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Terror-Prävention Kampf gegen Radikalisierung

Was kann man tun, damit junge Menschen nicht zu Islamisten werden? Bayern setzt inzwischen auf ein eigenes Netzwerk gegen Salafismus. Das BR-Magazin Kontrovers hat Menschen begleitet, die sich dort engagieren. Von Astrid Halder und Ronja Dittrich

Von: Astrid Halder und Ronja Dittrich

Stand: 23.11.2015

Hand mit Koran | Bild: picture-alliance/dpa

Sie sind auf dem Weg in die JVA Nürnberg. Talip Iyi und Cemalettin Özdemir betreuen hier muslimische Gefangene, ehrenamtlich. Die Seelsorger sprechen mit den Häftlingen über Religion, beten, wollen sie vor Radikalisierung bewahren. Iyi erklärt, es sei wichtig, dass muslimische Insassen das Gefühl haben, dass ihre Religion, ihre Kultur anerkannt ist und dass sie nicht ausgestoßen werden. Denn:

"Wenn jemand ausgegrenzt wird, dann hat er das Gefühl er muss da was dagegen unternehmen."

Talip Iyi, ehrenamtlicher Seelsorger bei der Begegnungsstube Medina in Nürnberg

Das Gefängnis als Ort der Radikalisierung? Die Terroristen, die die Anschläge auf die Mitarbeiter des Satiremagazins Charlie Hebdo oder die Anschläge in Kopenhagen verübt haben, haben sich offenbar in der Haft radikalisiert. Auch in Bayern sind 21 Gefangene im Zusammenhang mit radikalem Islamismus aufgefallen. Was, wenn sie andere anwerben? Die Gefangenen befinden sich in einer psychisch, schwierigen Situation:

"23 Stunden bist Du in der Zelle, da kommen viele Gedanken, schlechte Gedanken..."

Ein Gefangener

Keine hauptamtlichen Gefängnisseelsorger in Bayern

Anders als für christliche Gefangene gibt es für Muslime keine hauptamtlichen Seelsorger in Bayern. Das ehrenamtliche Engagement ist wichtig, sonst wären die Gefangenen mit ihren Sorgen und Unsicherheiten allein. Cemalettin Özdemir erklärt: "Wenn wir beim Gespräch diesen Hass fühlen, dann versuchen wir, politisch auch zu erklären, dass der eigentliche Islam friedlich ist."

Diese ehrenamtliche Arbeit im Gefängnis soll nun mehr unterstützt werden, eine Koordinierungsstelle entstehen. Das wurde bei der Vorstellung des "Netzwerks gegen Salafismus" bekannt, eine Initiative der Staatsregierung gegen Terror-Prävention. Nach Angaben von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) steigt die Zahl der Islamisten, die in Dschihadgebiete ausreisen. Den Behörden seien 75 Personen aus Bayern bekannt, bundesweit seien es 750.

Warum die Zeit drängt

Gefährlich auch für Bayern: denn einige der sogenannten IS-Kämpfer könnten kampferprobt zurückkehren. Den Dschihad weiterführen. Das will man auch hier verhindern. Seit Paris laufen bei der staatlichen Beratungsstelle "Radikalisierung" im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Drähte heiß. Vor allem alarmierte Angehörige melden sich hier.

"Wir haben auch häufiger die Konstellation, dass die Jugendlichen Abschiedsbriefe hinterlassen, beispielsweise ein Posting auf Facebook, das dann lautet, ja, wir sehen uns im Paradies wieder, aber bitte nimm doch den Islam an, dann können wir uns definitiv im Paradies wieder sehen."

Florian Endres, Beratungsstelle Radikalisierung

Endres gibt die Fälle weiter, in Bayern an das "Violence Prevention Network". Wir treffen einen Berater. Es ist eine sensible Arbeit, deshalb will der Mann anonym bleiben. Er betreut auch Jugendliche, die kurz vor der Ausreise gestoppt wurden.

"Heute sind sie nicht mehr ganz so ausreisegefährdet, aber die Gefahr ist noch nicht gebannt, das dauert wirklich mehrere Monate, bis man die Klienten davon abbringt. Wenn sich niemand um die kümmert, befürchte ich, würden die meisten irgendwann ausreisen."

Berater beim Violence Prevention Network

Die Behörden sind spät dran

Doch bisher gibt es nur sehr wenige Berater in Bayern wie ihn. Die Behörden sind spät dran, anders als Salafisten. Sie betreiben gezielt Jugendarbeit, laut Innenministerium sind 20 Prozent gewaltbereit. Bis jetzt gibt es erst eine Stadt in Bayern, die gezielt auf Prävention setzt. Augsburg. Diana Schubert betreut hier verschiedene Projekte. Sie sagt: "Das was der IS betreibt, ist mittlerweile auch eine gewisse Jugendkultur geworden, das ist ja für uns das Schwierige, das hat auch schon einen Coolnessfaktor erreicht."

Um an die gefährdeten Jugendlichen ranzukommen, arbeitet sie mit Vereinen zusammen, etwa der "Brücke". Hier treffen sich regelmäßig junge Männer mit Migrationshintergrund. Sie geben Workshops in Schulen, reden über das, was junge Muslime bewegt. Auch über den radikalen Islamismus.

Wieder in der JVA Nürnberg: Ehrenamtliche wie Cemalettin Özdemir und Talip Iyi finden oft einen guten Zugang zu gefährdeten Menschen. Aber sie können eben nicht alles leisten. "Wichtig wäre, dass wirklich Personen eingestellt werden, die das hauptamtlich machen, die das professionell machen", sagt Iyi.

Begriff Salafismus

Mit Salafismus verbinden viele in Deutschland lange Bärte und radikale Muslime. Das Bild der Salafisten prägen vor allem Leute wie der von manchen Medien als "Hass-Prediger" bezeichnete Konvertit Pierre Vogel und junge Frauen und Männer, die sich radikalisieren und in den syrischen Bürgerkrieg ziehen. Eigentlich ist der Salafismus aber zunächst eine islamisch-fundamentalistische Strömung. Ihr Vorbild sind die "Vorfahren", arabisch "salaf", der ersten drei Generationen von Muslimen. Sie lebten nach Meinung der Salafisten den "reinen Islam" der Frühzeit.


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