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Applaus von rechter Szene NSU-Helfer André E. ist frei - Nebenkläger verärgert

Neonazis jubeln im Gerichtssaal: Der als NSU-Helfer verurteilte André E. ist zum Abschluss des Prozesses ein freier Mann. Das milde Urteil gegen ihn ist aus Sicht der Nebenklage eine große Enttäuschung.

Von: Lisa Weiß

Stand: 11.07.2018

André E. | Bild: picture-alliance/dpa

Wohl zum letzten Mal wurden Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben mit Blaulicht und Sirene vom Oberlandesgericht zurück in ihre Zellen gebracht – nach über fünf Jahren ist der NSU-Prozess jetzt wirklich zu Ende.

Und einer durfte als freier Mann das Gericht verlassen: Andre E. Er wurde wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, aber nicht wegen Beihilfe zum versuchten Mord. Deshalb blieb die Strafe weit unter den Forderungen der Bundesanwaltschaft. Und das bedeutet:

"Am Ende der Urteilsbegründung wurden die beiden Haftbefehle gegen die Hauptangeklagte und Ralf W. aufrechterhalten und der Haftbefehl gegen Andre E aufgehoben."

Florian Gliwitzky, Gerichtssprecher

Neonazis jubeln im Gerichtssaal

Zuschauer, die der rechten Szene angehören, jubelten daraufhin im Gerichtssaal, Unruhe breitete sich aus. Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler kann die sofortige Freilassung von André E. nicht verstehen.

"Dass man ihn hier heute, sozusagen noch im Saal entlässt, ist ein Signal an die Naziszene, dass es sich lohnt zu schweigen. Und genau so ist es ja auch aufgefasst worden, aufgenommen worden vom Nazipublikum oben, die da herumapplaudierten."

Mehmet Daimagüler, Nebenklage-Anwalt

Er denkt darüber nach, Revision einzulegen. Die Anwälte von Beate Zschäpe sind sich da schon sicher, der Fall dürfte also vor dem Bundesgerichtshof landen. Denn dass der Senat unter anderem die Mittäterschaft von Beate Zschäpe bei den NSU-Morden festgestellt hat, dass Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, dass zusätzlich die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden ist – das will Anwalt Mathias Grasel nicht so einfach akzeptieren.

"Da ich das Urteil für falsch halte werde ich selbstverständlich Revision einlegen, da Frau Zschäpe nach meiner Auffassung hier als Stellvertreterin für etwas verurteilt wurde, was sie selbst weder gewollt noch getan hat. Und der Bundesgerichtshof wird dieses fehlerhafte Urteil aufheben."

Mathias Grasel, Anwalt

Bundesanwaltschaft mit dem Urteil zufrieden

Bundesanwalt Herbert Diemer ist mit dem Urteil dagegen zufrieden – schließlich sei der Senat in allen wesentlichen Punkten der Anklage gefolgt.

"Soweit er in den Rechtsfolgen abgewichen ist, ist das nicht von so zentraler Bedeutung für uns. Was den Angeklagten E anbelangt und die Beurteilung des Angeklagten E, werden wir uns die Begründung des Vorsitzenden noch einmal auf der Zunge zergehen lassen und dann entscheiden, ob wir Rechtsmittel einlegen."

Herbert Diemer, Bundesanwalt

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl folgte auch in einem anderen Punkt der Anklage: Immer wieder ließ er durchblicken, dass für ihn der NSU nur aus drei Personen bestand – aus Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.

Viele Nebenkläger verärgert

Das sehen viele Nebenkläger anders. Deshalb und auch wegen des in ihren Augen milden Urteils gegen Ralf Wohlleben und eben Andre E. sind viele Nebenkläger verärgert. Wie Gamze Kubasik, die Tochter des Dortmunder Mordopfers Mehmet Kubasik.

"Für mich waren die genau so mit Schuld und in einer Stufe gesetzt wie die zwei Mörder, die jetzt tot sind und wie Beate Zschäpe."

Gamze Kubasik, Tochter des Dortmunder Mordopfers Mehmet Kubasik

Gamze Kubasiks Mutter sei fassungslos und eine Zeit lang bewegungsunfähig gewesen, sagt deren Anwalt. Er selbst sei entsetzt. Und auch einige der Menschen, die an den Kundgebungen vor dem Gericht teilnahmen, forderten  weitere Aufklärung. Es kam zu kleineren Zusammenstößen mit der Polizei – der Protest dürfte weitergehen.


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