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Leistungssportreform Regensburger Leichtathleten werden ausgemustert

Die Langstreckenläufer aus Regensburg gehören zu den besten im Land. Jetzt hat der Verein wieder Ärger mit dem Leichtathletikverband. Ihre besten Athleten sind aus dem Bundeskader entfernt worden.

Von: Andreas Wenleder

Stand: 13.12.2017

Leichtathleten vor dem Start | Bild: pa/dpa/epa Keystone Fabrice Coffrini

Eigentlich müsste der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) froh sein, einen wie ihn zu haben: Philipp Pflieger - Marathonläufer. Bestzeit: 2:12:50. Doch der Verband hat den Olympiateilnehmer und zweitbesten deutschen Marathonläufer der letzten Jahre vor wenigen Wochen aus dem Bundeskader geworfen. In den sozialen Netzwerken kommentierte Pflieger den Rauswurf sarkastisch:

"Nach zehn Jahren DLV-Bundeskader heißt es 'Bye Bye' zu sagen... Danke für nichts."

Philipp Pflieger

Nach nur einem schwachen Rennen ist Schluss

Schwächeanfall von Philipp Pflieger

Pflieger ist auch aus dem Kader geflogen, weil  seine Gesundheit 2017 nicht immer mitgespielt hat. Marathonläufer müssen sich auf wenige Rennen im Jahr konzentrieren. Die Bestzeit kann nur bei ein bis höchstens zwei Rennen im Jahr angegriffen werden. Im Frühjahr stoppte eine Muskelverletzung im Oberschenkel den Topathleten der LG Telis Finanz Regensburg. Pflieger setzte nun alles auf den Berlin Marathon. Doch wieder spielte seine Gesundheit nicht mit. Nach einem Schwächeanfall schleppte sich Pflieger noch bis Kilometer 39. Dort brach er zusammen, musste gestützt werden und das Rennen aufgeben. Der Schwächeanfall - ausgelöst durch schlechte Energiezufuhr während des Rennens - kostete Pflieger den Kaderplatz.

Volle Förderung nur noch für Medaillen-Kandidaten

Der DLV hat zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) den Regensburger aus dem Bundeskader gestrichen. Nach der Reform der Leistungssport-Förderung werden nur noch Medaillen-Kandidaten voll unterstützt. Im Marathon ein schwieriges Unterfangen. Aber auch in den weniger stark geförderten Perspektiv- und Ergänzungskadern war kein Platz mehr für Pflieger. Die Verbände begründen den Rauswurf mit seinem schwachem Jahr 2017 und verweisen auf die reformierten Kriterien für die Leistungssport-Förderung. Als Argument wurde auch schon seine Zeit bei den Olympischen Spielen in Rio angeführt, als Pflieger bei tropischen Bedingungen erwartungsgemäß seine Bestzeit nicht erreichen konnte.

"Ich finde nicht, dass man jedem ein Denkmal bauen muss, der vor fünf Jahren einmal gut gelaufen ist. Aber gerade im Marathon kann eine Saison, die mal schief geht, nicht Bemessungsgrundlage für die Zukunft sein."

Philipp Pflieger

Bereits vor Olympia Ärger mit dem Verband

Es ist nicht das erste Mal, dass der 30-Jährige mit dem Verband aneinander geraten ist. Vor den Olympischen Spielen musste Pflieger mit Hilfe eines Anwalts um die Nominierung kämpfen. Obwohl er die internationale Norm erreicht hatte, wollte ihn der DLV nicht für die Spiele nominieren. Am Ende durfte er starten.

Corinna Harrer

Pflieger ist aber nicht der einzige Regensburger Top-Läufer, der seinen Kaderplatz verloren hat. Auch Benedikt Huber, zweimaliger Deutscher Meister über die 800-Meter, ist nicht mehr im Kader. Olympia-Starter Florian Orth ist ebenfalls raus. Manche Athleten hätten erst aus dem Internet erfahren, dass sie nicht mehr gefördert werden, sagt Kurt Ring. "Wir haben sogar eine Athletin, die weiß es immer noch nicht. Die ist in den ewigen Halden des DLV verschwunden. Das ist immerhin die Olympia-Teilnehmerin Corinna Harrer."

