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Streit vor "Ausgehetzt"-Kundgebung Münchner Kammerspiele wehren sich gegen Maulkorb durch die CSU

Ein Bündnis aus mehr als 130 Organisationen ruft für diesen Sonntag zur Großdemonstration in München auf - auch gegen die CSU. Das Motto: "Ausgehetzt". Mit dabei: Die Münchner Kammerspiele. Die CSU im Stadtrat schäumt. Sie will, dass dem städtischen Theater die Teilnahme untersagt wird. Kammerspiele-Intendant Lilienthal hält dagegen.

Von: Florian Haas

Stand: 17.07.2018

Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele | Bild: pa/dpa/Tobias Hase

Die Witze von Horst Seehofer über die 69 Afghanen, die an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden - sie waren es, die für Matthias Lilienthal das Fass der Toleranz zum Überlaufen gebracht haben. Der Intendant der Kammerspiele spricht von einem "Zynismus der Macht", der da verbreitet werde.

Lilienthal wehrt sich gegen CSU-Wortwahl

Bundesinnenminister Seehofer sei aber nicht der einzige, dessen Wortwahl Lilienthal sauer aufstieß. Der bayerische Ministerpräsident Söder, der zuletzt unter anderem von "Asyltourismus" gesprochen hatte, stünde dem kaum nach. Und dann sei da noch die CSU im Allgemeinen, die gerade versuche, eine - wie es Lilienthal nennt - "Orbansche Republik einzuführen". Gemeint ist Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, der in seinem Land eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Flüchtlingen fährt und der sich bestens mit CSU-Spitzenpolitikern versteht.

Für Lilienthal, der seinen Intendantenposten an einem der renommiertesten deutschen Theaterstätten im Jahr 2020 räumen muss (auf Betreiben der Münchner CSU übrigens) steht damit fest: Er ist am nächsten Sonntag dabei, bei der großen Anti-Rechtsruck-Kundgebung in München, die unter dem Motto "#ausgehetzt" steht und zu der nicht nur die Kammerspiele aufgerufen haben, sondern auch das Münchner Sozialreferat, der Migrationsbeirat, das Volkstheater. Insgesamt sind es mehr als 130 Organisationen.

CSU fordert dienstaufsichtsrechtliche Maßnahmen

Die Münchner Stadtrats-CSU echauffiert sich speziell über die Beteiligung der Kammerspiele. Ihr Antrag an SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter lautet: Reiter solle Lilienthal und anderen Mitarbeitern des Theaters die Teilnahme untersagen. Damit nicht genug: Gegen die Verantwortlichen sollten, schreibt CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl, dienstaufsichtsrechtliche Maßnahmen eingeleitet werden. Begründung: Der städtische Eigenbetrieb sei zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet.

Lilienthal bestreitet das im Gespräch mit BR24 auch nicht direkt, sondern räumt ein, dass sein Theater hochsubventioniert sei. Er selbst wisse allerdings nicht, ob seine Neutralität in seinem Arbeitsvertrag verankert sei, womöglich sei dem so, allerdings habe er sich früher schon oft bei anderen Demonstrationen engagiert, ohne negative Folgen. Er wisse ebenso wenig, wieso er als einziger Demonstrationsteilnehmer den Zorn der CSU auf sich gezogen hat.

Er wisse allerdings, dass die "permanenten Einlassungen der CSU" zur Flüchtlingspolitik ihn "als bayerischen Bürger zutiefst beleidigen", dass sich Kanzlerin Merkel (CDU) viel stärker hätte einmischen sollen in die Debatten. Und der 58-Jährige lässt keinen Zweifel daran, dass er bei der Kundgebung am nächsten Sonntag in der bayerischen Landeshauptstadt dabei sein wird. Ungeachtet der Attacken der CSU, deren Verhalten ihn - wie er es ausdrückt - an die "chinesische KP" erinnert. Er hätte von der Partei ein weitergehendes Verständnis für Kunst und die Aufgaben eines Theaters erwartet, so Lilienthal.

SPD bezieht Stellung - gegen die CSU

Die Münchner SPD stellt sich hinter die Kammerspiele - und gegen die CSU. Man sei entsetzt über deren Antrag; dieser sei ein Tiefpunkt des demokratischen Grundverständnisses.

