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Wie gefährlich ist Hitlers Buch? "'Mein Kampf' macht keine Nazis"

Es gilt als gefährlichstes Buch deutscher Sprache. Ab Januar darf es wieder gedruckt werden. Die erste Neuauflage: Eine kommentierte Edition, an der fünf Historiker jahrelang gearbeitet haben. Einer davon: Othmar Plöckinger. Ein Gespräch über Propaganda, Leihbüchereien der 1930er und arabische Märchen.

Von: Michael Kubitza

Stand: 16.12.2015 | Archiv

Werbeaufsteller für "Mein Kampf" 1934 | Bild: SZ-Photo / Montage: BR

BR24: Herr Dr. Plöckinger, Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit "Mein Kampf", einem Buch voller Gewaltfantasien, das auf Millionen Tote verweist. Wie oft hat sich Ihnen der Magen umgedreht?

Othmar Plöckinger: Das sollte nicht zu oft vorkommen. Wir lesen "Mein Kampf" ja nicht als Alltagslektüre, sondern am Schreibtisch, in verschiedensten Ausgaben - gedruckt und digital - und mit konkreten Fragestellungen. Ein Arzt, dem vor seinem Patienten ständig ekelt, ist kein guter Arzt.

BR24: Da beugen sich also mehrere Menschen gemeinsam über ein Buch, um seine Eingeweide zu analysieren. Wie schaut das in der Praxis aus?

Othmar Plöckinger: Erstmal war der Text natürlich keinem von uns neu. Wir haben ihn dann zunächst gemeinsam durchgearbeitet. Das hat eine Flut von Fragezeichen produziert. Wir haben einzelne Arbeitsbereiche festgelegt - bei mir war das vor allem die Frühgeschichte der NSDAP. Bei der Auswertung der Ergebnisse haben sich noch mehr Fragen gestellt, zu Fußnoten sind neue Fußnoten gekommen, die wir zusammenführen mussten - oft mit Input von außen. Insgesamt waren an der Edition Dutzende von Experten beteiligt.

Othmar Plöckinger ...

... geboren 1965, zählt zu den führenden Quellenkennern der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von "Mein Kampf". Zusammen mit anderen Experten veröffentlicht er in diesen Tagen für das Institut für Zeitgeschichte eine umfangreiche kommentierte Edition der Hetzschrift. Ergänzend zu seiner 2006 veröffentlichten Monografie "Geschichte eines Buches" erscheint in Kürze ein 700 Seiten starker Dokumentenband. Plöckinger arbeitet als Gymnasiallehrer in Salzburg.

BR24: Die bayerische Politik hat das Projekt zunächst mit einer halben Million Euro unterstützt, bevor Horst Seehofer nach einer Israel-Reise 2013 die Förderung einstellte. Ein Problem?

Othmar Plöckinger (r.) im Gespräch mit Michael Kubitza

Othmar Plöckinger: Für mich persönlich nicht. Edith Raim (Historikerin an der Universität Augsburg und seit 1999 am IfZ, Anm.d.Red.) und ich haben ja schon seit 2009 an dem Projekt gearbeitet. Dann wurden wir Teil eines großen Projekts mit entsprechenden Mitteln. Letztlich wurden die Fördermittel umgewidmet. Insgesamt waren die verschiedenen öffentlichen Diskussionen über Sinn und Zweck der Edition schon anstrengend, aber nicht ärgerlich, sondern notwendig.

BR24: Ein Zweck ist es ja, einer künftigen Flut unsachgemäßer Veröffentlichungen das Wasser abzugraben.

Othmar Plöckinger: Unsere 1.800 Seiten starke Edition wird zum Selbstkostenpreis von knapp 60 Euro auf den Markt kommen. Verleger, die "Mein Kampf" aus kommerziellen Erwägungen heraus auf den Markt werfen, werden das kaum unterbieten können. Vielleicht ist mit ideologisch motivierten Ausgaben zu rechnen, die nur zur Camouflage kommentiert sind. Gegen die könnte dann aber die Justiz vorgehen – zwar nicht mehr mit dem Urheberrecht, aber möglicherweise wegen Volksverhetzung.

