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"Mein Kampf" im Unterricht? Bayerns Lehrer legen los

Soll die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" Unterrichtsstoff werden? Bildungsministerin Wanka hält das für möglich. Ihr bayrischer Kollege Spaenle ist da zurückhaltender. Einige Schulen im Freistaat sind allerdings vorgeprescht, und haben Hitlers Propagandaschrift bereits thematisiert.

Von: Antje Dörfner und Jürgen P. Lang

Stand: 07.01.2016 | Archiv

Die Neuedition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) könne für Lehrkräfte ein sehr guter Anlass sein, sich vorzubereiten, sagt Bayerns Kultusminister Spaenle im Rundschau-Magazin des Bayerischen Fernsehens.

"Als Lehrmittel an sich halte ich es für eher ungeeignet."

Ludwig Spaenle (CSU), bayerischer Kultusminister

Der unveränderte Text habe an bayerischen Schulen nichts verloren. Spaenle rechtfertigte die Entscheidung der Staatsregierung, zwar nicht die Zuschüsse, jedoch die offizielle Unterstützung für das IfZ-Projekt wieder zurückgezogen zu haben. Eine Veröffentlichung "mit staatlichem Stempel" sei "in der außen- und innenpolitischen Wahrnehmung nicht vermittelbar" gewesen.

Lehrer legen los

Einige Schulen haben die kritische Fassung bereits vor dem Erscheinen thematisiert. Zum Beispiel in der Klasse 9a am Gymnasium bei St. Anna in Augsburg. Die 14- bis 15-Jährigen vergleichen zwei Buchcover: Hitlers „Mein Kampf“ mit dem Bild des Diktators, und den grauen Umschlag der neuen, kommentierten Ausgabe.

"Die Neuedition sieht deutlich harmloser aus und ist mit dem Grau eher neutral gehalten."

Schülerin

"Das Buch ist in einem schwarz-weiß und rot. Das sticht halt raus. Und rot ist ja auch eine aggressive Farbe."

Schüler

Die Augsburger Gymnasiasten haben sich kürzlich mit dem Hitlerputsch beschäftigt. Jetzt die neue, kritische Edition von „Mein Kampf“ zu thematisieren, bot sich für die Geschichtslehrerin Sandra Schwarz an. Hitlers volksverhetzende Texte werden in der kommentierten Fassung zerlegt, der Propaganda so der Boden entzogen. Genau das will die Geschichtslehrerin ihren Schülern vermitteln.

"Dass die Kinder erkennen, dass diese Neuedition ein Stück Aufklärung leistet, ein Stück Vergangenheitsbewältigung ist und dass ein Riesen-Unterschied besteht zwischen dem Original und zwischen der kommentierten Fassung. Ich fand das auch ganz gut erkannt, dass die anhand des Covers dann das Buch im Buch identifiziert haben, also allein an der Farbgebung. Dass es eben nur ein kleiner Teil ist, in einer wissenschaftlichen Ausgabe, die wahrscheinlich ihresgleichen sucht."

Sandra Schwarz, Lehrerin in Augsburg

In einer Pro- und Contra- Debatte lässt die Lehrerin die Neuntklässler Argumente finden. Ist die kritische Edition von „Mein Kampf“ eine gute Sache – oder gefährlich

"Auch wenn das kommentiert ist, aber diesen Rassismus kann man ja eben nicht aus dem Buch rausnehmen, dadurch, dass man es kommentiert."

Schüler

"Ja, aber es ist auch so, das Buch hat knapp 2000 Seiten. Und ich weiß nicht, ob die Rechten, also viele, die z.B. bei der Pegida sind und die Parolen nachschreien, sind nicht unbedingt die Gebildetsten. Ob die dann ein 2000-seitiges Buch lesen?"

Schüler

"Aber es reicht ja schon ein einziger Satz aus dem Buch, der irgendwie rassistischen Hintergrund hat. Und der würde für die dann als neue Parole gelten."

Schülerin

"Ich find’s trotzdem recht gut, dass es so veröffentlicht wird, weil es gibt viele Leute, die einfach interessiert sind an dem Thema und die durch die Kommentare dann eine eigene Meinung bilden und dann quasi vielleicht auch besser informiert sind."

Schüler

Pädagogisches Begleitmaterial für Schulen, wie es die Landtags-Grünen fordern, fehlt momentan noch. Die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit plant eine Handreichung mit Tipps für Lehrkräfte. Im Februar starten Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer, bei denen diese auch weiteren Informationsbedarf anmelden können.


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