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Ein Jahr nach dem Nizza-Attentat Zwischen Trauma und dem Blick nach vorn

Es war 22.34 Uhr, als am 14. Juli 2016 ein Terrorist in Nizza mit einem Lastwagen in eine Menschenmege rast und über zwei Kilometer hinweg Passanten überfährt. 86 Menschen sterben, darunter zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Deutschland. Ein Jahr nach dem verheerenden Anschlag äußern sich Mitschüler und Kollegen zum ersten Mal öffentlich über die Horrornacht von Nizza. Kontrovers hat Menschen getroffen zwischen Trauma und dem Blick nach vorn.

Von: Harriet Kloss, Markus Thöß und Anna Klühspieß

Stand: 14.07.2017

Auf dem Schulhof der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Berlin-Charlottenburg steht ein Gedenkstein mit der Aufschrift "Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben." Er ist eine Erinnerung an die beiden Schülerinnen Salma, Silan und die Lehrerin Saskia Schnabel, die vor einem Jahr beim Anschlag in Nizza ums Leben kamen. Sie hatten während einer Klassenfahrt den französischen Nationalfeiertag mitfeiern wollen, direkt am Strand von Nizza, und waren von dem rasenden LKW des Attentäters Mohamed Lahouaiej Bouhlel erfasst worden.

Salma hätte heute Geburtstag. Ihre Freundinnen Melina, Matilda und Kineh, die bei der Klassenfahrt letztes Jahr auch dabei waren, legen Blumen am Gedenkstein nieder und erinnern sich an sie. Die Freundin fehlt ihnen sehr.

"Ihr Lachen war so ansteckend, das war wirklich, jeder musste mitlachen. Und einfach ihre herzliche und vor allem ehrliche Art. Sie war wirklich so ein Mensch, der direkt war, der immer die Wahrheit gesagt hat. Ich bin halt wirklich froh, sie kennen gelernt zu haben, weil sie einer der nettesten Menschen war."

Melina

Das schreckliche Ende einer Klassenfahrt

Dass ihre Klassenfahrt ein Trip in die Hölle werden sollte, hatte zuvor niemand von ihnen für möglich gehalten. Der Abend an der Promenade, die Festivitäten des französischen Nationalfeiertags und das Feuerwerk in Nizza hätten der krönende Abschluss der zehntägigen Studienfahrt werden sollen. Die Schüler waren zusammen mit ihren Lehrern eigentlich auf der Suche nach einem Restaurant in der Nähe der "Promenade des Anglais", und wollten davor noch das Feuerwerk genießen.

Es herrschte wunderbare Atmosphäre, erinnert sich Melina. Alle wären so glücklich gewesen, erzählt sie. "Die Menschen auf der Promenade haben auch manchmal getanzt, da war Musik", berichtet sie von der schönen Harmonie an dem Abend. Als das Feuerwerk beginnt ist die Stimmung ausgelassen, auch bei der Schülerin Amal:

"Wir alle waren da mit strahlenden Augen und haben das Feuerwerk beobachtet, haben uns auf der Promenade auf Bänke gesetzt und das beobachtet. Die anderen haben Fotos gemacht und wir hatten so ein schönes Lebensgefühl. Das war wirklich einer der schönsten Momente die ich hatte."

Amal

Alles ging viel zu schnell

Gegen Ende der Show um 22.34 Uhr passiert plötzlich das Unfassbare: Ein weißer LKW rast mitten in die tausenden feiernden Menschen auf der Promenade. Der Fahrer schlägt immer wieder das Lenkrad ein, um möglichst viele Leute umzufahren. Schüsse fallen. Die Schüler verstehen im ersten Augenblick erst gar nicht, was los ist. Alles geht viel zu schnell. Melina erinnert sich, zuerst Schreie gehört zu haben. Und das dumpfe Geräusch der Menschen, die vom LKW getroffen wurden.

"Dann habe ich mich umgedreht. Und das erste, was ich gesehen habe, war einfach, wie wirklich Menschen durch die Luft geschleudert wurden und geflogen sind. Dann habe ich diese zwei Lichter gesehen. Dann habe ich halt gesehen, wie Menschen unter den LKW gerollt sind. Das war eine Sekunde - dann bin ich einfach so schnell ich konnte, nach rechts gerannt."

