NSU-Prozess


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Wohlleben-Aussage im NSU-Prozess "Ich wollte keine Waffe besorgen"

Im NSU-Prozess hat der Angeklagte Ralf Wohlleben am 254. Verhandlungstg erneut die Beschaffung der Mordpistole bestritten. Über scharfe Waffen habe er mit dem sogenannten NSU-Trio generell nicht gesprochen.

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 13.01.2016 | Archiv

Wie bereits bei seiner Aussage im Dezember bestritt der mutmaßliche NSU-Unterstützer Wohlleben erneut, die Beschaffung der Pistole organisiert zu haben, mit der laut Anklage der NSU neun von zehn Morden begangen hatte.

Der 40-Jährige gab aber an, dass Uwe Böhnhardt eine Waffe bestellt habe: unbedingt eine Pistole, keinen Revolver, und unbedingt deutsches Fabrikat. Erneut brachte Wohlleben in diesem Zusammenhang die Mitangeklagten Carsten S. und Holger G. ins Spiel, die beide ebenfalls den Auftrag der Waffenbeschaffung gehabt hätten. Wohlleben behauptete, mit keiner Person über das Organisieren einer Pistole geredet zu haben.

"Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil ich keine Waffe besorgen wollte."

Ralf Wohlleben

Auf die Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, warum Böhnhardt die Waffe benötigte, sagte Wohlleben:

"Er hat gesagt, dass er sich auf jeden Fall nicht der Polizei stellen will, sondern sich lieber erschießen will."

Ralf Wohlleben

Wohlleben bestritt auch, die Waffenbeschaffung finanziert zu haben. Er hätte dazu gar nicht die Mittel gehabt. Seiner Vermutung nach lief die Bezahlung der Waffe über Tino Brandt, ehemals zentrale Figur der Thüringer Neonazi-Szene und Ex-V-Mann.

Schalldämpfer "aus Neugier" aufgeschraubt

Wohlleben behauptete erneut, Carsten S. wäre bei ihm mit dieser Waffe plötzlich aufgetaucht. Beim Auspacken der Pistole sei Wohlleben überrascht gewesen, dass auch ein Schalldämpfer dabei war. Danach habe er die Pistole in ein Tuch gewickelt.

"Aus Neugier habe ich ihn auf die Waffe geschraubt, um zu gucken, wie das Ding aussah. Ich habe mir die Waffe nicht näher angeguckt."

Ralf Wohlleben

Scharfe NSU-Waffen? Kein Thema

Angeklager Carsten S.

Wohlleben sagte außerdem aus, Böhnhardt habe sich zwar schon früh für alle Arten von Waffen interessiert. Er könne sich aber nicht daran erinnern, "dass irgendwann einmal scharfe Waffen oder Sprengstoff bei uns ein Thema gewesen wären", so Wohlleben. Nach dem Untertauchen des sogenannten NSU-Trios - Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe - habe Wohlleben noch dreimal Böhnhardt und Mundlos persönlich getroffen. Ansonsten habe er mit den beiden telefonisch Kontakt gehalten - über ein bestimmtes Telefonzellen-System. Zschäpe sei darin nicht eingeweiht gewesen - ob aber Carsten S., daran könne sich Wohlleben nicht erinnern.

Wohlleben spielt Rolle herunter

Zu Beginn des 254. Verhandlungstages fragte Götzl Wohlleben, wie er in den 1990er-Jahren in die Thüringer rechtsextreme Szene geriet. Der Angeklagte gab als Gründe Gruppenzugehörigkeit, Faible für Fahnen und Hang zu Disziplin an. In Wahlkampfveranstaltungen der NPD sei er als Jugendlicher rein zufällig geraten. Auf Götzls Frage, was es mit der rechtsextremen "Kameradschaft Jena" auf sich hatte, antwortete der 40-Jährige lapidar:

"Wir dachten, in anderen Städten gibt es auch Kameradschaften, dann muss es hier auch eine geben."

Ralf Wohlleben

Wohlleben vermied es, die Kameradschaftsszene in einen politischen Kontext zu stellen, es hätte sich lediglich um eine Art Wettbewerb zwischen Gruppen gehandelt: "Ich kann mich nicht an großartige politische Diskussionen erinnern. Dass wir uns als autoritärer Kreis verstanden hätten, war nicht so. Wir wollten einfach mehr Disziplin als die Rudolstädter." Seine eigene damalige Rolle spielte Wohlleben, immerhin einst hoher NPD-Funktionär in Thüringen, herunter:

"Ich war einfaches Mitglied, ich hatte kein Organisationstalent. Ich habe mir ein Plakat geben lassen, um das Gefühl zu haben dazuzugehören."

Ralf Wohlleben

Vorwurf der Anklage

Im NSU-Prozess ist Wohlleben der Beihilfe zum Mord angeklagt. Er soll die Beschaffung jener Ceska-Pistole veranlasst haben, mit der neun von zehn Morden begangen wurden, die dem NSU zur Last gelegt werden. In seiner Aussage im Dezember, mit der er sein zweieinhalb Jahre dauerndes Schweigen bracht, bestritt Wohlleben die Waffenbeschaffung - und damit auch den Vorwurf der Beihilfe zum Mord. Stattdessen belastete er den Mitangeklagten Carsten S.


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