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Glutofen LKW Wenn Hitze zur Gefahr wird

In Deutschland sind Standklimaanlagen in Lastwagen nicht vorgeschrieben - in anderen EU-Staaten schon. Eine Zumutung für LKW-Fahrer, die sich bei Pausen in ihrer Fahrerkabine erholen müssen. Übermüdung und Stress sind oft die Folge. Eine Gefahr für uns alle. Kontrovers fragt: Wieso sind Klimaanlagen in LKW nicht verpflichtend?

Stand: 21.06.2017

Jeder Autofahrer hat das vermutlich schon einmal erlebt: Stau mitten im Sommer - nichts geht mehr voran auf der Autobahn. Die Sonne knallt auf das Autodach und das Wageninnere heizt sich schnell auf wie ein Backofen. Wer möchte da schon im Auto bleiben? Die einzige Rettung: Fenster auf und bei laufendem Motor Klimaanlage an - wenn man eine hat.

Hitzestau in der LKW-Fahrerkabine

Vielen LKW-Fahrern geht es in der Sommerhitze da nicht anders - und sie haben auch oft keine andere Wahl: Um ihre vorgeschriebenen Pausen zu nehmen, müssen sie auch mal nachmittags auf einen LKW-Parkplatz eines Rastplatzes fahren. In der drückenden Hitze parken sie ihren Wagen auf dem aufgeheizten Asphalt und versuchen, etwas Schlaf zu finden. Doch trotz Sonnenschutz in der Windschutzscheibe und offener Fenster, klettern die Temperaturen in der Fahrerkabine schnell auf 40 Grad Celsius. Wer jetzt keine Standklimaanlage hat, für den ist der einzige Ausweg: Den Motor einschalten und die Klimaanlage des LKW laufen lassen, um die Kabine etwas runterzukühlen.

Übermüdung, Stress und erhöhte Unfallgefahr

Doch bei dem Motorenlärm und der Hitze ist an Erholung ist nicht zu denken, berichtet Berufskraftfahrer Stephan Friebe. Zudem sei das eine gefährliche Kombination, denn bei Schlafmangel sind Unfälle quasi vorprogrammiert. Er ist seit zwei Tagen unterwegs, non-stop im LKW ohne Standklimaanlage.

"Der Körper holt sich, was er braucht. Der Körper lässt nicht mit sich austricksen, Und wenn der Körper sagt, ich will jetzt schlafen, dann macht der die Augen zu. Und das sind dann die Katastrophen, die passieren."

Stephan Friebe, LKW-Fahrer

Die Familie des 2014 verstorbenen LKW-Fahrers Otto

Eine Familie in Norddeutschland: Sie verlor vor drei Jahren den Ehemann und Familienvater Otto. 2014 hatte der LKW-Fahrer sich auf den Weg nach Frankreich gemacht, kam dort aber nicht an. Nach zwei Tagen ohne Lebenszeichen meldete die Spedition seinen LKW als vermisst. Auch die Familie suchte nach ihm. Nach kurzer Zeit dann traurige Gewissheit: Der LKW stand auf einem Rastplatz in Belgien, Otto wurde darin tot aufgefunden.
Die Polizei rekonstruierte den Fall damals so: Otto macht auf einem Rastplatz Pause. Legt sich zum Schlafen hin. Dann erleidet er wohl einen Herzinfarkt. Als die Polizei den LKW findet, herrschen 40 Grad Celsius im Fahrerhaus. War es die Hitze? Warum musste der Vater sterben? Diese Fragen belasten die Familie bis heute ...

"Wir wissen von Papa, er hat es des öfteren betont, dass die Klimaanlage nicht in Ordnung gewesen ist, dass sie nicht korrekt repariert worden ist, und dass er keine Stand-Klimaanlage hatte. Deswegen ist das schon so ein großer Faktor: Hat es damit eventuell etwas zu tun gehabt? Wir können es nicht beweisen, aber die Vermutung ist da."

Tochter des verstorbenen LKW-Fahrers Otto

Forderung nach Standklimaanlagen-Pflicht

Standklimaanlagen werden auf dem Dach der Fahrerkabine montiert und und laufen mit Batterie.

