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Eine Insel der Seligen Borstei: Wo Münchner Mieter noch billig wohnen können

Der Druck auf den Münchner Wohnungsmarkt ist enorm. Eine Dreizimmer-Wohnung kann schon mal 3.500 Euro kosten. Aber es geht auch anders: In der Borstei, nordwestlich vom Zentrum, gibt es nämlich seit bald 90 Jahren eine Siedlung, wo scheinbar noch alles in Ordnung ist.

Von: Tanja Gronde

Stand: 13.07.2018

Borstei | Bild: BR / Konvalin

Der Schritt verlangsamt sich beinahe von selbst, wenn man durch einen der Torbögen geht. Der Lärm von Mittlerem Ring und Straßenbahn bleibt draußen: Drinnen zwar parkende Autos, aber eine fast parkähnliche Atmosphäre. Hier wird ein Brunnen ausgebessert. Dort biegt ein Fahrrad um die Ecke, die Kinder kommen vom Kindergarten. Die Bewohner fühlen sich wohl hier:

"Es wohnt sich hier sehr gut, es ist eine schöne Gemeinschaft, und die Kinder können sich entfalten, das ist eigentlich das wichtigste für uns." (Bewohnerin der Borstei)

So sieht es heute aus in der Borstei.

Lauschige Atmosphäre mit Kunstwerken

Die Borstei ist ein Gebäudekomplex mit sieben Innenhöfen: der Garten der Ruhe, der Rosengarten, und dazwischen die tpischen vierstöckigen Häuser in Ockergelb, eine einheitliche Fassade im Rauputz mit weißen Fensterläden - wie aus der Zeit gefallen zwischen dem Discounter aus Beton und der modernen Stadtwerke-Zentrale. Hinter der Bronzestatue des Pan will eine Frau gerade aufs Rad steigen, die Nachbarin kommt  vom Walken. Seit 33 Jahren wohnen beide hier, sind sogar fast am gleichen Tag eingezogen hier. Das haben sie aber erst nach Jahren auf einem Sommerfest gemerkt.

"Das hat schon was Dörfliches und das hat mich, als ich gar nicht nach München ziehen wollte, sehr beruhigt, als ich hier gelandet bin. Man kann hier abgeschottet leben, wenn man möchte, und man kann sich auch bei der Gemeinschaft beteiligen, was wir beide tun und dann lernt man oft Leute kennen." (Bewohner der Borstei)

Ländlich wohnen in der Stadt

Erbaut hat das Kleinod in München Bernhard Borst. Der Architekt und Bauunternehmer suchte einen Lagerplatz für sein Unternehmen: Das Grundstück zwischen der Stadt München und dem Dorf Moosach war günstig und die Straßenbahn fuhr schon damals. Und so baute Borst mit städtischen Geldern aus dem Wohnungsbauförderprogramm der 20iger Jahre sein Neubauviertel. Mitten ins Nichts, in Nachbarschaft des großen Gaskessels, der die Stadt versorgte. Im kleinen Museum zeugen Fotos von der Einöde damals.

Nur die besten Baustoffe

Archtitekt und Kunstmäzen Borst wollte mit den 760 Wohnungen die Vorteile von Einfamilienhaus und Wohnung mischen. Dafür nur die besten Baustoffe und es der Hausfrau leicht machen: In einem Hof gibt es die Ladenzeile, damals wie heute, mit Bäcker, Metzger, Milchladen. Keine beschwerlichen Fahrten in die Stadt. Und die Wäsche wurde früher geholt.

"Da kamen zwei Frauen und die haben sich hingesetzt und erzählt und dann hat man die Wäsche sortiert, bei uns war ein riesengroßes Wägelchen. Die Wäsche wurde in die Wäscherei gebracht und kam so sauber gebügelt zurück, das konnte man bezahlen. Der Herr Borst wollten keine Waschmaschinen erlauben, ich glaube, er hat Angst gehabt vor dem Schimmel." (Bewohnerin der Borstei)

Nicht viel hat sich verändert

Aus der Wäscherei ist ein Waschsalon geworden, die Ladenzeile gibt es zwar noch, doch der Discounter um die Ecke macht es ihnen nicht leicht. Aber die Bewohner der Borstei sind treu. Soviel hat sich gar nicht verändert, wenn man die Bilder im Museum betrachtet, das die Borst-Tochter Line gegründet hat - sie ist letztes Jahr gestorben. Karl Stöger führt es mit Nachbarn weiter, derzeit mit individuellen Öffnungszeiten.

