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(K)ein Ende in Sicht? Kükentöten: Der Verbraucher entscheidet mit

Jeder Deutsche isst rund 230 Eier pro Jahr. Millionen von Hennen legen sie - die männlichen Küken dagegen werden oft nach dem Schlüpfen getötet. Die Politik hat das bisher nicht verhindert. Aber schon jetzt hat der Verbraucher eine Wahl.

Von: Nadine Bader

Stand: 02.04.2018

Geschlechtsbestimmung der Küken nach dem Schlüpfen: Die aussortierten männlichen Küken werden getötet. | Bild: picture-alliance/dpa

Johanna Burczyk schlendert durch einen Bio-Supermarkt im Münchner Stadtteil Moosach. Vor dem Eierregal verweilt sie einen Augenblick. Sie sucht nach einer ganz bestimmten Sorte. Denn nicht bei allen Eiern kann sie sich darauf verlassen, mit ihrem Kauf nicht dazu beizutragen, dass die männlichen Küken nach dem Schlüpfen gleich getötet werden.

Dass in Deutschland immer noch massenhaft Küken vergast werden, kann sie nicht verstehen. "Das ist nicht schön zu wissen, dass unsere Industrie so funktioniert und man das dann auch noch unterstützt, indem man diese Eier kauft", sagt sie.

Millionenfaches Kükentöten

Tatsächlich werden in Deutschland männliche Küken immer noch millionenfach getötet. Denn bei der Zucht und Haltung von Legehennen besteht kein Bedarf an männlichen Nachkommen. Sie legen keine Eier und auch für die Mast sind die Tiere nicht geeignet. Deshalb werden sie nach dem Schlüpfen aussortiert und mit Kohlendioxid vergast. Auch das Kükenschreddern ist grundsätzlich noch zulässig.

Zahl angestiegen

Zuletzt ist die Zahl der getöteten Küken sogar angestiegen. Das legt eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Fraktionsvizes der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, nahe. Der Grünen-Politiker kritisiert, dass der Ex-Bundeslandwirtschaftsminister von der CSU, Christian Schmidt, das nicht verhindert hat.

"Es sind inzwischen fast 46 Millionen Küken, die letztes Jahr getötet worden sind. Das sind eine Million mehr als noch im Jahr zuvor. Ich hoffe, dass Julia Klöckner hier eine andere Politik macht als Christian Schmidt und nicht nur folgenlose Ankündigungen in die Welt setzt."

Oliver Krischer, Bündnis 90/Grüne, stellvertretender Fraktionsvorsitzender

Was plant die GroKo?

Union und SPD kündigen im Koalitionsvertrag an: "Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden." Die neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gibt sich optimistisch, dass es nicht nur bei einer Ankündigung bleibt. Man könne aber nicht von heute auf morgen ein Gesetz erlassen ohne eine Alternative. Aus Sicht der CDU-Politikerin würde die Eier produzierende Industrie ansonsten ins Ausland abwandern.

"Es sind ja vier Millionen Euro eingesetzt worden für die Forschung an alternativen Methoden. Zum Beispiel, dass man im Ei schon das Geschlecht erkennen kann. Und bis zur Mitte der Legislaturperiode ist eines klar, dann wollen wir kein Kükentöten mehr haben."

Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin

Aufzucht statt Töten

Darauf wollte Annalina Behrens nicht warten. Als Mitinitiatorin von "haehnlein" setzt sie sich dafür ein, dass auch die sogenannten Bruderhähne aufgezogen werden. Auch weil sie schon gesehen hat, was es bedeutet, wenn männliche Küken gleich nach dem Schlüpfen vergast werden.

"Die Küken am ersten Lebenstag zu töten ist furchtbar. Da wird einem ganz anders. Und das bringt allen Elan, den man irgendwie aufbringen kann, zutage, dass man so etwas zukünftig nie wieder machen muss."

