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Seltene Bilder aus der NS-Zeit Verbrechen: Liebe

Die Fotos rufen Beklemmung hervor. Zwei junge Frauen mit Schildern um den Hals. Darauf steht: "Wir sind aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen - wegen Verkehr mit Kriegsgefangenen". Welche Geschichte steckt hinter diesen Bildern? Kontrovers-Reporter auf Spurensuche im Stadtarchiv Landshut.

Von: Thomas Muggenthaler und Christian Stücken

Stand: 03.05.2017

Mehr als 70 Jahre lang lagen die Bilder unbeachtet im Landshuter Stadtarchiv. Bis der Archivar Mario Tamme sich einen Karton mit Artikeln und Dokumenten aus dem 2. Weltkrieg vornahm. Und darin auch fünf Fotos fand. Sie zeigen, wie zwei Frauen in Landshut öffentlich gedemütigt werden.

"Dieser Fund war für uns schon eine sehr große Überraschung. Wir wussten nichts von diesem Vorfall. Und solche Fotos sind extrem selten. Dieser Fund ist schon eine kleine Sensation."

Mario Tamme, Stadtarchiv Landshut

"Verbrechen Liebe"

Inzwischen weiß er, was passiert ist: Am 14. April 1942 wurden zwei junge Frauen durch Landshut getrieben, bewacht von zwei Kriminalpolizisten. Ihr Vergehen ist "Verbotener Umgang" mit französischen Kriegsgefangenen.

"Solche Fälle haben immer wieder stattgefunden, dass Leute öffentliche gedemütigt wurden, aber Fotos von solchen Aktionen haben sich nur sehr selten erhalten. Ich persönlich weiß von keinem zweiten Fall in Bayern, der mit Fotos dokumentiert ist."

Mario Tamme, Stadtarchiv Landshut

Wer waren diese beiden jungen Frauen? Was ist damals mit ihnen geschehen? Mario Tamme geht der Sache nach und findet heraus, dass die Landshuter NS-Führung an den beiden ein Exempel statuieren wollte.

Eine kahlgeschorene Frau steht am Pranger wegen ihrer Liebe zu einem Kriegsgefangenen.

Vor aller Augen wurden Frauen während der Nazi-Zeit an den Pranger gestellt, wenn sie eine Liebesbeziehung mit Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern hatten. Gedemütigt, geschoren, bespuckt. Danach kamen sie ins Gefängnis oder ins KZ. Auch die Männer wurden hart bestraft. Franzosen kamen ins Gefängnis, Polen ins KZ oder sie wurden hingerichtet.

Staatliche Morde zur Abschreckung

Kontrovers-Autor Thomas Muggenthaler hat im Staatsarchiv Amberg einen Akt gefunden, der allein in Niederbayern und der Oberpfalz 22 Fälle dokumentiert, bei denen Polen in der Nähe der Orte hingerichtet wurden, in denen sie gearbeitet hatten. Meist war der Grund ein Liebesverhältnis mit einer deutschen Frau. Das Ziel dieser staatlichen Morde war die Abschreckung der polnischen Zwangsarbeiter, die aus der ganzen Umgebung zum Hinrichtungsort geführt wurden. Sie mussten sich nach der Exekution den Toten ansehen und sich belehren lassen, was sie dürfen und was nicht. Ein düsteres Kapitel des Dritten Reiches, das bisher wenig erforscht ist. In einigen Orten sind diese staatlichen Morde verdrängt, verschwiegen oder einfach vergessen.

"Durch die Stadt getrieben wie ein Stück Vieh"

zum Video mit Informationen Verbrechen Liebe Bayerisch-polnische Schicksale in der NS-Zeit

Es war verboten. Lebensgefährlich. Aber oft waren die Gefühle stärker. Und so verliebten sich bayerische Frauen im 2. Weltkrieg in polnische Zwangsarbeiter. Die Strafe: das KZ oder der Tod. [mehr]

Was ist damals in Landshut geschehen? Nachdem die Landshuter Zeitung im Januar über die Fotos berichtet hat, meldet sich eine Augenzeugin: Winfriede Loipeldinger. Sie war damals Schülerin und hat alles mit angesehen. Wir treffen sie in einem Landshuter Altenheim. Winfriede Loipeldinger kann sich noch genau an diesen Tag erinnern, als die Frauen damals durch Landshut getrieben wurden:

"Sie sind beide so mit tief gesenktem Kopf gegangen, ich hab das schon als furchtbar empfunden ... Wie ein Stück Vieh getrieben durch die Stadt."

Winfriede Loipeldinger

"Wir sind aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wegen Verkehr mit Kriegsgefangenen."