Melina

Die Schülerin hat Glück. Direkt unter ihr an der Flaniermeile befindet sich ein Restaurant, auf dessen Dach sie zusammen mit anderen rennen kann, um dem LKW auszuweichen. Sie ist in Sicherheit.

Mindestens 86 Tote, über 400 Verletzte

Ihre Klassenkameradin Amal schafft es dagegen nicht mehr. Die Jugendliche wird von dem LKW erfasst und mitgeschleift, erleidet schwerste Verletzungen. An den Moment kann sie sich allerdings nicht mehr wirklich erinnern.

"Hab’ mich umgedreht und hab' nur gesehen, dass ein megagroßer, weißer Lastwagen auf mich zu gerast ist. Wollte wegrennen und schreien. Und bin dann Richtung Meer gerannt. Und dann ist schwarz ..."

Amal K.

Nach fast zwei Kilometern endet die Fahrt des Lastwagens auf der Uferpromenade. Der Attentäter Mohamed Lahouaiej Bouhlel - ein 31-Jähriger Franko-Tunesier - wird, noch im Führerhaus sitzend, von Sicherheitskräften erschossen.

Diesen Augenblick erleben auch zwei Lehrer aus München ganz aus der Nähe mit, die ebenfalls mit einer Schülergruppe in Nizza zu Besuch waren. Dorothee Jacquot-Weber und Jürgen Vorlaufer sitzen in einem Café, nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, wo Polizisten den Attentäter erschießen: 

"Wir haben eindeutig Schüsse gehört. Das waren Pistolenschüsse - als sie den erschossen haben im Führerhaus. Dieses trockene Bellen der Schüsse, das war klar: Das ist kein Feuerwerk mehr.'' Jürgen Vorlaufer, Lehrer

''Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe nur - eben: 'Unsere Schüler!' Das war der Gedanke. Und: Was machen wir?"

Dorothee Jacquot-Weber, Lehrerin

Tote und Verletzte auf der Straße

Rund um die Promenade liegt Panik in der Luft. Die Menschen fliehen vom Schauplatz oder suchen Unterschlupf in Passagen und Hotels. Auf der Straße liegen zahlreiche Tote und Verletzte, Menschen stehen unter Schock. Schon bald kümmern sich einige Strandpächter um die Verletzten, versuchen Mut zuzusprechen und zu helfen, bis die Rettungskräfte eintreffen. Doch die Bergung geht nur langsam voran - nicht zuletzt, weil die Zufahrtsstraßen alle abgeriegelt sind.

Lehrer macht sich auf die Suche nach seinen Schülern - trotz Ausgangssperre

Während auf der Promenade die Verletzten versorgt werden, herrscht in der Innenstadt stundenlang der Ausnahmezustand. Die Polizei geht zu diesem Zeitpunkt noch von möglichen Komplizen des Attentäters aus und rechnet mit bewaffneten Terroristen und weiteren Anschlägen in der Umgebung. Eine Ausgangssperre wird verhängt.

Dennoch macht sich Jürgen Vorlaufer auf die Suche nach seinen Schülern. Zwei von ihnen sollen sich in einem Hotel versteckt haben: 

"Ich kam da hin, es war absolut stockfinster. Und ich dachte, da ist kein Mensch. Da hatten sie alle Lichter ausgemacht. Dann bin ich reingegangen und es war alles war voller Leute! Die hatten so Angst, dass da ein Terroranschlag so ähnlich wie in Paris ist: Dass die mit Maschinenpistolen und Motorrädern durch die Straßen fahren. Und dann waren die auch sehr vorsichtig und sind zu mir gekommen, die vom Hotel - der Portier und so weiter. Und dann gingen wir ums Eck und es war wie im Krieg: Da waren weinende Menschen am Boden gelegen - und ganz hinten im Eck habe ich die zwei Mädels gesehen, die sich auf einem Sessel zusammengekuschelt haben. Und dann habe ich gesagt: Jetzt gehen wir heim."

