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Neuauflage von "Mein Kampf" Kommentierter Hitler bald im Buchhandel

Ab 2016 darf "Mein Kampf" frei nachgedruckt werden. Hitlers Propagandaschrift im Handel? In Deutschland? Heikles Thema. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) bringt nun eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe heraus. Ein Bericht zur Schlussphase der Edition.

Von: Ina Krauß

Stand: 18.07.2015 | Archiv

Bildmontage: Aufgeschlagene Seite im Buch "Mein Kampf" mit einer Abbildung von Adolf Hitler darin, dahinter ein Bücherregal | Bild: picture-alliance/dpa, colourbox, montage: BR

Vor 90 Jahren erschien erstmals "Mein Kampf" von Adolf Hitler - die ideologische Grundlage des menschenverachtenden Nazi-Regimes, die Basis für Verblendung, Größenwahn und den Holocaust. Das Werk ist zwar in Antiquariaten verkäuflich und kann im Internet gelesen werden, aber es durfte nicht nachgedruckt werden. Ende 2015 - 70 Jahre nach Hitlers Todesjahr - erlöschen die Urheberrechte an dessen Buch. Ab 1. Januar 2016 darf Hitlers Werk frei nachgedruckt werden. Dem will das IfZ zuvorkommen und etwas entgegensetzen. Das Institut hat es sich zum Ziel gesetzt, bis dahin eine wissenschaftlich kommentierte Neuausgabe vorzulegen. Seit drei Jahren arbeitet das IfZ intensiv daran. Doch die Zeit bis zur Veröffentlichung ist knapp. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des IfZ und Projektleiter, erklärt den Zweck dieser Arbeit:

"Damit all die Personen, die sich dann nach Ablauf des Urheberrechts für den Text interessieren, eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe auf dem aktuellen Stand der Forschung zur Verfügung haben und damit Personen, die sich dafür interessieren, nicht auf Texte zurückgreifen müssen, die hinter diesen Anspruch zurückfallen."

Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des IfZ und Projektleiter

Neuausgabe in betont schlichter Ausführung

Der Originaltext, der seit 1945 nicht nachgedruckt werden durfte, wird im IfZ im Giftschrank verwahrt. In diversen Ausgaben, sogar in einer japanischen Übersetzung, liegt er den Wissenschaftlern vor. Das Original hat eine reißerische Aufmachung. Vor einem finster dreinblickenden Adolf Hitler prangt der Titel in fetten Lettern auf rotem Grund. "Mein Kampf". Das IfZ nennt seine Neuauflage betont zurückhaltend: Hitler, Mein Kampf, eine kritische Edition. Das Original hat 780 Seiten, die kritische Edition umfasst zwei Bände mit insgesamt fast 2.000 Seiten.

"Wir haben die ersten Umbrüche vorliegen der beiden Bände - noch nicht ganz vollständig. Aber wir sind jetzt dabei, den gesetzten Text durchzusehen, zu korrigieren, Anmerkungen zu prüfen. Das ist das, was im Moment stattfindet und das wird uns noch einige Wochen beschäftigen."

Magnus Brechtken

Rückzug des Freistaats war wie "Nackenschlag"

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, an der in der Schlussphase ein Team aus sechs Wissenschaftlern arbeitet. Die Historiker stehen unter großem öffentlichen Druck. Eine in Deutschland herausgegebene Neuauflage von Hitlers "Mein Kampf"? Zunächst unterstützte die Staatsregierung die Idee einer kommentierten Ausgabe und förderte das Projekt mit einer halben Million Euro, dann zog Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nach einer Israelreise die Unterstützung im Jahr 2013 überraschend zurück.

"Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen in Karlsruhe und anschließend als bayerische Staatsregierung sagen: Jetzt geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von 'Mein Kampf'. Das geht schlecht."

Horst Seehofer

Dieser plötzliche Rückzug des Freistaats traf die Wissenschaftler wie ein "Nackenschlag", wie der Projektleiter es formulierte - zumal niemand daran gedacht hatte, die Ausgabe unter dem Staatswappen zu veröffentlichen. Das IfZ setzte die Arbeit an der Neuausgabe dennoch fort, trotz der Bedenken von Holocaust-Opfern.

"Wenn Personen, die im Dritten Reich gelebt haben und unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, jetzt der Meinung sind und das Gefühl haben, dass sie den Text nicht neu aufgelegt sehen möchten, dann verstehe ich das. Ich glaube aber auch, dass wir uns einig sind,  dass es das Ziel der Wissenschaft sein muss, vor allem die Dinge so zu präsentieren, dass man diesen historischen Quellenfragen - 'Mein Kampf' ist eben eine historische Quelle - so aufklären muss, dass die Gegenwart damit mündig umgehen muss."

Magnus Brechtken

Kein wirtschaftlicher Gewinn mit Hitler

Die Wissenschaftler haben sich auch viel Gedanken über das Layout gemacht. In der kritischen Edition wird jeweils auf der rechten Seite der Originaltext abgedruckt. Außen herum bleibt Platz für Kommentare, Anmerkungen und kurze Essays. Damit werden einzelne Aussagen und Namen erklärt, in den historischen Kontext gestellt und die Leser werden auf den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung gebracht.

Ein Geschäft sei das nicht, betont Brechtken.

"Wir werden allenfalls in der Kalkulation unsere Druckkosten wieder rausbekommen, aber an sich subventionieren wir das: einmal durch den Einsatz unseres Personals und die Infrastruktur des Hauses, um jede Spekulation zu verhindern, dass jemand mit Hitler heute Geld verdient."

Magnus Brechtken


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