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Nationalismus versus Zivilcourage Schwieriges Zusammenleben in Bosnien Herzegowina

Abwesenheit von Krieg bedeutet noch lange nicht, dass alles friedlich ist. Ein von westlichen Diplomaten auf dem Balkan oft wiederholter Satz. Damals Mitte der 1990-er Jahre eine Mahnung. Mittlerweile eine bittere Feststellung, die bis heute gültig ist.

Von: Srdjan Govedarica und Henryk Jarczyk

Stand: 27.04.2018

Auch 23 Jahre nach dem Krieg präsentiert sich der Staat Bosnien und Herzegowina vor allem mit Mängeln: Einer sehr hohen Arbeitslosigkeit, einer auch im regionalen Vergleich miserablen Infrastruktur und einer Luftverschmutzung auf dem Niveau Nordkoreas. Viele Menschen verlassen deshalb das Land: 150.000 sollen seit 2013 ins Ausland gezogen sein, das sind vier Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig zeigt sich in Bosnien und Herzegowina ein bemerkenswertes Defizit an politischem Willen und Können, die Probleme seiner Bürger zu meistern.

Machthungrige Nationalisten

Das de facto geteilte Land wird seit Jahrzehnten praktisch ununterbrochen von Nationalisten regiert. Sie konservieren ein noch in Kriegszeiten erprobtes System der Angst vor der jeweils anderen Volksgruppe. Ein Vorgehen, das insbesondere bei Wahlen Erfolg garantiert. Es ist gleichzeitig ein Patentrezept für den grundsätzlichen politischen Machterhalt. Beobachter bezeichnen Bosnien und Herzegowina daher auch als sogenannten "Captured State". Die nationalistische Politclique – so heißt es - habe das Land für sich vereinnahmt. Nur ein kleiner Machtzirkel profitiert. Leidtragend ist die Masse der Bürger. 

Zersplitterte Zivilgesellschaft

Dem gegenüber steht eine eher ratlose und zersplitterte Zivilgesellschaft. Viele Menschen scheinen sich mit Ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Eine gefährlich fatalistische Haltung. Resignation ist in Bosnien und Herzegowina geradezu eine Volkskrankheit Denn wer aufbegehrt, wird entweder ignoriert oder diffamiert, im schlimmsten Fall sogar angegriffen. Einige wenige wollen sich damit aber nicht abfinden.

Drei gegen das System

Youtuber und Internetaktivist Damit Nikšić auf dem Plateau des Sport-und Kulturzentrums Skenderija.

So zum Beispiel der Youtuber Damir Niksic aus Sarajevo. Er nimmt in seinen Videos kein Blatt vor den Mund. Der 48jährige Kunstmaler engagiert sich gegen die – wie er sagt – Hegemonie der herrschenden Clique. Er will seine Mitbürger aufrütteln.

"Das sind eher kleine ideologische Gruppen – also die serbischen oder kroatischen Nationalisten oder die Muslime – und sie haben die Menschen in Geiselhaft genommen – eine ganze Gesellschaft."

Damir Niksic

Srdjan Puhalo engagiert sich als Blogger gegen den allgegenwärtigen Nationalismus in Bosnien und Herzegowina.

Auch Srdjan Puhalo aus Banja Luka schreibt und spricht Dinge aus, die seine Mitbürger und ihre politische Führung nicht so gerne hören möchten. Das erfordert in einer von Hass, Missgunst und Korruption erfüllten Region viel Mut. Der Blogger Puhalo muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, ein Verräter zu sein oder auf der Payroll ausländischer Mächte zu stehen.

"Ist es etwa normal, dass unsere Medien über ein Massengrab berichten, das in Mexiko entdeckt worden ist, aber nicht über ein Massengrab, das 100 km von hier entfernt ist und für das wir verantwortlich sind? Es reicht aus, nur diese Frage zu stellen, und viele werden sich darüber ärgern. Weil du Massengräber erwähnst, die wir gefüllt haben."

Srdjan Puhalo

Stefica Galić kämpft in ihrem Internetportal gegen nationalistische Narrative, die von Politik und Medien verbreitet werden.

Ähnlich geht es auch Stefica Galic in Mostar. Von ihren eigenen kroatischen Landsleuten wird sie angefeindet, weil sie auf ihrem Internetportal nationalistische Narrative korrigiert. Und dennoch ist die junge Kroatin fest davon überzeugt, dass Bosnien und Herzegowina nur dann zu retten ist, wenn diejenigen, die den Krieg angezettelt haben und auch heute noch zündeln, nicht mehr an der Macht sind.

"Da ich schon mal zusammengeschlagen worden bin, kann das jederzeit wieder passieren, weil man mir immer damit droht. Aber das interessiert mich nicht. Wenn Sie mit sich im Reinen sind, glauben Sie an das, was Sie machen. Dann können Sie keine Angst haben. Man lebt nur einmal."

Stefica Galic

Nationalismus versus Zivilcourage - Schwieriges Zusammenleben in Bosnien Herzegowina

Reportage am Sonntag, 29.04.2018 14:35 und 21:35 Uhr, B5 aktuell

Autor: Srdjan Govedarica
Redaktion: Henryk Jarczyk


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