Nockherberg mit seinem Biergarten bleiben, auch wenn die alten Brunnen zugeschüttet werden. Die Nachbarschaft aber wird sich dramatisch verändern - wieder einmal.

Eben erst ist keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt auf alten Agfa-Gelände ein völlig neues Viertel aus dem Boden gewachsen. Und noch ein prominenter Nachbar der Brauer hat die Stadt verlassen: der seit 1898 am Tassiloplatz ansässige Nudelhersteller Bernbacher walzt seine Produkte inzwischen in Hohenbrunn breiter aus. Dem schlichten Fabrikbau der Brauerei, den Bierlastern und den riesigen Biertragerltürmen trauern in der Au nur wenige nach. Viele aber fürchten, dass die Gegend ihren bodenständigen Charakter verlieren könnte.

Quadratmeterpreise bis zu 20.000 Euro

Seit das jenseits der Isar gelegene Glockenbachviertel schick und für viele unbezahlbar geworden ist, schwappt die Teuerungswelle in die östliche Innenstadt. . Neuer Eigentümer der 85.000 Quadratmeter großen Produktionsflächen ist die Bayerische Hausbau - wie Paulaner ein Unternehmen der Schörghuber-Gruppe. Wo früher der Brauturm stand, entstehen vorwiegend Eigentumswohnungen. Quadratmeterpreis: zwischen knapp 10.000 und 20.000 Euro. Immerhin: rund ein Drittel der neuen Wohnungen soll - wie von der Stadt vorgeschrieben - im geförderten Wohnungsbau entstehen. "Münchner Mischung" nennt sich diese Dreiteilung.

Bürgerbeteiligung: Mehr als eine Alibi-Veranstaltung?

Experten und Betroffene bei der Arbeit: Verdichten? Oder hoch hinaus und dafür mehr Grün?

Neu ist die Bürgerbeteiligung. Bei der Ausschreibung und dem Architektenwettbewerb für die drei getrennten Areale konnten die Anwohner in Workshops ihre Meinung äußern. Im Frühjahr 2013 stellte der Bauherr 17 Entwürfe vor. Drei werden jetzt gebaut.

Die drei B(r)augelände

Oben beim Nockherberg verewigen sich Architekten aus Amsterdam, im heutigen Bierkastengebirge an der Welfenstraße baut ein Londoner Büro, das alte Stammhaus an der Ohlmüllerstraße bekommt ein Steidle-Gesicht. Die Favoriten der Bürger sind nicht zum Zug gekommen.

Die Teilprojekte (von links nach rechts wie auf dem Luftbild oben)

Stammhaus (Ohlmüllerstraße)

Das künftige Verwaltungsgebäude der Brauerei stand schon vor dem Wettbewerb fest: der in Teilen denkmalgeschützte Zacherlbau in der Au erhält einen umstrittenen Aufbau von Hierl Architekten, die Braumeistervilla Anbauten für eine Kindertagesstätte.

Ein weiteres altes Gebäude, in dem sich noch eine Original-Eismaschine aus dem Jahr 1881 befindet, soll zur Minibrauerei für Spezialbiere umgewandelt werden. Der hochaufragende Silobau, den andere Entwürfe zu einem Wohnturm umbauen wollten, muss weichen. Dafür gönnt die Wohnbebauung von Steidle Architekten mit Atelier Auböck + Kárász dem halb überbauten Auer Mühlbach künftig wieder mehr Sonnenlicht, das Ufer wird zur Grünzone.

Nockherberg (Regerstraße)

Das Filetstück des Geländes liegt an der Isarhangkante. Zwischen dem Nockherberg-Biergarten an der Hochstraße und der Regerstraße sollen 1.400 Wohnungen entstehen. Im Wettbewerb planten manche Architekten Großes - massive Riegel, ein Hochhaus, einen großen Park. Andere entwarfen niedrigere Häuser mit kleinen Innenhöfen.

Dem Siegerentwurf sieht man die Diskussionen auf den Bürgerversammlungen an: Vier Gebäuden mit abwechslungsreichen Fassaden und Innenhöfen, dazwischen schlängelt sich ein Park. Alle Wohnungen schauen ins Grüne. Es wird keine neuen Straßen und keine Hochhäuser geben, das Maximum an Höhe gibt der Verwaltungsbau von Paulaner vor - die alten Herbergshäusern an der Hochstraße sollen nicht erdrückt werden. Ausführen soll das Amsterdamer Büro Rapp + Rapp - Christian Rapp ist gebürtiger Münchner. Zu den Workshops sagt er in der SZ: "Da wurde sehr bestimmt über die Vor- und Nachteile der Entwürfe diskutiert, aber, wie ich finde, auch sehr kultiviert."

Bierlager (Welfenstraße)

Bisher türmen sich hier am Südwestzipfel von Haidhausen haushoch die Bierkästen. Bald wird das Londoner Büro Caruso St John Architects zwischen Welfenstraße und Bahnlinie einen voluminösen, leicht geschwungenen Gebäuderiegel errichten. Ein großer, geschlossener Hof dient als Ruheinsel - ein Konzept, das schon in der Münchner Architektur des frühen 20. Jahrhunderts verbreitet war, wie der Gründerzeitbau gegenüber beweist. Dennoch weckt dieser Bereich die größte Skepsis: In der Verlängerung des Areals sind bereits in den vergangenen Jahren massive und von außen ziemlich unwirtliche Neubaublöcke entstanden.

Ob das Ergebnis besser aussieht als die benachbarten Welfenhöfe? Wie teuer die günstigeren Wohnungen am Ende tatsächlich werden? Es lohnt sich jedenfalls, den Fall zu beobachten. Denn nach Paulaner und Hacker-Pschorr will demnächst auch der Löwenbräu aus der Münchner Innenstadt weichen. Auf dem teuren Grund an der Nymphenburger Straße sollen ebenfalls Wohnungen entstehen.


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