NSU-Prozess


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400. Verhandlungstag, 20.12.2017 Der Mann, der Zschäpe aus der Regungslosigkeit erweckte

Nebenkläger Hardy Langer nannte Beate Zschäpe am 400. Verhandlungstag eine starke Frau und appellierte an die Hauptangeklagte, endlich ihr Wissen preiszugeben. Er erreichte zumindest, dass Zschäpe aus ihrer Regungslosigkeit erwachte.

Von: Ina Krauß

Stand: 20.12.2017 | Archiv

Ina Krauß | Bild: BR/Julia Müller

20 Dezember

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Rechtsanwalt Hardy Langer ist keiner der Opfer-Anwälte, die das Scheinwerferlicht suchen. Und doch ist er einer der wichtigsten Vertreter der Nebenklage. Beharrlich und akribisch ging er während der vierjährigen Beweisaufnahme seine ganz eigenen Wege. Er besuchte einzelne Tatorte und machte sich sein eigenes Bild; setzte sich in Zeitungsarchive und lieferte dem Gericht schließlich Zeugen und Beweise, die eigentlich das BKA längst hätte ermitteln müssen. Dafür zollen ihm viele im NSU-Prozess Respekt.

Langer ist auch keiner, der verbal auf den Putz haut. Er neige nicht dazu, der Polizei pauschal Rassismus zu unterstellen, sagt er in seinem Plädoyer. Der Rechtsanwalt vertritt im NSU-Prozess zwei Schwestern von Mehmet Turgut, der im Jahr 2004 in Rostock erschossen wurde. Der junge Mann war das fünfte Opfer der rassistischen Ceska-Mordserie an Geschäftsleuten mit türkischen und griechischen Wurzeln.

Kein Rassismus, aber Fehler bei Ermittlungen

Die Arbeit der Rostocker Polizei sei von Aufklärungswillen gekennzeichnet gewesen, sagt Langer, nicht ohne auf die Fehler bei den Ermittlungen hinzuweisen. Turgut hatte am 25. Februar 2004 nur kurz an dem Döner-Imbiss in Rostock ausgeholfen. Er war ein reines Zufallsopfer. Daraus hätten die Ermittler ablesen können, dass es den Tätern in einer Mordserie an türkischstämmigen Geschäftsleuten nicht so sehr auf die einzelne Person ankam. "Zu einem fremdenfeindlichen Motiv wäre es kein weiter Weg gewesen", so Langer in seinem Schlusswort.

Über mehrere Stunden geht sein Vortrag, in dem er die Besonderheiten des Rostocker Falls herausarbeitet. Es war der einzige Mord, den der NSU in einer ostdeutschen Stadt verübte - noch dazu in einer Stadt mit sehr geringem Ausländeranteil und nur 234 türkischen Staatsangehörigen. Einer davon war der Betreiber des Imbiss-Standes, in dem Mehmet Turgut erschossen wurde. Langer vermutet, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe den Döner-Imbiss kannten. 1994 waren sie in der Nähe zu einer Silvesterparty eingeladen und eine Cousine von Uwe Böhnhardt wohnte um die Ecke.

Emotionaler Apell an Zschäpe

Beate Zschäpe könnte vermutlich die Hintergründe der Tat aufklären. Hardy Langer richtete deshalb einen sehr emotionalen Apell an die Hautangeklagte. Sprach von ihr als einer starken Person. Hier einige Auszüge:

"Frau Zschäpe, dass aus einer starken Person eine starke Persönlichkeit wird, dazu braucht es eine Seele. Um dem Gericht und der Nebenklage zu zeigen, dass sie eine Seele haben, müssten sie sich vorbehaltlos bekennen. Die Zeit der Taktik und der Strategie ist vorbei. Sie sind an einem Punkt, an dem ihnen kein Anwalt mehr helfen kann. Begeben sie sich auf den Weg der Einsicht, sagen sie umfassend und wahrheitsgemäß aus."

Hardy Langer

Langer gelang es, Zschäpe zumindest für kurze Zeit aus ihrer Regungslosigkeit zu wecken. Sie schien aufmerksam zuzuhören und sprach anschließend ausführlich mit ihrem Anwalt Matthias Grasel.

Auch Holger G. entlockte Langers Plädoyer eine erkennbare Reaktion. Der mutmaßliche NSU-Unterstützer sitzt normalerweise tief über ein E-Book gebeugt und widmet den Ausführungen der Nebenklage wenig Aufmerksamkeit. Doch als Langer ihn der Beihilfe zum Mord an Mehmet Turgut bezichtigt, setzt er sich auf, verschränkt die Arme und hört aufmerksam zu. Holger G. soll Uwe Böhnhardt seinen Führerschein überlassen haben. Mit diesem Führerschein, der drei Wochen vor dem Mord an Mehmet Turgut ausgestellt worden war, mietete der NSU das Wohnmobil an, mit dem die Täter nach Rostock fuhren. "Für Mehmet Turgut war der Führerschein genauso tödlich wie die Ceska", so Hardy Langer. 


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