NSU-Prozess


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78. Verhandlungstag, 23.1.2014 "Das haben wir nicht geahnt"

Jürgen Böhnhardt ist kein großer Redner. Das wird in der Verhandlung schnell deutlich, aber man merkt auch, dass er unbedingt antworten will. Von der rechtsextremen Karriere seines Sohnes will er nichts bemerkt haben.

Von: Tim Aßmann

Stand: 23.01.2014 | Archiv

Tim Aßmann | Bild: BR

23 Januar

Donnerstag, 23. Januar 2014

Jürgen Böhnhardt will nichts verschweigen und nichts schönreden, muss aber um die Worte und teils auch um die Erinnerung immer wieder ringen. Er erzählt zunächst wie sein Sohn Uwe bis zur 5 oder 6 sechsten Klasse eine ganz normale Entwicklung nahm, dann aber anfing die Schule zu schwänzen, an falsche Freunde geriet, erste Straftaten beging und in die rechtsextreme Szene abdriftete. Wie radikal Uwes Ansichten schließlich waren, wie aktiv er in der Szene war das will sein Vater nicht mitbekommen haben. "Das haben wir damals überhaupt nicht geahnt", sagt Jürgen Böhnhardt nun im Zeugenstand und ergänzt „Das kam höchstens mal unterschwellig“.

Versucht den Sohn zur Aufgabe zu bewegen

Im vergangenen November war Uwe Böhnhardts Mutter Brigitte Zeugin im Prozess und sie gab die Schuld an der Entwicklung des Sohnes vorwiegend anderen: Den Schulen, der Polizei, dem Verfassungsschutz und überhaupt der Wende in der DDR. So sieht es ihr Mann Jürgen ganz offenkundig nicht. Deutlich wird das Bild eines Elternpaares das verzweifelt versuchte den Sohn zur Aufgabe zu bewegen. Insgesamt dreimal trafen sich Jürgen und Brigitte Böhnhardt zwischen 1999 und 2002 mit ihrem Uwe, seinem Freund Uwe Mundlos und Beate Zschäpe.

Zschäpe wirkt desinteressiert

Eindringlich und teils aufgewühlt berichtet Jürgen Böhnhardt nun im Gerichtssaal wie er immer wieder an die Drei appellierte: Stellt Euch. Es wird nur schlimmer für Euch. Aber alle Drei hätten nicht gewollt - auch nicht Beate Zschäpe. Viel kann Jürgen Böhnhardt allerdings zur Aufklärung der Rolle der Hauptangeklagten innerhalb des Trios nicht beitragen. "Sie war voll akzeptiert", sagt er und beschreibt Zschäpe darüber hinaus noch als nette junge Frau, mit der man über alles Mögliche reden konnte zum Beispiel über Gartenarbeit. Ein paar Details weiß Jürgen Böhnhardt dann aber doch noch: Als die Polizei ihm und seiner Frau einmal Bilder vorlegte auf denen nicht nur ihr Sohn sondern auch Zschäpe auf einer Neonazi-Demo zu sehen war, fiel das Paar aus allen Wolken. Während der Vater das erzählt, schaut Beate Zschäpe nur geradeaus und wirkt desinteressiert.

Beileid für die Angehörigen der Opfer

Mitten in der Befragung wendet sich Jürgen Böhnhardt dann an die Opfer-Angehörigen. "Ich möchte mein Beileid den Leuten ausdrücken die Opfer geworden sind von den Uwes", sagt der 69-Jährige mit stockender Stimme. Sein Sohn habe dumme, bösartige, gemeingefährliche Sachen gemacht, erklärte der Vater und fügte an: "Es tut mir unendlich leid". Und dankt er den Familien der Opfer noch - dafür dass sie an den Eltern des mutmaßlichen Täters keine Rache nahmen.


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