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Konditorhelfer darf nicht arbeiten Gut integrierter Afghane aus Prien soll abgeschoben werden

Gestern startete ein Abschiebeflug mit 69 Afghanen von München nach Kabul. Laut Bayerischem Flüchtlingsrat wurden nicht nur Straftäter, Gefährder und sogenannte Identitätsverweigerer abgeschoben, sondern auch gut integrierte Afghanen. Naseer Ahmadi könnte bei einem der nächsten Abschiebeflüge dabei sein.

Von: Julia Binder

Stand: 04.07.2018

Zwetschgendatschi, Apfelstrudel oder Nussschnecken – Naseer Ahmadi kann alles backen. In den vergangenen drei Jahren hat der Flüchtling in Prien am Chiemsee als Konditorhelfer gearbeitet. Nicht nur seine Kollegin, die Konditormeisterin Andrea Gütter, stellt dem zurückhaltenden, höflichen Afghanen ein hervorragendes Zeugnis aus: "Er hat superschnell gelernt und kann wie eine volle Kraft selbstständig arbeiten. Ich zähle ihn nicht als Lehrling."

Naseer soll nach Afghanistan abgeschoben werden

Doch von einem Tag auf den anderen der Schock: Die Zentrale Ausländerbehörde hat die Arbeitserlaubnis für Naseer zurückgezogen, weil er aus Afghanistan kommt und demnächst dorthin abgeschoben werden soll. Naseer Ahmadi kann das nicht verstehen. "Ich arbeite seit drei Jahren fest hier, zahle Steuern, wohne nicht im Asylbewerberheim, zahle selber meine eigene Wohnung und bin seit drei Jahren selbstständig." Naseer Ahmadi

Auch Luitpold Müller, der Geschäftsführer der Bäckerei Müller, kann nicht nachvollziehen, dass Naseer nicht mehr arbeiten darf. Er stehe vor einem großen Problem. Denn gerade jetzt in der Hauptsaison, wo viele Touristen kommen, hätten sie eine volle Arbeitskraft weniger. Konditor sei ein Mangelberuf.

"Es ist genau der Weg, der uns von der Politik empfohlen wird, dass man versucht Leute auszubilden und zu gewinnen und eben auch versucht, Asylbewerber zu integrieren."

Luitpold Müller

Lebensmittelhandwerk braucht dringend Nachwuchs

Integriert hat sich Naseer Ahmadi, der in seiner Heimat als Englischlehrer tätig war, sofort, erinnert sich Helga Seidl aus dem Asylhelferkreis. Er wollte von Anfang an auf eigenen Füßen stehen und Steuer zahlen, sagt die Ehrenamtliche. Das habe sie sehr beeindruckt.

Noch lebt Naseer Ahmadi in einer Einzimmerwohnung. Die Vermieterin ist begeistert von seiner Zuverlässigkeit, sie hat ihn sogar mit den Hausmeistertätigkeiten beauftragt. Doch bald kann er sich die Wohnung im teuren Prien am Chiemsee nicht mehr leisten, weil er nicht mehr arbeiten darf.

Luitpold Müller würde Naseer jederzeit sofort wieder beschäftigen. In der Bäckerei Müller arbeiten mittlerweile noch drei andere Asylbewerber. Auch ein Verdienst des zuverlässigen, fleißigen und aufgeschlossenen Naseer, findet Luitpold Müller. Naseer habe geholfen, dass der Betrieb für eine ganz neue Mitarbeitergruppe offener werde, die verdammt wichtig sei und ohne die das bayerisches Lebensmittelhandwerk nicht weitermachen könne, so Müller.

Abschiebungen nach Afghanistan

Naseer Ahmadi ist kein Einzelfall. Die meisten Afghanen werden geduldet, bekommen keine Arbeitserlaubnis und ihnen droht permanent die Abschiebung. Bei dem Abschiebeflug von München nach Afghanistan am Dienstagabend war laut Süddeutscher Zeitung ein potentieller Bäcker-Lehrling aus München dabei.

Eine Münchner Bäckerei, die dringend nach Azubis sucht, wollte dem Afghanen eine Ausbildungsplatz geben und hatte den dafür notwendigen Antrag bei der Regierung von Oberbayern gestellt. Man erhielt ein halbes Jahr lang keine Genehmigung. Stattdessen wurde der 27-Jährige nach drei Jahren in Deutschland nach Afghanistan abgeschoben.


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