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Terror-Unterstützer Spur führt in die Nürnberger Hooliganszene

Der Neonazi und V-Mann Ralf Marschner hatte schon Ende der 1990er-Jahre Kontakte in die rechtsextreme Nürnberger Hooliganszene. Das zeigen Recherchen von Bayerischem Rundfunk und Nürnberger Nachrichten.

Von: Jonas Miller

Stand: 19.04.2018

NSU-Fahndungsplakat | Bild: picture-alliance/dpa

Ralf Marschner wohnte von 1990 bis 2007 in Zwickau, war in der militanten Neonaziszene verankert, spielte in einer Rechtsrock-Band und betrieb zwei Läden fürs rechte Milieu. Nach Behördenangaben war er in "szenetypische Straftaten" verwickelt, so wurde beispielsweise wegen des gewalttätigen Angriffs auf eine Flüchtlingsunterkunft 1991 gegen ihn ermittelt.

Er galt als zentrale Person der Rechten in Zwickau, war bundesweit bekannt und hatte unzählige freundschaftliche und kommerzielle Szenekontakte. 1992 wurde Marschner vom Bundesamt für Verfassungsschutz angeworben und stieg schnell zur wichtigsten Quelle des Geheimdienstes auf. Sein interner Name lautete "Primus“, also "der Erste". Sein ehemaliger V-Mann-Führer beschrieb ihn im Untersuchungsausschuss des Bundestages als "einzig relevante Quelle" der rechten Szene im Osten.

Neonazi auf der Baustelle?

Ein Zeuge will den NSU-Terroristen Uwe Mundlos als Mitarbeiter bei der Zwickauer Firma von Marschner erkannt haben. Mundlos soll dort "als eine Art Vorarbeiter" in den Jahren 2000 und 2001 unter dem Alias-Namen Max-Florian B. eingesetzt worden sein. Das hieße: Ein bezahlter Informant des Verfassungsschutzes beschäftigte einen Terroristen in den ersten Jahren nach dem Untertauchen des gesuchten Trios. In diese Zeit fiel der erste Bombenanschlag des NSU in der Nürnberger Scheuerlstraße und die Morde an Blumenhändler Enver Șimșek und dem Änderungsschneider Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg.


Marschner konnte in Deutschland bislang nicht vorgeladen werden. Denn er setzte sich ins Ausland ab, lebt und arbeitet in Liechtenstein und der Schweiz. Gegen ihn liegt seit 2012 ein Vollstreckungshaftbefehl wegen Insolvenzverschleppung vor.

1997 hatte Marschner in seinem Szene-Magazin "Voice of Zwickau" den Text "Pressefreiheit, das Recht zu lügen" veröffentlicht, den das Bundesamt für Verfassungsschutz anhand einer Schriftanalyse 2012 Uwe Mundlos zuschrieb. Im selben Heft sind mehrere Logos der fränkischen Hooligan-Marke "Troublemaker Streetwear" abgedruckt. Auf der letzten Seite grüßt Marschner "Troublemaker-Florian aus Nürnberg, Alex und "Dicker". Recherchen von Bayerischem Rundfunk und Nürnberger Nachrichten zeigen: Hinter diesen Spitznamen stecken rechtsextreme Hooligans aus Nürnberg, die der 1. FCN-Fan-Gruppe "Red Devils" angehört haben sollen. Einer von ihnen gründete einst die Marke "Troublemaker Streetwear". Alle drei listeten die Behörden seit Ende der 1990er-Jahre als Rechtsextremisten mit Verbindungen zur lokalen Neonazis. Vor allem sollen Kontakte zu den führenden fränkischen Neonazis Matthias Fischer und Christian W. bestanden haben. Dies bestätigte auch ein ehemaliger Aktivist dem Rechercheteam.

Wurde die Szene gewarnt?

Als die bundesweite Mordserie begann, zogen Fallanalytiker des bayerischen Landeskriminalamts auch rassistische Motive in Betracht. Aufgrund dieser These führte die Nürnberger Kriminalpolizei sogenannte Gefährderansprachen bei Rechtsextremisten im Großraum durch. Einer der kontaktierten war Hooligan Florian K., der in Marschners Magazin gegrüßt wurde. Dieser wollte nichts mit der Mordserie zu tun haben und zeigte sich "ungehalten über die Ansprache", wie es ein Beamter in einem internen Vermerk beschrieb, der dem Rechercheteam exklusiv vorliegt. Jedoch: Nach diesen Kontakten riss die Mordserie an Migranten ab. Für NSU-Kenner ein mögliches Indiz dafür, dass die Ansprachen bei den neun Nürnberger Neonazis Wirkung zeigten: die rechte Szene war gewarnt.


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