Annalina Behrens, Mitinitiatorin haehnlein, Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof

Schlachtung nach 120 Tagen

Statt die männlichen Tiere direkt nach ihrem Schlupfen zu töten, zieht die Erzeugergemeinschaft Fürstenhof sie nach eigenen Angaben schonend und unter biologisch kontrollierten Haltungsbedingungen groß – querfinanziert über einen geringen Aufpreis bei den Eiern der Schwesterhennen. Nach etwa 120 Tagen werden die Hähne geschlachtet und das Fleisch im Einzelhandel angeboten. Zum Vergleich: Ein konventionell gemästetes Hähnchen erreicht sein Schlachtgewicht nach etwa 35 Tagen.

PETA: "Bruderhahn" ein Unwort

Für die Tierschutzorganisation PETA ist der Begriff "Bruderhahn" ein tierfeindliches Unwort. Die Organisation kritisiert, Anbieter dieses Konzepts würden eine tierfreundliche Alternative zum Töten von männlichen Küken vorgaukeln. Der Tod der Tiere werde jedoch nur hinausgezögert und die Hähne nach wenigen Monaten geschlachtet. Annalina Behrens vom Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof spricht von einem Spannungsfeld.

"Wir retten zwar die Küken. Aber die Hähne werden nachher trotzdem getötet. Bis dahin haben sie es aber so gut gehabt, wie es geht. Und dann kann ich persönlich es auch wieder vertreten, zu sagen, es ist ein Nutztier."

Annalina Behrens, Mitinitiatorin haehnlein, Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof

Mehr Bewusstsein beim Verbraucher

Im Bio-Supermarkt in München wird Johanna Burczyk doch noch fündig. Sie greift nach einer Eierpackung von einem Betrieb, der sich dem Konzept "Bruderhahn" verschrieben hat. Dass sie für diese Eier ein paar Cent mehr bezahlen muss, nimmt sie gerne in Kauf. Sie glaubt, es brauche mehr Bewusstsein beim Verbraucher und mehr solcher Angebote.

"Dann würden die Leute auch mehr darauf zugreifen. Da kann man dann mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass die männlichen Küken tatsächlich auch weiterleben dürfen und nicht geschreddert werden."

Johanna Burczyk


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Werner, Dienstag, 03.April, 08:54 Uhr

19. Profit-Gier

Der Mensch ist selber an dem Dilemmer schuld, als Verbraucher sollte man auf nachhaltige ökologische Tierhaltung achten.
Profit-Gier wird doch von den Politikern vorgelebt, Klotzen, satt sparen.

Der Rückbau zur soliden, ökologischen Landwirtschaft sollte umgehend erfolgen, ebenso der Rückbau der begradigten Flüsse, den das Ökosystem ist aus den Fugen geraten.

Es ist doch egal ob die Menschheit in 50 Jahren noch etwas zu Essen und Trinken hat - oder etwa doch nicht?

  • Antwort von AS, Dienstag, 03.April, 10:30 Uhr

    Ich gebe Ihnen recht.

    Ich denke an "unseren" Lebensmitteln arbeiten Konzerne wie u.a. Nestle, Monsanto/Bayer daran, diese irgendwann "künstlich/industriell" herzustellen, Begründung: die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung.

    Aber, wenn wir ordentlich mit dieser unserer Welt um gingen, könnte sie sicher (fast?) alle ernähren!
    Man muß nur mal sehen, was allein in D täglich weggeworfen wird, incl. Kückenschreddern!!! (Kücken sind Lebewesen nach Gottes Schöpfung erschaffen, die nach artgerechter Aufzucht schließlich auch verzehrt werden könnten!)
    Vollkommen gesundes Gemüse wird sofort weg geworfen, nur weil es einer künstlich festgelegeten EU-Norm nicht entspricht!

    Wasser können wir irgendwann dann bei Nestle und Co. kaufen.....

    Arme Menschheit!
    Warum schützten uns unsere sog. "Volksvertreter" nicht vor dieser Lebensmittelmafia?
    Soll das unsere Zukunft sein?