Regensburger Läufer gelten als unbequem

Kurt Ring

Genau wie Pflieger hatten sich auch Orth und Harrer in der Vergangenheit bereits negativ über Vorgänge in den Sportverbänden geäußert. "Der Verband möchte keine unbequemen Athleten", sagt ihr Trainer Kurt Ring. "Die sprechen Probleme an. Die wären wichtig, werden aber nicht angegangen."

Als Retourkutsche wollen DLV und DOSB die Nichtberücksichtigung der Regensburger aber nicht verstehen. "In Abstimmung mit dem DOSB wird nach definierten Kriterien über die Kaderzugehörigkeit entschieden", sagt der Bundestrainer in der Kategorie Lauf, Thomas Dreißigacker. "Trotzdem würden wir uns eine bessere Zusammenarbeit mit dem Regensburger Verein wünschen."

Auch ohne Verbandsunterstützung in die Zukunft

Doch die Enttäuschung bei den Regensburgern sitzt tief. Es gehe ihm nicht ums Geld, denn auch im vergangenen Jahr habe er nur rund 50 Euro als Reisekostenzuschuss bekommen, sagt Philipp Pflieger. Viel mehr ginge es ihm um die Wertschätzung des Verbandes. Seine Ziele - die Heim-EM in Berlin im August und Olympia 2020 in Tokyo - will er auch ohne Verbandsunterstützung erreichen. "Ob mein Name auf dem Kaderzettel steht oder nicht, lässt mich keine Sekunde schneller oder langsamer laufen", sagt Pflieger.


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IH, Donnerstag, 14.Dezember, 15:29 Uhr

3. Anspruchsdenken much?

"Der Schwächeanfall - ausgelöst durch schlechte Energiezufuhr während des Rennens - kostete Pflieger den Kaderplatz."

Also, er hat beim Energiemanagement während des Laufs versagt, zuwenig gegessen, getrunken, was auch immer. Er hat also gewisse Grundfertigkeiten nicht zeigen können. Konsequenz: Der Bundeskader sieht, dass es sich bei ihm wahrscheinlich nicht lohnt, ihn weiterhin zu unterstützen.

Im echten Leben würde ein Schweißer, der sich ständig beim Schweißen verbrennt, auch nicht eingestellt.

Und er hat sich die Antwort schon selbst gegeben. "Ob mein Name auf dem Kaderzettel steht oder nicht, lässt mich keine Sekunde schneller oder langsamer laufen."
Also, wo ist das verdammte Problem? Dass er nicht mit "den coolen Jungs" bei Olympia laufen darf? Buuu huu. Ich bemitleide ihn mal, wenn ich Zeit habe.

Hrdlicka, Mittwoch, 13.Dezember, 21:56 Uhr

2. Funktionäre

Sportfunktionäre muss man sicher nicht verstehen...fraglich ob man es überhaupt kann....auf alled Fälle haben die meisten ein völlig übersteigertes Ego welches noch leichter lebenslang zu kränken ist, als das der damaligen SED-Spitzen !

Wolfgang, Mittwoch, 13.Dezember, 10:38 Uhr

1. Wozu Budneskader, wozu Sportförderung.

Wozu öffentliche Gelder für Olympial-Teilnahme?

Laufen, Werfen, Springen usw. sind nette Hobbys, das sei gegönnt.

Aber was haben wir real davon ob jemand 2:12 oder in 3h 42km weit rennen kann? Wenn jemand Spaß daran hat um EINMAL 2:12 oder 3h 42km oder 3 bis 4-mal 9,8s über 100m zu laufen und dafür extra nach Korea fliegen mag, bitte gerne, aber nicht mit Staatsgeld. Dort zu Rennen ist ebenso "bedeutsam" wie wenn jamand anderes bei Machu-Pichu den Inka-trail wandert, persönlich nett aber völlig unwichtig.

Und ob jemand aus Regensburg, Nairobi, Montreal, Irkuts oder Dublin in Korea einen Blechtaler am Band bekommt, ist doch völlig egal.

