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Fahrkartenärger in München MVV: Verwirrende Automaten machen Kunden zu Schwarzfahrern

Ringe, Zonen, Tagesticket, Streifenkarte, S-Bahn, U-Bahn, Tram: Das Tarif- und Automatensystem in München ist kompliziert, unübersichtlich - und macht so manchen unfreiwillig zum Schwarzfahrer.

Von: Tanja Gronde

Stand: 10.03.2018

Ticketautomat in München | Bild: picture-alliance/dpa

Die S-Bahn in München: Helga Montag bringt gerade ihren ausländischen Freund zum Flughafen. Weil beide mehrere Fahrten in München an diesem Tag haben, recherchiert die Münchnerin im Internet, dass die Tageskarte das beste Ticket ist; sie sagt ihrem Freund, er möge sich eine solche Karte am Automaten besorgen. Sie selbst zieht ebenfalls ein Tagesticket am Automaten. Dann treffen sie sich, warten auf die S8 in Richtung Flughafen, fahren los. Alles in Ordnung. Bisher. Kurz vor dem Flughafen werden die beiden auf ihre Fahrscheine hin kontrolliert.

"Wir haben beide unsere Karten den Kontrolleuren gegeben. Und dann hat der eine zum Freund von mir gesagt: Das ist kein gültiger Fahrschein."

Helga Montag, MVV-Kundin

Das Problem mit dem Entwerten

Wie kann das sein? Beide schauen genauer hin. Beide haben eine 13-Euro-Gesamtnetz-Karte in der Hand. Die Erklärung: Helga Montags Ticket war bereits entwertet. Nicht aber das ihres Freundes. "Auf seinem stand auf deutsch drauf: Bitte hier entwerten, aber nicht großartig", erzählt sie, "es stand auf beiden das Datum drauf. Für jemanden, der kein deutsch spricht, ist der Unterschied zwischen den zwei Karten vollkommen undurchsichtig."

Das Problem: Es gibt zwei Sorten von Automaten, am Marienplatz sogar direkt gegenüber. Die von der S-Bahn geben ein bereits entwertetes Tages Ticket aus, die von der MVG nicht. Da der ausländische Besucher das Prinzip "entwerten" nicht kennt, und dazu Tageskarte für ihn eine TAGES-Karte war, kam es zu dem Missverständnis.

Kontrolleure bleiben hart

Der Kontrolleur zeigt keine Kulanz; er sagt, der Kunde hätte die Beförderungsbedingungen auf englisch lesen, seine Kartenbestellung gleich auf englisch erledigen können. Fürs Schwarzfahren werden - wie in München üblich - 60 Euro fällig.

Kontrolleure sollen auch nicht diskutieren und dürften nicht kulant sein, sagen die Zuständigen der S-Bahn. Dafür gebe es den Kundenservice. Am MVG Infopoint bekommt Helga Montag zu hören: Man kenne das Problem, könne aber nichts machen. "Beide Seiten kennen das Problem", erwidert Montag, "und die Passagiere rauschen rein."

MVG: Manche Kunden schätzen Vorratskäufe

Der MVV sagt: Nicht mein Problem! Denn, Zitat: "Der Vertrieb von Fahrkarten liegt in den Händen des jeweiligen Unternehmens". Also Frage an die S-Bahn. Die S-Bahn meint, ihre Gäste seien es eben gewohnt, gültige Tickets aus dem Automaten zu bekommen: Sollte dann nicht vielleicht die MVG endlich auch ihr System umstellen, in ein einheitliches System? Ist das vielleicht Kompetenzgerangel?

"Es gibt Argumente dafür und dagegen. Wir haben bis heute viele Kunden, die es gut finden, dass man sich noch nicht abgestempelte Karten an den MVG-Automaten kaufen kann, also auf Vorrat."

Matthias Korte, MVG-Sprecher

Im Zuge der großen MVG-Tarifreform kämen aber auch die bisherigen Automatensysteme auf dem Prüfstand, erklärt Korte. Eine Einheitlichkeit ist also in Sicht. Vielleicht, wenn sich alle Beteiligten einigen. Doch solange gibt es eben an ein- und demselben Bahnhof zwei Sorten von Automaten: Die einen drucken sofort gültige Tickets aus, die anderen nicht.

Wohl dem, der das weiß!