Winfriede Loipeldinger kannte eine der beiden Frauen: Anna Scharf. Sie erinnert sich, dass Anna Scharf und ihre Freundin sich mit französischen Kriegsgefangenen eingelassen haben sollen. Der Spießrutenlauf ging vom Stadtplatz bis zum Landshuter Gefängnis. Die beiden Frauen landeten in Untersuchungshaft. Anna Scharf wurde wegen verbotenem Umgang mit Kriegsgefangenen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. In ihrer Zelle schrieb sie an die Wand: "Ich sterbe für Frankreich, ich gehe mit Jacques in den Tod." Für diese Kritzeleien wurde sie dann noch einmal vor dem Sondergericht in München angeklagt und bekam noch einmal zwei Monate Haft.

Bespuckt und gedemütigt

Wer ist diese Frau, die sich das getraut hat, die so viel Rebellion zeigte? Unsere Recherchen führen nach Straßburg. Dort lebt Anna Scharf heute. Sie ist inzwischen 93 Jahre und empfängt uns im Kreise ihrer Familie. Sie ist gespannt auf die Fotos, die in Landshut aufgetaucht sind. Einer der schlimmsten Momente in ihrem Leben, sagt sie.

"Die Geschäfte sind aufgegangen und dann sind sie raus und haben ausgespuckt. Ich hab‘ mich immer wieder geduckt, damit sie mich nicht treffen."

Anna Scharf

Für Anna Scharf waren es Stunden voller Scham und Angst. Es folgten zwei Jahre Gefängnis. Was aus Jacques geworden ist, hat sie nie erfahren. Nach Kriegsende hat sie ihre Sachen gepackt und ist nach Frankreich gegangen. Sie hat geheiratet, Kinder und Enkel bekommen. "Ja, das sind Menschen wie wir", sagt sie heute, "ich hab die Franzosen geliebt."

Kampf um Gerechtigkeit und Entschädigung

Kann es heute noch Gerechtigkeit für Anna Scharf geben? Sie kämpft darum: Erst im vergangenen Jahr ist das Urteil aus dem Jahr 1942 gegen sie aufgehoben worden. Doch auf eine Entschädigung wartet Anna Scharf seit 60 Jahren vergeblich. Bereits 1956 hatte sie einen entsprechenden Antrag gestellt. Er wurde abgelehnt, weil sie, so die Begründung, nicht aus politischen Gründen inhaftiert gewesen sei.

Jetzt hat sie sich einen deutschen Anwalt genommen. Für ihn ist der Fall klar. Seine Mandantin saß zwei Jahre zu Unrecht im Gefängnis und hat Anspruch auf Entschädigung, sagt ihr Anwalt Marc-Yaron Popper:

"Hier ist in erster Linie der Freistaat Bayern zuständig: das Landesentschädigungsamt, das zum Finanzministerium im weitesten Sinne gehört."

Marc-Yaron Popper, Rechtsanwalt von Anna Scharf

Doch der Freistaat winkt ab. Das Landesentschädigungsamt Bayern, das zum Finanzministerium gehört, erklärt sich für "nicht zuständig" und verweist darauf, dass die Antragsfrist für eine Entschädigung nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) längst abgelaufen ist. Anna Scharf überlegt jetzt, zu klagen.


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jean-marie, Freitag, 05.Mai 2017, 08:49 Uhr

19. entschädigung wg ns-verbrechen

warum werd ich das gefühl nicht los, dass hier , vom staat, auf zeit gespielt wird !?

Zwiesel, Donnerstag, 04.Mai 2017, 13:27 Uhr

18. Geistergedanken

Wenn ich so manche rechte Hetzkommentare hier lese, frage ich mich, ob nicht wie auf Autobahnen Geisterfahrer in manchen Gehirnwindungen Geistergedanken unterwegs sind. Statt in eine freie, offene und friedliche Zukunft zurück in die unsägliche Vergangenheit.

  • Antwort von werner, Donnerstag, 04.Mai, 17:03 Uhr

    @Zwiesel Freie Zukunft? Mit Billionenlasten im Rücken? Mit gigantischen Bankenrisiken?

Gabi, Donnerstag, 04.Mai 2017, 10:13 Uhr

17. Was geht mich (Jahrgang 1980) das an, was vor 75 Jahren passiert ist?

Lassen Sie die Menschen mit diesen traurigen Kriegsgeschichten in Ruhe. Ich kann es nicht ändern, ich habe damit nichts zu tun, ich war damals noch nicht auf der Welt. Wollen Sie damit bei der Jugend schlechtes Gewisssen oder sogar Depressionen generieren?

  • Antwort von Zwiesel, Donnerstag, 04.Mai, 10:34 Uhr

    @Gabi:
    Ich hoffe, Sie kümmern sich aber um die Zukunft und stehen auf für Menschenrechte, für Demokratie, für Meinungs- und Pressefreiheit und gegen den Marsch nach Rechts.