Bewohner aus dem gehobenen Mittelstand

Der ehemalige Lehrer Stöger durchforstet auch gern die Mietbücher von früher. Hier hat schon immer der gehobene Mittelstand gewohnt. Die meisten Umzüge sind intern: Ältere ziehen von oben nach unten. Kinder gründen Familien, vergrößern sich. Rund zehn bis zwölf Wohnungen werden neu vermietet, der Mietpreis orientiert sich am Mietspiegel. Bei Preisen von 12,30 – 15 Euro pro Quadratmeter Inklusive Nebenkosten ein München-Schnäppchen.

Sicher vor Spekulanten

Sicher vor Spekulanten ist die Borstei auch. Bernhard Borst hat sie seinen fünf  Kindern und dann seinen Enkeln vermacht. Im Testament ist festgelegt, dass die Anlage danach in den Besitz einer städtischen Stiftung übergeht. 90 Jahre wird die Borstei nächstes Jahr. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wieder ein mutiger Visionär in München für die Allgemeinheit baut. Nur mit dem günstigen Grund wird es nicht ganz so einfach wie 1923.


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Eine Linke , Samstag, 14.Juli, 18:55 Uhr

17. Nach dem Mauerfall, nach der Wiedervereinigung wurde Bau von Sozialwohnungen

Nach dem Fall der Mauer, nach der Wiedervereinigung wurde der Bau von Sozialwohnungen eingestellt, keine Angst vor dem Kommunismus mehr, man mußte den Arbeitern nicht mehr täglich beweisen, dass der Kapitalismus besser ist als der Sozialismus.

  • Antwort von Enrico Pelocke, Donnerstag, 19.Juli, 01:05 Uhr

    Eine sehr kluge Aussage. Du bringst es auf den Punkt. So müßten alle Kommentare sein.

Don Camillo , Samstag, 14.Juli, 18:43 Uhr

16. Hat wenigstens die AfD eine Lösung für die Wohnungsnot und hohen Mieten?

Hat wenigstens die AfD (Antifaschisten für Deutschland) eine Lösung für die Wohnungsnot und für die hohen Mieten?
Vermutlich hat nur die Kirche ein Herz für die Wohnunssuchenden und spendet einige Grundstücke für den sozialen Wohnunhsbau.

  • Antwort von Münchner1977, Samstag, 14.Juli, 18:58 Uhr

    Kennen Sie die Kirche als Vermieter?

    Gibt fast nix geldgierigeres.....

kirgie, Samstag, 14.Juli, 16:43 Uhr

15. Auch diese Umstände haben zur Zuspitzung beigetragen

Ich bin sicher, dass der seit Jahren permanente Abwärtstrend der CSU sehr viel mit dem Zuzug zu tun hat. Ich habe viele Jahre in München und Umgebung gelebt, bin dort zur Schule gegangen. Bis zum Mauerfall waren die Bayern relativ unter sich. Danach gab es eine Mischung, viele Menschen kamen in ihr Lieblingsbundesland Bayern, vorzugsweise München und Umland. Die teuren Wohnungen wurden teilw. von 3-5 Personen angemietet, am Wochenende pendelte man zum 1. Wohnsitz in die ehem. DDR und genoss so zudem noch steuerliche Vorteile. Danach wurde es immer bunter. Hinter Dachau, von wo wir jetzt als Rentner weggezogen sind, ist die hälfte der Eigentümer und Mieter aus den neuen Bundesländern, Mieter aus Polen und jetzt ganz neu Asylanten aus Afrika, die in Untermiete einer alleinstehenden Frau wohnen. Die Unterbringung zahlt das Sozialamt, ihren Arbeitsplatz konnte sie aufgeben. Unsere Nachmieter bezahlen das Doppelte unserer Miete, für uns unerschwinglich.