Jürgen Vorlaufer

Bis zum nächsten Morgen suchen die beiden Lehrer Dorothee Jacquot-Weber und Jürgen Vorlaufer ihre Schüler in der ganzen Stadt. Am Ende haben sie großes Glück: Sie können alle finden. Die Jugendlichen hatten sich im Hotel, in einer Tiefgarage und in Hinterhöfen in Sicherheit gebracht. Niemand ist verletzt.

"Das schlimmste glaube ich als Lehrer, ist für einen Lehrer, wenn in so einer Situation ein Kind stirbt. Ich glaube dann kannst du aufhören mit deinem Beruf, mit allem. Das geht nicht. Und das sind so die ganz großen Ängste, die man hat, deswegen auch in dieser Nacht so eine Art Motor, dass nichts passieren darf. Auch wenn man es nicht in der Hand hat."

Jürgen Vorlaufer

Schockierende Nachrichten für die Berliner Klasse

In einem Hotel hatte sich auch der Lehrer der Berliner Schule Fouad Zaim zusammen mit einigen Schülern versteckt. Per Handy versucht er, alle Jugendlichen und seine Kollegin Saskia Schnabel anzurufen, um zu erfahren, wie es ihnen geht und ob sie in Sicherheit sind. Einige erreicht er recht schnell. Andere gar nicht. Er telefoniert die ganze Nacht:

"Dann irgendwann rief ein Schüler an und hat uns die Nachricht mitgeteilt, dass ... Er war dabei und hat alles gesehen und erzählt, dass Frau Schnabel ums Leben gekommen ist. Er hat das sofort gesagt. Er hat auch gesagt, dass die beiden Schülerinnen Salma und Silan ums Leben gekommen sind. Und er hat gesagt, dass Amal es überlebt hat und sie im Krankenhaus ist, schwer verletzt."

Fouad Zaim

Der Schock ist groß bei der Berliner Klasse. Einerseits sind die Schüler froh, selbst überlebt zu haben, dem Terror entkommen zu sein. Doch sie sind schockiert und fassungslos angesichts der Opfer, die es unter ihnen getroffen hat. Amal überlebt glücklicherweise ihre schweren Verletzungen, die sie erlitten hatte, als sie vom LKW mitgeschleift wurde. Sie muss sich zahlreichen Operationen unterziehen und liegt lange im Krankenhaus. Jetzt, ein Jahr später, hat sie sich allmählich zurück ins Leben gekämpft. Langsam heilen die äußeren und inneren Wunden:

"Ich hatte, als ich im Krankenhaus war, 'ne sehr negative Zeit: Ich hatte so starke Depressionen, ich hab’ die Gardinen zu gemacht, hab’ mich ins Bett gelegt. Und dann habe ich überlegt und mich einfach an der Zukunft festgehalten. Also was kannst du noch machen, was du machen wolltest? Und das Reisen, natürlich jeder Jugendliche, fast jeder Jugendliche will reisen, aber bei mir ist dieser Wunsch sogar noch viel größer, sag ich jetzt mal ."

Amal

Rückkehr an den Ort des Terrors?

Die Schüler sind seitdem eng miteinander verbunden. Sie geben sich gegenseitig Halt, die Reise hat sie zu einer Art Schicksalsgemeinschaft gemacht. Ein Jahr nach dem Anschlag wurden sie vom französischen Staat nach Nizza eingeladen. Doch Amal schafft es noch nicht, an den Ort des Terrors zurückzukehren. Es ist einfach noch zu früh für sie.

"Aber irgendwann werde ich da nochmal hinfahren und mir das angucken. Das wird bestimmt total emotional und schwierig, aber das ist so ein Muss für mich, finde ich."

Amal

Dorothee Jacquot-Weber und Jürgen Vorlaufer haben das Erlebte gut verarbeitet, sagen sie. Und ihre Schüler?

"Ich glaube, dass der ein oder andere, das habe ich wohl auch so gehört, noch damit zu kämpfen hat. Aber der Großteil der Schüler, die gehen jetzt raus ins Leben. Das habe ich jetzt bei der Abifeier gemerkt, mit einer doch sehr eindeutigen Lebensbejahung. Und nicht mit Angst."

Jürgen Vorlaufer

Egal wie viel Zeit vergehen wird, die Klassenfahrt nach Nizza werden sie wohl nie vergessen.


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