  • Antwort von Andreas, Mittwoch, 13.Dezember, 17:33 Uhr

    Nein, das ist nicht egal!
    Olympiateilnehmer und bekannte Sportler aus der Region liefern zum Beispiel eine unschätzbare Motivation für Kinder und Jugendliche, welche sich im Schulsport oder in Sportvereinen die Sportschuhe unter die Hacken klemmen und ihren Vorbildern nacheifern. In der Pädagogik nennt man diesen Umstand "Imitations- und Nachahmungslernen". Imitiert werden Anstrengungsbereitschaft, Disziplin, Zielorientiertheit, ... nur um ein paar wenige Kompetenzen zu nennen. Zudem tuen sie etwas für ihre sozialen Beziehungen und ihre Gesundheit. Gelingt diese Motivation, so lässt sich langfristig wesentlich mehr Geld einsparen als die ohnehin schon schmale Förderung von lokalen Spitzensportlern kostet. Aber wie so häufig wenn es um Kinder und Jugendliche geht ist die Öffentlichkeit nicht in der Lage und Willens, in die Zukunft zu blicken und aussichtsreiche Investitionen zu tätigen!

  • Antwort von Wolfgang, Mittwoch, 13.Dezember, 21:29 Uhr

    @ Andreas, Widerspruch, ihre Äusserung ist eine nette Selbstlüge der Leistungssportfanatiker die um ihre Jobs und Privilegien fürchten.

    Unser Segeljugend im Verein interessierte sich null und nicht für Regatten, Siege, Pokale, die Junges und Mädchen wollten aber bei "jeden" Wetter raus können ( und dürfen ). Und mit dem MTB interssiert im Gebirge oben nach 3h, 4h oder 5h 1200Höhenmeter zur Berghütte zu schaffen, aber nicht der Ehrgeiz irgendeine Superzeit zu fahren.

    Im Gegenteil, mit der Leistungs- und Wettbewerbsmanie verdirbt man Kindern den Spaß an Bewegung und eigenem Können.

    Man sieht es doch, ständig steigendern Aufwand für Spitzensport und Stars und abnehmende körperliche Betätigung,weil Spitzensport zum Kotzen doof ist!

    Z.B. der tödlich in Canada verunfallte junge bayrische Schiläufer, jenseits aller Vernunft steile Berge runterasen ohne Reserven, lieber Leben riskieren ( da auch verlieren ) als 10s langsamer!

  • Antwort von IH, Donnerstag, 14.Dezember, 15:21 Uhr

    Zustimmung! Vor allem fördert es die Geisteshaltung, dass man für allen Dreck, was man so macht, bewundert und in den Himmel gelobt werden muss. Wir tun unseren Kindern damit keinen Gefallen. Kinder eifern nicht den Leistungen hinterher, sondern vor allem dem Ruhm, und weil sie denken, dass es das obergeilste ist, berühmt zu sein und seine Visage im Fernsehen zu sehen.

    Was viel sinnvoller wäre, ist, dass es für jedes Kind in der Schule verpflichtend ist, einen Sportverein o.ä. zu besuchen, damit sie ordentlich Sport machen, und nicht mehr und mehr verfetten, bis wir amerikanische Verhältnisse haben. Dafür kann man sich dann die Farce, die sich Schulsport nennt, sparen - und genauso die Gehälter von "Sportlehrern".

    Sportwettbewerbe ja, aber wie Wolfgang schon sagt, nicht aus öffentlichen Mitteln finanziert. Wenn sich private Sponsoren, Firmen etc. finden, gerne.

  • Antwort von Hans-Dieter Braun, Donnerstag, 14.Dezember, 15:23 Uhr

    Wolfgang, wenn Du einer Leistungsverweigererung das Wort redest oder evtl. ein talentloser sogenannter Segler bist, müssen das doch nicht auch die "anderen" sein. Im übrigen bist Du inkonsequent. Es interessieren sich doch nur die Jugendlichen nicht für Siege und Pokale, die diese Auszeichnungen nicht bekommenn (fehlendesTalent ? keine Willensstärke ?). Und warum müssen diese" Deine Leute" ( Leistungverweigerer/-schwache") mit dem MTB im Gebirge 3h, 4 oder 5h 1200 Höhenmeter zur Berghütte schaffen... "Die können dann doch auch ohne Ehrgeiz evt. mit einem E-Bike spazieren fahren...Nein - ich bin voll für eine Förderung des Leistungssports...