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Olympia-Attentat 1972 Anneliese Graes - Protokoll eines Schreckenstags

Anneliese Graes arbeitete als Hostess bei den Olympischen Spielen von München. Lange hieß es, sie habe nie über ihre Rolle während der Geiselnahme gesprochen. Doch das ist falsch. Anneliese Graes hat ein detailliertes Protokoll des Schreckenstages hinterlassen.

Von: Astrid Freyeisen

Stand: 04.09.2017 | Archiv

Sie wird eine vergessene Heldin bleiben – auch nachdem in München die Gedenkstätte für die Opfer des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft von 1972 eröffnet wird: Die Olympia-Hostess Anneliese Graes setzte damals ihr Leben aufs Spiel und verhandelte mit den Terroristen. Bekannt wird nun auch bisher Unbekanntes zur Rolle von Hans-Dietrich Genscher.

Eine zierliche blonde Frau mit viel Mut

München, 5. September 1972. Nur ein paar Meter entfernt von den palästinensischen Terroristen und ihren israelischen Geiseln im olympischen Dorf: Ein Reporter beobachtet verzweifelte Versuche, die Geiseln frei zu bekommen. 

"Nun sehe ich in dem Moment, wie dieser Mann mit dem weißen Hut, der Anführer der Terroristen, wieder herausgekommen ist. Und bei ihm ist eine Hostess, die immer als erste kontaktbereit auftritt und sie winkt jetzt hinüber zu unserer Delegation, die 65 Meter vom israelischen Mannschaftsquartier entfernt steht…"

Ein Reporter

Anneliese Graes bekommt 1974 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Die Hostess: Anneliese Graes, im Hauptberuf Kriminalhauptmeisterin aus Essen, 41 Jahre alt und bei Olympia als Ordnerin im Athleten-Dorf eingeteilt. Eine zierliche blonde Frau mit viel Mut. Als sie von der Geiselnahme hört, wartet sie nicht auf Anweisungen von Chefs. Sie eilt sofort zum Tatort. Die dunkelgrüne Handgranate und die Maschinenpistole des Terroristen schrecken sie nicht. Sie spricht mit ihm, immer wieder. Heute würde man sagen: Anneliese Graes versuchte zu deeskalieren.

Anneliese Graes etwa Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre | Bild: Peter Nowak

Anneliese Graes

"Ich habe ihm immer wieder zu verstehen gegeben, daß es kein Blutvergießen geben darf… Auf meinen Vorhalt hin, was er denn für einen Mist mache, entgegnete der Terrorist, dass mir nichts passieren würde und dass dies ja nicht gegen Deutsche ging…"

Anneliese Graes, Hostess bei Olympia 72 in München

Das Angebot: Faustpfand der Terroristen

Ein arabischer Terrorist (r) verhandelt 1972 im Olympischen Dorf mit Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (3.v.l)

Anneliese Graes sagte später aus, sie habe die Terroristen und ihre israelischen Opfer sogar als Faustpfand begleiten wollen – bis nach Kairo, wohin die Geiselnehmer zu fliegen verlangten. Dazu kam es nicht. Das schreckliche Ende ist bekannt: Auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck beschossen sich Terroristen und Polizei. Alle wehrlosen israelischen Geiseln und ein bayerischer Polizist wurden ermordet. Ein Desaster für die Behörden. Wenige Stunden später verkündete Bundesinnenminister Genscher den Medien:

"Wir haben den ersten Versuch unternommen,  die Geiseln in der Weise zu befreien,  dass wir deutsche Geiseln angeboten haben. Ich habe mich dazu zur Verfügung gestellt. Das ist am Morgen abgelehnt worden."

Hans-Dietrich Genscher, Bundesinnenminister 1972

Eine mutige, selbstlose Geste? Es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Terroristen änderten ihre Meinung, kurz vor dem Transport vom olympischen Dorf nach Fürstenfeldbruck.

"Der Terrorist wollte auch wissen, wie er zu den Hubschraubern käme. Er wollte Autos dafür haben. Man wendete ein, daß das nicht ginge und man beschrieb ihm den Weg, wie das vor sich ginge. Er fragte jetzt, wer mitgehen würde zur Sicherung, und wollte, daß der Minister Genscher ihn begleitete. Der Minister Genscher lehnte dies aufgrund seiner Stellung ab."

Anneliese Graes im Protokoll der Staatsanwaltschaft  

Graes erhielt dafür das Verdienstkreuz am Bande

Das war bislang nicht bekannt. Auch, weil die Aussage von Anneliese Graes offenbar nie genau genug gelesen wurde. Und Genscher selbst hat vor der Staatsanwaltschaft nicht ausgesagt. Während er später gelobt wurde, blieben von der mutigen Polizistin im Olympia-Dress nur Fernsehbilder mit dem Terroristen. Das wollte Anneliese Graes so. Ihr Neffe berichtet, sie habe lächelnd abgelehnt, als Medien ihr viel Geld für Exklusivgeschichten boten. 1974 nahm sie aber Dank von höchster Stelle an: Das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik.

"Die Vorgeschlagene begab sich aus eigener Initiative zur Unterkunft der israelischen Sportler. Da die Terroristen ständig Polizeiaktionen befürchteten, duldeten sie keine männlichen Personen in der Nähe des Tatorts. Sie ließen die Delegationen nur nach vorheriger Anmeldung durch die Vorgeschlagene an das Haus heran."

Willi Weyer, Innenminister von Nordrhein-Westfalen

Anneliese Graes Weihnachten 1972 mit ihrem Neffen Peter Nowak | Bild: Peter Nowak

Anneliese Graes 1972 mit ihrem Neffen

Anneliese Graes sprach selten über jenen schrecklichen Tag in München. Sie blieb bescheiden. Bevor sie mit nur 62 Jahren in Bottrop starb, wünschte sie sich, mit dem  Bundesverdienstkreuz begraben zu werden. Ein Zeichen, dass Anneliese Graes irgendwo tief drinnen doch bewusst war, wie ungewöhnlich mutig sie gehandelt hatte.


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