"Ungelesen? Im Regal verstaubt ist 'Mein Kampf' nicht."

Othmar Plöckinger

BR24: Zu den gängigen Thesen über „Mein Kampf“ gehörte bisher, das Buch sei ein „ungelesener Bestseller“ gewesen. Ihre Untersuchungen haben anderes gegeben.

Werbeplakat zur "Woche des Buches" 1934 in Mannheim

Othmar Plöckinger: Es sind dazu ein paar Aussagen aus den 1930er und 1940er Jahren überliefert, die nach Kriegsende ein Historiker vom anderen übernommen hat. In Wirklichkeit schaut es so aus, dass sich kurz nach Erscheinen über 50 Rezensenten auf „Mein Kampf“ gestürzt und es meist auch gelesen hatten. Dann habe ich mir die Ausleihzahlen der Leihbüchereien angeschaut. Man kann zumindest sagen: Im Regal verstaubt ist „Mein Kampf“ nicht.

BR24: Die offizielle Auflage lag 1945 bei 12,4 Millionen. Ein Großteil davon ist beim Einmarsch der Alliierten von der Bildfläche verschwunden. Trotzdem kann man "Mein Kampf" heute in tausenden Buchläden rund um den Globus kaufen. Wie groß schätzen sie die weltweite Verbreitung?

Othmar Plöckinger: Das kann seriös wohl niemand sagen. Der Verkauf des Buchs war ja nicht verboten, nur der Nachdruck. Es gibt aber auch internationale, vor allem englischsprachige Lizenzen aus der Zeit vor 1945, die nach wie vor gültig sind. Dazu eine Unmenge bekannter und unbekannter Raubdrucke, und die Verbreitung via Internet. Wenn in Albanien ein paar hundert Exemplare erscheinen, ist das ein Politikum, der Freistaat Bayern ist dagegen vorgegangen. Mit Polen und der Slowakei, wo einiges auf den Markt gekommen ist, sieht es ähnlich aus, auch in Russland. Wenn in Indien Tausende Raubdrucke kursieren, kriegen wir das aber vielleicht gar nicht mit.

Bildergalerie: Mein Kampf weltweit

BR24: Wo überall steht "Mein Kampf" denn auf den inoffiziellen Bestsellerlisten?

Othmar Plöckinger: Eine verlässliche wissenschaftliche Untersuchung fehlt hier nach wie vor, denn der Sensationswert von „Mein Kampf“ lässt das Buch in den Medien schnell zu einem „Bestseller“ werden. Außer in Indien wären Teile Lateinamerikas zu nennen. Was Europa betrifft, sticht die Türkei hervor. Im arabischen Raum ist antisemitische Literatur generell verbreitet.

BR24: Was den betrifft, ist das Interesse wohl nicht nur „ewiggestrig“?

Othmar Plöckinger: Die Rezeption dort war interessanterweise immer differenziert. Hitlers rassistische Inhalte haben die Araber schon immer skeptisch gesehen - schon, weil sie selbst dabei nicht so gut wegkamen. Außerdem wusste man aus Libyen, das ja italienische Kolonie war, und durch den brutalen Krieg Italiens in Äthiopien sehr gut, wie sich eine faschistische Herrschaft anfühlt. Was – abgesehen vom Antisemitismus - bis heute ankommt, ist der Mythos vom kleinen Mann, der zum mächtigen Führer aufsteigt. Viele arabische Übersetzungen sind sehr frei, da erscheint Hitler fast als eine Art Märchenfigur.

BR24: Von Hitlers Märchenerzählungen abgesehen, gibt er in „Mein Kampf“ sehr konkrete Anweisungen zur Eroberung der Macht und zur Propaganda. Spielt das Buch bei Al Kaida und IS eine Rolle?

