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Nationalmannschaft Özils Rücktritt sorgt für Diskussionen um Integration und Rassismus

Mesut Özil hat am Sonntag seinen Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan verteidigt und seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Dabei warf unter anderem dem DFB-Präsidenten Grindel Rassismus und Respektlosigkeit vor. Die Reaktionen auf Özils Statement sind gemischt, Kanzlerin Merkel ließ erklären, seine Entscheidung sei zu respektieren

Von: Jörg Seisselberg und Christian Buttkereit

Stand: 23.07.2018

Mesut Özil sitzt beim Training auf einem Ball. | Bild: dpa-Bildfunk/Christian Charisius

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zollte Mesut Özil Respekt für seine Leistung in der Nationalmannschaft. Özil sei ein "toller Spieler", der für die deutsche Mannschaft viel geleistet habe, sagte Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer in Berlin. "Er hat eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist." Zurückhaltend reagierte Demmer auf die von Özil erhobenen Rassismus-Vorwürfe. Deutschland sei ein "weltoffenes Land", in dem Menschen mit Migrationshintergrund "herzlich willkommen sind", sagte sie. Für die Bundesregierung sei Integration eine "Schlüsselaufgabe", bei der alle gesellschaftlichen Gruppen gefragt seien. Dem Sport komme hier eine wichtige Bedeutung zu.

Özils Schritt als "Alarmzeichen"

Auch Justizministerin Katarina Barley (SPD) nannte Mesut Özil einen großen deutschen Fußballer. Sie sprach zudem von einem "Alarmzeichen", wenn er sich in seinem Land nicht mehr gewollt und vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht mehr respektiert fühle.

Dank für Özils Leistungen im Nationalteam kam vom stellvertretenden SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. Auf Twitter appelliert er an alle Bürger mit unterschiedlichen Wurzeln: "Wir gehören zusammen und akzeptieren Rassismus never ever", zu deutsch: niemals.

Maas: Özils Fall nicht beispielhaft für Intergration in Deutschland

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) dagegen hob mit Blick auf den beim FC Arsenal spielenden Özil hervor, er glaube nicht, "dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs" Auskunft gebe über die Integrationsfähigkeit in Deutschland. Auch das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM in Russland habe "wenig damit zu tun, dass Herr Özil sich mit Herrn Erdogan hat fotografieren lassen".

Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß dagegen hält es für falsch, dass Özil speziell der Spitze des DFB Rassismus und Respektlosigkeit vorwirft. Es sei ein langer Weg zu Integration und einem wirklichen Bekenntnis zur neuen Heimat, sagte der CDU-Politiker.

Integrationsbeauftragte: Nationalspieler müssen Kritik aushalten

Die Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz betont angesichts der Diskussion über Özils Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssten sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben.

Uneingeschränktes Lob aus der Türkei

Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin äußerte Verständnis für Özils Entscheidung, die Nationalmannschaft zu verlassen. Auf Twitter schrieb er: "Stellen Sie sich vor, welchem Druck Mesut Özil durch die öffentliche Debatte ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz und Pluralismus geblieben?" Ausdrücklich begrüßte Kalin Özils Aussage, er werde Staatspräsident Erdogan wieder treffen.

Der türkische Sportminister twitterte: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut von Herzen." Der türkische Justizminister gratulierte Özil, weil dieser mit seinem Rücktritt "das schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Ähnlich reagieren viele Zeitungen. So heißt es etwa: "Hut ab vor dieser Entscheidung". Auch Nutzer sozialer Netzwerke in der Türkei zeigen überwiegend großen Respekt für Özils Rückzug aus der DFB-Auswahl.

Journalistenverband: Hinterfragen der Özil-Erdogan-Fotos war richtig

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat Mesut Özil vorgehalten, eine "pauschale Medienschelte" betrieben zu haben. "Wenn Mesut Özil Rassismus in deutschen Zeitungsredaktionen am Werk sieht, soll er Ross und Reiter nennen", forderte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall in einer Erklärung des Verbandes. "Dann muss darüber diskutiert werden."

Özil hatte bei seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft beklagt, dass "bestimmte deutsche Zeitungen" rechte Propaganda betrieben. Sie hätten ihn wegen seiner türkischen Herkunft und nicht wegen sportlicher Leistungen kritisiert. Dazu betonte der DJV-Vorsitzende, es sei richtig, dass die deutschen Medien kritisch hinterfragt hätten, warum sich Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan habe ablichten lassen. "Anders als Özil behauptet, ist ein gemeinsames Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch", sagte Überall. "Und natürlich musste das kritische Fragen aufwerfen." Wenn einzelne Medien dabei die journalistischen Grundwerte missachtet hätten, sei diese Art der Berichterstattung ein Fall für den Deutschen Presserat.

Özil kritisiert "Rassismus und fehlenden Respekt"

Mesut Özil hatte gestern DFB-Chef Reinhard Grindel scharf angegriffen und erklärt: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren." Özil war wegen seines Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Mai scharf kritisiert worden. Zwei Monate hatte er zu diesem Thema geschwiegen, jetzt verteidigte er seine Haltung in einer dreiteiligen Erklärung und kritisierte den DFB wegen dessen Umgang mit ihm. Er kritisierte "Rassismus und fehlenden Respekt".

In seiner Stellungnahme erklärte Özil seinen Abschied aus der Nationalmannschaft. "Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre", schrieb er.


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