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Ulrike, Sonntag, 11.März, 13:25 Uhr

20. Promotion für das Tarifgebiet des MVV benötigt

Ich kenne kein anderes Tarifsystem, das verworrener ist als das von München bei gleichzeitig einer unterirdischen Qualität und Service. Die Chance, mit Privatunternehmen endlich etwas Kundenfreundlichkeit nach München zu bringen, wurde wieder auf Jahre hinausgeschoben dank Bahnlobbyismus.
Da ich beruflich oft im Ruhrgebiet unterwegs sehe, sehe ich dort, wie es geht und zwar bei einem riesigen Verkehrsverbund (Rhein-Ruhr) mit weit mehr Einwohnern, weit unterschiedlicheren Voraussetzungen und knapp 40 daran beteiligten Unternehmen. Sie haben es geschafft, ein einheitliches, verständliches Tarifsystem hinzubekommen, sogar in einfachem Deutsch, also auch noch mit Inkusionshintergrund.
Ich kann am Automaten selbst entscheiden, welche Karte ich will und werde zielgerichtet durch das Menü geführt und bekomme dann die passende Karte. Das nenne ich sinnvolle Umsetzung der Digitalisierung. Obwohl dort viele Städte pleite sind. Nicht Neuland, wie es im reichen München ist. Da schämt man sich

hcrs, Sonntag, 11.März, 11:44 Uhr

19. Fahrkarten entwerten

Schon der Begriff "Entwerten" ist in diesem Zusammenhang eine sprachliche Katastrophe. Man versteht dies nur durch Gewöhnung, aber nicht durch die übliche umgangssprachliche Bedeutung. Die Karte wird durch Stempeln "aktiviert", aber nicht "entwertet". Entwertet würde die Karte, wenn ich sie zerreiße oder beschmiere. Welch ein Umgang mit der Sprache, seit Jahrzehnten!

  • Antwort von Wolfgang, Sonntag, 11.März, 22:39 Uhr

    Volle Zustimmung, schrieb ich gestern auch schon.

OidaBayer, Sonntag, 11.März, 10:23 Uhr

18. MVV

In Rom kosten 90min 1;50 Euro ; in Prag zahlt man in etwa das selbe. Man kauft einfach beim Busfahrer oder am Automaten die Fahrkarte und schon kann man für 90 Minuten fahren, ist alles einfacher und nicht so kompliziert wie bei uns.

  • Antwort von Klaus Lenk, Sonntag, 11.März, 14:17 Uhr

    In München kosten drei Stunden 2,90Euro und die Fahrkarten können am Automaten oder im Bus gekauft werden. Was daran komplizierter oder teurer sein soll als in Rom und Prag, erschließt sich mir jedenfalls nicht.

Münchner1977, Sonntag, 11.März, 09:27 Uhr

17.

Ich weiß nicht. Aber wir haben als Kinder und Jugendliche geschafft richtig zu stempeln und richtig zu fahren. Ohne unbeabsichtigten Schwarzfahten.... Dann dürfte es doch ein studierter Neumünchner auch schaffen. Als „Münchner“ hat man entweder eine Monats/Jahreskarte oder immer eine Streifenkarte dabei.
Und die Touristen.... wenn zu uns Besuch aus dem europäischen Ausland kommt, dann schaffen die das auch. Die kaufen sich ne Tageskarte oder je nach Aufenthaltsdauer ne Monatskarte. Dann gibts keine Probleme.

  • Antwort von Jens, Montag, 12.März, 10:08 Uhr

    re Tageskarte und "keine Probleme": Bitte den BR-Artkel noch mal genau studieren. Vor allem der Punkt anscheinend zwei vermeintlich identische Gesamtnetztageskarten eben nicht identisch (eins gültig, eins bei der Fahrt ungültig) obwohl ziemlich ähnlicher Kaufvorgang.

    (ex Münchner MVV Nutzer)

realist, Sonntag, 11.März, 09:18 Uhr

16. Ab und zu ...

... kaufe ich ein Singleticket für den Innenraum auf Vorrat! Denn im MVG Regionalbus erhalte ich diese Karte nicht. Weil ich aber im MVG Regionalbus auch ein gültiges und entwertetes Ticket benötige, bleibt mir nur diese Lösung. Übrigens, beim Onlineticket benötigt man eine Kreditkarte oder eine Sepa-Lastschrift und für diese Sepa-LS will oder soll ein Zahlungssystem meine Bonität prüfen. Kreditkarte habe ich nicht und von einem Zahlungssystem lasse ich mich und meine Bankkonten nicht wegen dem Gegenwert von 6,70 € ausspähen. Der Einsatz meiner EC Karte bei der Sepa-LS ist weder bei der S-Bahn noch beim MVV/MVG vorgesehen.

  • Antwort von Wolfgang, Montag, 12.März, 14:37 Uhr

    Passendes Kleingeld immer haben und beim Straßenbahn- oder Busführer Ticket kaufen, für U-oder S-Bahn am Automaten oder den auch oft vorhandenen Kiosk.