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Branche im Wandel Ist Selb noch Porzellanstadt?

Heute feiert Selb in Oberfranken das Fest der Porzelliner mit dem größten Porzellanflohmarkt Europas. Rosenthal, Hutschenreuther - Firmen, die für die Porzellanstadt Selb stehen. Aber wie ist das eigentlich heute - nach der Krise in dieser Industrie?

Von: Lorenz Storch

Stand: 05.08.2018

Gießkarussel | Bild: Porzellanikon Selb

Die Stadt Selb in ihrer heutigen Form ist gleichsam gemeinsam mit den Porzellanfabriken entstanden - nach dem großen Stadtbrand von 1856. Das prägt bis heute, sagt Oberbürgermeister Uli Pötzsch:

"Die Herkunft - und damit verbunden - die Kindheit der Stadt Selb ist das Porzellan."

Uli Pötzsch, Oberbürgermeister von Selb

Aber ist das nur noch sentimentale Erinnerung nach der Porzellankrise der 2000er Jahre? Keineswegs, sagt Christoph Holler vom Verband der keramischen Industrie, der sein Hauptquartier in Selb hat.

"Selbstverständlich sind wir noch eine Porzellanstadt. Es sind nicht mehr alle Firmen am Markt, die noch vor 100 Jahren vorhanden waren. Wir haben ja eine sehr lange Tradition hier, aber wir haben weiterhin wichtige Marken, auch große Unternehmen der Porzellanindustrie hier ansässig." Christoph Holler, Verband der keramischen Industrie

60 Prozent des europäischen Porzellans aus Nordostbayern

Rosenthal und BHS Tabletop mit den Marken Schönwald Hutschenreuther und Tafelstern haben noch den Firmensitz in Selb. Sie produzieren auch noch am Ort, auch wenn Rosenthal das Gros seines Porzellans inzwischen in einem hochautomatisierten Werk in Speichersdorf bei Bayreuth produzieren lässt. Noch immer kommen 60 Prozent des europäischen Porzellans aus Nordostbayern - allerdings unter großer Konkurrenz.

"Natürlich stellen aus Asien Unternehmen, die in den europäischen Markt exportieren, Preisdruck her, sie haben aber häufig nicht die Qualität deutscher Produkte." Christoph Holler

Problem: Das Sterben der typischen Haushaltsgeschäfte

Viele Kunden achten auf ihrem Tisch aber gar nicht mehr so stark auf Qualität. Und es fehlt der Vergleich.

"In den Innenstädten sterben einfach die typischen Haushaltsgeschäfte, die wir alle vor 20 Jahren noch gesehen haben. Die fallen jedes Jahr weg. Das schmerzt, weil man Porzellan haptisch fühlen muss. Das kann man nicht einfach - wie bei anderen Dingen - durch Online-Handel ersetzen. Wir brauchen die Geschäfte, wo der Kunde sieht, wie schön es ist und wie es sich anfühlt." Christoph Holler

In Hotels und Gastronomie läuft der Absatz noch besser. Allerdings wandelt sich die Branche - immer mehr hin zur technischen Keramik.

"Wenn Sie hier an die Region Oberfranken denken, haben wir zum Beispiel das Werk von Ceramtec, wo aus Keramik Hüftgelenksköpfe hergestellt werden. Aber natürlich gibt es auch Hersteller für Elektro-Isolatoren und anderes. Oder auch bei der Automobilzulieferung sind mehrere Teile aus Keramik, nicht nur die keramische Bremse."

Christoph Holler

Selb inzwischen nicht mehr allein auf Keramik angewiesen

5.000 bis 6.000 Beschäftigte zählt die Keramikbranche derzeit in Oberfranken. Die Industriestadt Selb ist aber nicht mehr darauf allein angewiesen, freut sich Oberbürgermeister Pötzsch:

"Eine Firma hier in Selb ist weltweit bekannt, stellt Bauteile für Smartphones her. Hidden Champions haben sich daraus entwickelt. Eine andere Firma hat früher hier Porzellansicherungen hergestellt, die macht heute Ventiltechniken für Cabrio-Verdecke und ist sehr erfolgreich. Was ich damit andeuten möchte: Es ist hier etwas gewachsen aus der Herkunft des Porzellans heraus."

Uli Pötzsch, Oberbürgermeister von Selb

Trotzdem: Das Porzellan haben die Selber noch immer im Blut.


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