AS, Dienstag, 03.April, 08:37 Uhr

18. Gier und Profit oberstes Gut

Die menschliche Gier und das Streben nach Profit kennt in unserer Gesellschaft keine Grenzen mehr!
Weder Politik noch viele Verbraucher scheren sich um das Tierwohl, so sieht unser westliches, "CHRISTLICHES" Verhalten doch aus!
Gäbe es sonst auch diese Massentierqulanstalten?
Unsere Natur und unser Umwelt haben keinen Stellenwert mehr, siehe auch den Einsatz von Glyphosat.
CSU/CDU sollten endlich das "C" aus dem Parteinamen nehmen!

gustl, Montag, 02.April, 18:07 Uhr

17.

Auch bei der Tötung anderer Tiere sollte man genauer hinschauen.

doris d, Montag, 02.April, 17:10 Uhr

16. Beitrag #13 @Mickel

Rindfleischproduktion ist schlecht für Umwelt (Brandrodungen von Urwäldern - Gensoja, Methan). Aber bei regional produziertem Fleisch könnte ich mirs wieder vorstellen. Allerdings nur beim Metzger im Ort hier. Der schlachtet nämlich noch selber.

  • Antwort von Mickel, Montag, 02.April, 20:02 Uhr

    Wenn ich Rindfleisch und allgemein Fleisch kaufe dann sowieso Regional, wenn man auf Rindfleisch verzichtet müsste man konsequenter weise auch auf Milchprodukte verzichten weil es dort das selbe Problem gibt wie bei Hühnern. Nur weibliche Rinder geben Milch und dazu müssen die regelmäßig kalben und es sind dann eben auch nicht alle Kälber weiblich, die männlichen werden dann eben geschlachtet wenn se ausgewachsen sind.

Maria, Montag, 02.April, 14:08 Uhr

15. Basic-Bio-Supermärkte verkaufen nur noch Bruderhahn-Eier

In den Basic-Bio-Supermärkten in München stammt seit einiger Zeit das komplette Eiersortiment nur noch aus der "Bruderhahn"-Haltung, das heißt, wenn man beim Basic-Bio-Supermarkt egal welche Eier kauft, kann man sicher sein, daß die männlichen Küken mitaufgezogen werden. Ich kaufe meine Eier nur noch dort ein. Außerdem kann man bei Basic seit ein paar Monaten auch immer mehr Verpackungs-frei ohne unnötiges Plastik einkaufen, in dem man im Basic aus Vorratsbehältern sich z.B. Reis, Nüsse, Müsli, etc. selbst in der Menge in eigene Behälter abfüllt, die man benötigt, wie man es schon aus verpackungsfreien Läden wie dem "Ohne" - Laden in der Schellingstraße 42 in Schwabing kennt. Das geht auch an der Frischetheke mit Käse und Fleisch. Ich kaufe nur noch im Basis-Bio-Supermarkt ein, weil ich dort durch Bioqualität Pestizide und andere Ackergifte vermeide, weil ich immer plastifreier Einkaufen kann und weil ich "Bruderhahn"-Eier kaufen kann und so auch männliche Küken groß gezogen werden.

  • Antwort von Tina, Montag, 02.April, 15:19 Uhr

    Und wenn sie dann großgezogen sind?

  • Antwort von Bayerwaldfan, Montag, 02.April, 15:52 Uhr

    Prima, Maria, weiter so.

    Bedauerlicherweise ist den meisten Menschen in unserem Rundumversorgungsstaat das Bewusstsein zur eigenen Initiative weitgehend verloren gegangen.

    Viele Landwirte würden gerne tierfreundlicher arbeiten, wenn ihnen der Endverbraucher dieses Bemühen lohnen würden.

    Dass es sich ein Mensch mit geringem Einkommen oder Hartz-IV-Bezügen, nicht erlauben kann, teuere Produkte zu kaufen, weiß jeder.

    Aber wenn alle anderen Menschen, die genügend Geld ausgeben können, um sich etwas teuerere Lebensmittel zu kaufen, einen kleinen Teil in mehr Tierwohl investieren würden, wäre den Tieren wesentlich schneller und nachhaltiger geholfen, als wenn die Tiere auf entsprechende, politische Entscheidungen warten müssen.

    Selbst etwas ändern, ist immer besser, als auf die anderen zu warten.

    Deshalb finde ich es einfach nur gut, was Maria tut, wenn sie einkaufen geht.