  • Antwort von marco, Dienstag, 09.Mai, 11:40 Uhr

    1942 ist noch nicht lange her. Jahrgang 1980 auch nicht. Menschlichkeit und Antifaschismus sind wichtige Bestandteile von gesellschaftlichem Leben heute. Richtig, Sie können nichts ändern, doch sich wegducken und wegschauen ändern auch nichts. Ich bin Jahrgeng 1955, meine Eltern waren nach Australien ausgewandert. In der australischen Volksschule wurde ich von den Kindern gehänselt. Sie waren ihrerseits Kindern von displaced persons (ich habe mich durchgesetzt) und machten nach, was ihre Eltern ihnen vorgelebt haben. Das ist schlecht. Ihre Wut zeigt, dass sie betroffen sind. Das ist gut und ein Anfang.

Gerd Imbsweiler, Donnerstag, 04.Mai 2017, 09:30 Uhr

16. 1941 Pranger in Bexbach

4 Frauen wurden in Bexbach der Öffentlichkeit vorgeführt, weil sie es mit französischen Fremdarbeitern "hatten". Ich habe darüber recherchiert und einen großen Aufsatz geschrieben. Ein örtlicher Verlag hat ihn auf Stick gezogen, jedoch nicht veröffentlicht, weil ein Neffe einer Betroffenen mit Klage gedroht hat. Der Witz: Dieser Neffe hat vor Jahren in der Saarbrücker Zeitung über diese Affaire einen Artikel veröffentlicht, ist allerdings von Tätern deswegen angegriffen worden. Übrigens: von den Tätern und den betroffenen Frauen lebt meines Wissens noch eine, nämlich die erwähnte Tante. Sie ist Jahrgang 1918. ich habe sie während meiner Recherche "gesprochen", aber sie hat sich verweigert, sie wollte von damals nichts mehr wissen, ihre Nachbarschaft weiß um ihre Rolle von damals nicht, auch ihre Tochter nicht. Sie führt ein Leben in der Anonymität, scheut daher jegliche Öffentlichkeit und Veröffentlichung. Die Tragik m.E.: Sie fühlt sich schuldig. Wenn Sie dieses Mail erhalten hab

  • Antwort von Armin B., Donnerstag, 04.Mai, 09:50 Uhr

    Ich kann diese alten Krieg-Geschichten nicht mehr hören. Im TV gab es schon tausende Kriegsfilme. Wer sich damit weiterhin beschäftigen will, der soll das alleine tun und die anderen Mitmenschen damit nicht belästigen. (Ich bin gegen solche Neonazis wie die NPD und habe mit der AfD nichts zu tun.)

Gegenstimme, Donnerstag, 04.Mai 2017, 07:26 Uhr

15. Machen deutsche Tageszeitungen etwas anderes?

Wie oft wurde gegen Privatpersonen gehetzt, die sich am Ende umbrachten, obwohl sie sich nichts zu schulden hatten kommen lassen? Wie oft wurden Existenzen durch medialen Rufmord zerstört?

  • Antwort von Leonia, Donnerstag, 04.Mai, 08:58 Uhr

    Es wäre gut, wenn Sie Ihre Äußerungen konkretisieren könnten. Welche Blätter haben mit welchen Rufschädigungen was bewirkt? Mir ist nur eine Geschichte von Heinrich Böll bekannt, die ist aber rein literarisch (Die verlorene Ehre der Katharina Blum).

  • Antwort von Claudi, Donnerstag, 04.Mai, 10:02 Uhr

    @Leonia
    Lassen Sie doch bitte die Kirche im Dorf. Sie wissen wohl immer alles besser. Wie viele Stunden/Monat sitzen Sie am PC? Wozu? Warum?

  • Antwort von Zwiesel, Donnerstag, 04.Mai, 10:40 Uhr

    @Gegenstimme:
    Nennen Sie bitte die Personen und die Zeitungen in denen gehetzt worden ist. Andernfalls bleiben es unbelegte Behauptungen.

    @Claudia:
    Sie mögen ja mit unbelegten Behauptungen zufrieden sein. Sie wollen es gar nicht wissen, denn dann könnte Ihr Weltbild durcheinander geraten. Und, Sie sitzen wohl auch gerne am Computer?

  • Antwort von Haderner, Donnerstag, 04.Mai, 10:45 Uhr

    Claudi unter wie vielen Nicks schreiben sie das ?
    Unter B24 Leser das Gleiche an Truderinger.
    Wie viele Stunden sitzen sie am PC ?
    Warum unter vielen Nicks ?
    Stehen sie nicht zu ihrer Meinung ?