Othmar Plöckinger: Wenn irgendetwas in „Mein Kampf“ originell ist, dann Hitlers Überlegungen zur Beherrschung der Massen. Die Offenheit, mit der er sich zur Gewalt und zur Lüge bekennt, ist ihm von seinen Kritikern im demokratischen Lager damals ja auch um die Ohren gehauen worden. Umgekehrt haben manche Konkurrenten auf der extremen Rechten diese Passagen als das einzige gewürdigt, was Hitler nicht bei anderen völkischen Autoren zusammengeklaut hatte. Ob das heute als Blaupause für Terroristen taugt, ist Spekulation. Der IS hat seine eigenen Vordenker.

"Die weitere Entwicklung: Eine breite Autobahn mit vielen Ausfahrten"

Othmar Plöckinger

BR24: In der Geschichtswissenschaft gibt es seit längerem eine Debatte zwischen Intentionalisten und Strukturalisten. Vereinfacht gesprochen geht es um die Alternative: Hat Hitler die Entwicklung hin zu Weltkrieg und Holocaust geplant? Oder war sie eher Folge einer „kumulativen Radikalisierung“, bei der sich die Erwartungshaltung seiner Anhänger, ein Überbietungswettbewerb der Technokraten und verschiedene Sachzwänge zu mörderischer Konsequenz aufaddierten?

1933: Hitler beim Spatenstich für die Autobahn, die auch für Panzer geeignet war.

Othmar Plöckinger: Es wäre zuviel der Ehre, würde man dem Hitler des Jahres 1924 eine bewusste, detaillierte Planung der nächsten 20 Jahre unterstellen. Die Entwicklung bis 1945 ist eine breite Autobahn mit eindeutiger Richtung, aber mit vielen Ausfahrten. Die Vorstellung einiger Rechter, man könnte einen „brauchbaren Hitler“ aus dem Zusammenhang von Angriffskrieg und Völkermord lösen, ist aber absurd. Hitler ist ein politischer Gewalttäter, Antidemokrat, Antigewerkschaftler, geistiger Urheber der Bücherverbrennungen. Hitler ist auf jeder Seite von „Mein Kampf“ Hitler, ohne Selbstzweifel oder kritische Reflexion. Darin liegt ein wichtiger Grund für seine enorme Wirkung – und für sein finales Scheitern.

BR24: Die Copyright-Sperre für „Mein Kampf“ läuft in einer Zeit aus, in der auf Demonstrationen in Deutschland Politiker als „Volksverräter“ beschimpft und an symbolische Galgen gehängt werden. Ein gefährliches Zusammentreffen?

Othmar Plöckinger: Ganz klar: „Mein Kampf“ macht keine Nazis. Und man kann auch Rechtsextremist sein, ohne eine Zeile daraus gelesen zu haben. Es gibt heute natürlich sehr ungustiöse Tendenzen, die aber wenig mit Nationalsozialismus zu tun haben.

Pegida-Demo in Frankfurt: Wer ist das Volk?

Wenn man in Hitlers Ausführungen über den Parlamentarismus die Worte „Wiener Parlament“ oder „Reichstag“ durch „EU-Parlament“ ersetzt, wäre die Zustimmung in manchen Kreisen sicher nicht gering. Die Frage ist aber immer: Welche Schlüsse zieht ein Autor und welche Alternativen hat er anzubieten?

Pegida-Demo in Dresden: Späßchen mit Galgen

Was Hitlers „Vernichtungssprachwesen“ angeht, steht er damit in seiner Zeit nicht allein. Wenn sich aber heute jemand ähnlich äußert, würde ich mich fragen, ob da einer drastisch formuliert, um vielleicht Dampf abzulassen, und der dann selbst merkt, wohin er sich verirrt hat, oder ob da was rausrutscht, das für ein Weltbild steht. Dann könnte man sich allerdings Sorgen machen. Man sollte es sich jedenfalls nicht zu einfach machen und alles auf die Frage „Nazi oder nicht Nazi?“ runterbrechen.


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