NSU-Prozess


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280. Verhandlungstag, 28.4.2016 Der vielbeschäftigte Herr Borchert

Beate Zschäpes Wahlverteidiger ist selten im Gerichtssaal. Heute war er da und forderte eine Aussetzung des Verfahrens, um die Akten lesen zu können.

Von: Tim Aßmann

Stand: 28.04.2016 | Archiv

Tim Aßmann | Bild: BR/Tim Aßmann

28 April

Donnerstag, 28. April 2016

Herrmann Borchert ist erst seit Herbst vergangenen Jahres am NSU-Prozess beteiligt, aber zwei Dinge über den Münchner Anwalt weiß man mittlerweile ganz genau. Zum einen ist ihm sein Urlaub heilig. Deshalb musste die schriftliche Erklärung seiner Mandantin um mehrere Wochen verschoben werden. Außerdem ist Borchert ein vielbeschäftigter Mann. Für den NSU-Prozess, in dem er Wahlverteidiger von Beate Zschäpe ist und daher kein Geld vom Staat bekommt, hat er nur selten Zeit. Wenn Borchert dann mal morgens neben Zschäpe sitzt, ist klar, dass irgendetwas zu erwarten ist. So war es auch heute.

Zschäpe-Anwalt will in Ruhe lesen

Hermann Borchert

Hermann Borchert will also, dass der seit fast drei Jahren laufende Prozess ausgesetzt wird, damit er genügend Zeit hat, alle Verfahrensakten zu lesen. Penibel hat der Verteidiger vorgerechnet, dass er zwei Leitzordner pro Arbeitstag schafft und nun also knapp zwei Jahre Pause bräuchte. Der Hintergrund: Borchert zweifelt an der Vollständigkeit der Kopien der Akten, die ihm zur Verfügung gestellt wurden. Er will die Originalakten vom Gericht und dann gründlich lesen. Mit einer sehr ähnlichen Begründung hatte vor kurzem übrigens auch die Wohlleben-Verteidigung eine Aussetzung des Verfahrens verlangt, was einem Platzen des Prozesse gleich käme, und war gescheitert. Dass nun die Zschäpe-Verteidigung nachzieht, überrascht. Kann das wirklich im Interesse der Mandantin sein? Immer wieder haben die Zschäpe-Anwälte betont, die Hauptangeklagte leide unter der Dauer des Verfahrens. Was würde da erst ein kompletter Neustart des Prozesses für Zschäpe bedeuten?

Antrag ohne Aussicht auf Erfolg

Die Frage ist aber wohl rein theoretisch. Die Chancen, dass Herrmann Borchert mit seinem Aussetzungsantrag beim Gericht durchkommt, tendieren gen Null. Schließlich hat Beate Zschäpe mittlerweile fünf Verteidiger, drei davon sind von Anfang an dabei. Dass Zschäpe mit diesen dreien nicht mehr zusammenarbeiten will, ist nicht das Problem des Gerichts. Herrmann Borchert verließ den Prozess heute übrigens vorzeitig, kurz nach Verlesen seines Antrags. Ob er ging, um Akten zu lesen, ist nicht überliefert.


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