Die Fahrer mit Standklimaanlagen zu schützen, das ist bei der Firma Hertle in Oettingen selbstverständlich. Inhaber Wolfgang Hertle kann nicht nachvollziehen, wieso andere daran sparen. Seiner Ansicht nach sei das eine einfache Rechnung. Denn wenn der Fahrer den Motor laufen ließe, damit die Klimaanlage funktioniere, sei das für die Umwelt sehr schlecht, man habe einen hohen Spritverbrauch und es entstünde eine Lärmbelastung. Wenn man sich das durchrechne, käme man schnell auf das Ergebnis, dass sich eine Dachklimaanlage nach zwei Jahren amortisiert habe. Zudem sieht der Firmeninhaber Wolfgang Hertle auch ein hohes Unfallrisiko. Deshalb fordert er eine Standklimaanlagen-Pflicht.

"Auf der Autobahn gibt es viel Stau, Stress und so weiter. Heute ist das ja nicht mehr so einfach! Und wenn man dann zusätzlich ohne Klimaanlage unterwegs sind, da ist die Gefahr viel höher, dass mal ein Auffahrunfall passiert, als wenn der Fahrer ausgeruht ist."

Wolfgang Hertle, Spedition Hertle

Empfehlung von Standklimaanlagen für den Fernverkehr

In Spanien und Italien gibt es so eine Standklimaanlagen-Pflicht bereits. Die lehnt der Bayerische Verband der Transportunternehmen für Deutschland allerdings ab: Im Nahverkehr gebe es keine Schlafpausen, Standklimaanlagen seien deshalb unnötig. Doch für den Fernverkehr empfiehlt auch der Verband den Einbau.

"Ein guter Fahrer ist schneller weg vom Unternehmen als Sie wieder einen finden und insoweit drängt es sich eigentlich auf, die Fahrzeuge den Fahrern in einem Top-Zustand mit Top-Ausrüstung zur Verfügung zu stellen."

Sebastian Lechner, Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen

Gilt die LKW-Fahrerkabine als Arbeitsplatz?

Der Arbeitgeber von Stephan Friebe sieht das offenbar anders. Erst hat er versprochen, Standklimaanlagen einzubauen, dann aber doch daran gespart. Deshalb wünscht er sich, dass sein Fahrerhaus als Arbeitsplatz gilt - genauso wie ein Büro. Dann müsste sein Arbeitgeber für erträgliche Temperaturen sorgen. Wie steht es also um den Arbeitsschutz für LKW-Fahrer? Kontrovers fragt beim Bundesarbeitsministerium nach.

In der Stellungnahme heißt es: "Wegen der Spezialvorschriften im Verkehrsrecht gilt das Arbeitsschutzrecht (…) nur eingeschränkt." Und ansonsten sei "das Bundesministerium für Verkehr (…) zuständig."
Das Bundesverkehrsministerium schreibt auf Anfrage von Kontrovers, eine Verpflichtung ginge nur über die EU. Und für den Arbeitsschutz sei wiederum das Bundesarbeitsministerium zuständig.

Für die Familie des verstorbene LKW-Fahrers Otto klingt das alles wie blanker Hohn.

"Ich finde das sehr traurig, dass das keine Arbeitsstätte ist, es ist ja eine. Und es sollte auch als solche anerkannt werden."

Witwe des verstorbenen LKW-Fahrers Otto

"Das macht mich wütend und sauer. Und ich verstehe nicht, warum da Unterschiede gemacht werden. Das sind alles Menschen und egal, wo man arbeitet, und es müssten für jeden die gleichen Voraussetzungen sein."

Tochter des verstorbenen LKW-Fahrers Otto

Auch Stephan Friebe auf seinem Rastplatz hofft, dass der Gesetzgeber endlich durchgreift.

"Wir haben draußen 35 Grad, hier drin circa 40. Das wird sich noch steigern. Wenn es nachher nicht mehr geht, macht man den Motor an, und lässt die Klimaanlage laufen. Anders ist das nicht zu Überleben."

Stephan Friebe, LKW-Fahrer


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