"Bei allen großen Demonstrationen für Gleichberechtigung, Menschlichkeit und Solidarität waren die Kammerspiele immer dabei, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte. Sie waren ein Vorbild für alle, die hinter dem Münchner Weg der Toleranz und dem Münchner Lebensgefühl stehen."

Claudia Tausend, Vorsitzende der Münchner SPD

Die Großdemonstration "#ausgehetzt" unterscheide sich von früheren Aktionen nicht im Geringsten, so die SPD. Vielmehr gehe es am Sonntag gegen eine Politik der Spaltung und gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft. Der Münchner Partei-Vize Roland Fischer erklärt. "Wir weisen das Ansinnen der Rathaus-CSU entschieden zurück! Noch herrscht bei uns in München ein anderes Demokratieverständnis als in Orbans Ungarn oder Putins Russland. Das werden wir mit aller Kraft verteidigen, wenn es sein muss auch gegen die CSU."

OB Reiter macht CSU in Sachen Maulkorb wenig Hoffnung

Und auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (ebenfalls SPD) nahm am Abend Stellung. Zwar versprach er, den Antrag der CSU "selbstverständlich fristgerecht" zu bearbeiten. Viel Hoffnung machte er den Christsozialen aber nicht. Schließlich, findet Reiter, seien die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kultur in einer liberalen Stadtgesellschaft wie in München ein "überragend schützenswertes Gut".


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Francesco, Mittwoch, 18.Juli, 08:49 Uhr

22. Es wird Zeit,...

... dass die CSU einen Koalitionspartner bekommt. Diese Selbstherrlichkeit muss wenigstens ein bisschen eingedämmt werden. Das ist schon ein sehr interessantes Verhältnis zu Demokratie und Demonstrationsrecht. Ich könnte ja gerade noch verstehen, wenn Staatsbediensteten per Arbeitsvertrag untersagt wird, an Demonstrationen gegen den Dienstherrn teil zu nehmen. Aber gegen rechte (oder auch linke) Hetze... ? Ist die CSU vielleicht schon rechter als die AfD ?? Ich glaube, da hat die CSU mal wieder reflexartig zu schnell geschossen. Ich versteh's jedenfalls nicht.

Isabell Speidel, Mittwoch, 18.Juli, 08:32 Uhr

21. Das Treffen der schrillen Minderheit in Bayern

Lasst doch die schrille Minderheit Bayerns wieder alle in München versammeln. Diesen Typen geht es doch am Ende nur um sagen zu können "Wir sind so viele und Bayern wehrt sich!" Am Ende hängen ihnen die Gesichter nach der Wahl wieder bis zum Boden das doch nicht ganz Bayern ihre Denkweise und ihren Demokratiebegriff folgen sondern rechtsstaatlich, ordnungsliebend und auf Werte setzt die eine Gesellschaft zusammenhält.
Deren Werte sind nur jene der Spaltung und des Hasses gegen unliebsame Meinungen hübsch verpackt in "ausgehetzt". Wie gut, dass diese Parteien und Unterstützer mittlerweile nicht nur in Bayern sondern in ganz Deutschland zu einer schrillen Minderheit abspecken.

winfried, Mittwoch, 18.Juli, 08:09 Uhr

20. Lilienthal wehrt sich gegen CSU-Wortwahl

Söder = Asyltourismus ... Lilienthal = Orbansche Republik --> Die "Gesinnung" ist unterschiedlich, der Wortwahl-Stil gleich.

Andreas Hofer, Mittwoch, 18.Juli, 06:39 Uhr

19. CSU-Maulkorb

Maulkorb? So fing das schon einmal an. Verfassungsschutz - Staatsanwaltschaft ? Es gibt viel zu tun.

Erwin, Mittwoch, 18.Juli, 03:53 Uhr

18. Arbeitsvertrag

Man kann ja zu allem stehen wie man will, aber dass man nicht weiß was in seinem Arbeitsvertrag steht ist schon traurig.
Wer allerdings gegen seinen Arbeitsvertrag verstößt, muss halt mit Konsequenzen rechnen.
Das ist überall so, nicht nur am Theater.