Kleinlaut, Samstag, 14.Juli, 15:43 Uhr

14. Weiterer Aspekt

Ohne Mietwucher zu rechtfertigen, aber: Ein Vermieter ist verpflichtet einen Einnahmeüberschuss mit seiner Immobilie zu erwirtschaften, sonst macht das Finanzamt Ärger. Das ist auch ziemlich absurd ...

  • Antwort von Münchner1977, Samstag, 14.Juli, 18:54 Uhr

    Ja. Das Problem haben eben auch die Firmen mit ihre Werkswohnungen. Sofern nicht irgendwie sozial gefördert, z.B. München Modell, muss die Miete an ortübliche Quadratmeterpreise angeglichen sein. Dieses Problem hat beispielsweise auch Meiller, aber auch die SWM und die Landeshauptstadt.
    Früher hat man halt nicht so viel verdient im „öffentlichen“ Dienst, dafür aber günstig gewohnt. Heute dürfen die Wohnungen nicht zu billig sein.....
    Seltsamerweise hat keiner ein Problem, wenn in bestimmten Berufszweigen als „Anreiz“ die Miete vom Arbeitgeber übernommen wird...
    Und zu Mietwucher. Sicher gibt es die und „die“ Vermieter. Aber solange es einfach genug gibt, denen kein Preis zu hoch ist, würde ich das auch so machen. Schuld hat einzig alleine die Politik. Die hat günstigen Wohnraum vernichtet die letzten Jahre und vorallezu wenig selbst gebaut hat. Alleine was in M. die letzten 20 Jahre an Grund verkauft wurde. Mit heutigen Preisen gerechnet, hat die LHM da 1 Mrd. Verlust gemacht.....

Nase voll von Wohnungssuche , Samstag, 14.Juli, 14:28 Uhr

13. Asyl ohne Obergrenze mit Familiennachzug wird dem Wohnungsmarkt den Rest geben.

Asyl ohne Obergrenze mit Familiennachzug wird dem desolaten Wohnungsmarkt den Rest geben. Von der Wohnungssuche kann man leicht eine schwere Depression bekommen. Das ist wohl ein Tabuthema. Nichts darf die Einwanderung behindern.

  • Antwort von Zauberin, Samstag, 14.Juli, 15:55 Uhr

    ich kann nicht nachvollziehen, warum hier die permanente, sinnfreie Hetze gegen Asylsuchende ohne Einschränkung freigeschaltet wird.

    Der Wohnungsmarkt in Mübnchen ist mE eng, weil zu steigender Konjunktur (schafft Arbeitsplätze) die zu geringe Bautätigkeit bei schon immer hohen Preisen kam.

    Und nicht nur in der Borstei findet man guten Wohnraum zu 12,50 - 16 EUR/qm (je nach Ausstattung).

    Bemühen mußte man sich aber schon 1990 - nach dem Mauerfall hatten wir ähnliche Zustände. Ich zog damals das erste Mal nach München und habe die Rudel-Besichtigungen in Erinnerung. In einer Woche hatte ich natürlich noch keine Wohnung. Nach 3 Monaten aber schon. Mit erheblichen Einschränkungen (4. Stock ohne Aufzug, Gas-Einzelöfen, kein Balkon/Garten, sehr hoher Preis) bei akzeptabler Lage.

    Vor 3 Jahren zogen wir nach 15 Jahren außerhalb zurück (der Arbeitsplatz wurde verlagert). 12,50 bei optimaler Verkehrsanbindung (U-Bahn), von institutionellem Vermieter.Suche: 6 Wochen.

  • Antwort von Vermieter und Spekulant, Samstag, 14.Juli, 16:07 Uhr

    Alle sind herzlich willkommen. Wer eine Wohnung braucht, wird irgendwann auch eine bekommen. Christlich und sozial.

  • Antwort von Wohnungssuchende, Samstag, 14.Juli, 18:12 Uhr

    @ Vermieter und Spekulant
    Auch bei Ihnen verstehe ich nicht, was Sie motiviert, einen solchen
    "Sinnfreien Kommentar" abzugeben. Jedes Mal, wenn es um die Wohnungsnot
    geht, von der viele Menschen betroffen sind, kommt von Ihnen nichts als Blödsinn.
    Finden Sie es lustig ? Ich nicht !
    @ Zauberin
    Zustimmung !