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Treibhausgase heizen Klima an Klimakiller Rinderhaltung: Studie fordert weniger Fleisch- und Milchkonsum

Allein die fünf größten Fleisch-und Milchkonzerne der Welt stoßen inzwischen mehr Treibhausgase aus als der größte Ölkonzern Exxon-Mobil. Aber kann man die Branchen vergleichen? Und wie lässt sich dem Klimakiller Rinderhaltung gegensteuern?

Von: Ludwig Gruber

Stand: 23.07.2018

Die Landwirtschaft ist weltweit für fast ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Hauptursache dafür ist die Tierhaltung. Vor allem Rinder stoßen erhebliche Mengen Methan aus, dessen Treibhauseffekt etwa 25 Mal so stark ist wie der von Kohlendioxid. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die das US-amerikanische "Institute for Agriculture and Trade Policy" gemeinsam mit der Umweltorganisation "Grain" veröffentlicht hat.

Fleisch- und Milchkonzerne sind die größten Klimasünder

In der Studie haben Wissenschaftler die Treibhausbilanz der weltweit 35 größten Fleisch-und Milchkonzerne analysiert. Das Ergebnis: Die meisten Unternehmen veröffentlichen überhaupt keine Angaben zu ihrem Ausstoß an klimaschädlichen Gasen oder unterschätzen ihn. An der Spitze der Emittenten liegt JBS, diese brasilianische Aktiengesellschaft gilt als größter Fleischkonzern der Welt. Es folgen mit Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers drei nordamerikanische Unternehmen, auf Platz fünf liegt der neuseeländische Milchkonzern Fonterra. Mit im Boot der Klimasünder sind auch zwei deutsche Unternehmen. Das deutsche Milchkontor (DMK) mit Marken wie Humana und Milram belegt beim Ausstoß von Treibhausgasen Platz 21, der Fleischkonzern Tönnies mit Sitz im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück Platz 24.

Das Geschäft mit Fleisch und Milch wächst

Auf unserem Globus werden immer mehr Fleisch-und Milchprodukte gegessen. Vor allem in Ländern wie China steigt bei wachsendem Wohlstand die Nachfrage. Falls dieser Trend ungebremst anhält, könnte 2050 alleine das weltweit gehaltene Vieh 80 Prozent des Treibhausbudgets der Erde verbrauchen, heißt es in der Studie. Und die größten Fleisch-und Milchkonzerne würden in den nächsten Jahrzehnten die Ölkonzerne Exxon Mobil, Shell und BP zusammengerechnet als größte Klimasünder überholen. Allerdings gehen die Wissenschaftler bei dieser Prognose davon aus, dass die Ölbranche ihren Ausstoß an klimaschädlichen Gasen kontinuierlich senkt, entsprechend dem international angestrebten Ziel, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen.

Öl contra Rinder – ein gewagter Vergleich?

Den Treibhauseffekt der Rinderhaltung mit der Ölbranche zu vergleichen, ist spektakulär und erregt Aufmerksamkeit. Prof. Heinz Flessa vom Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig hat dabei allerdings Bauchschmerzen. Denn die Studie würde "Äpfel mit Birnen" vergleichen. Schließlich könne man im Interesse der Welternährung auf die Erzeugung von Milch und Fleisch nicht so einfach verzichten wie auf fossile Energieträger, die schrittweise durch erneuerbare Energien ersetzt werden könnten. Trotzdem betrachtet Flessa die Studie als seriös und sinnvoll:

"Man kann so einen Vergleich heranziehen, um auf die Bedeutung verschiedener Wirtschaftssektoren für die Klimaerwärmung aufmerksam zu machen. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Verursacher von Treibhausgasen und trägt damit zum weltweiten Klimaeffekt bei."
Prof. Heinz Flessa, Leiter des Instituts für Agrarklimaschutz

Und die Entwicklung, auch das zeige die Studie, sei durchaus beängstigend. Wenn man sich das Bevölkerungswachstum und die Entwicklung bei tierischen Produkten ansieht, dann sei davon auszugehen, dass die Emissionen noch ansteigen werden, weil pro Kopf mehr tierische Produkte nachgefragt werden. Die Gesamtemissionen aus der Landwirtschaft würden maßgeblich durch die Nutztierhaltung bestimmt, so Flessa.

Fleisch-und Milchkonzerne am Pranger

Die Riesen der Fleisch-und Milchbranche haben das Interesse, ihr globales Geschäft mit möglichst billigem Fleisch und billiger Milch weiter voranzutreiben. Das, so die Verfasser der Studie, ginge vor allem auf Kosten von klein-und mittelbäuerlichen Betrieben. In Europa und den USA, so der Vorwurf, würden den Landwirten unfaire Lieferbedingungen diktiert. Und in Ländern wie Brasilien, China, Indien oder Kenia würden kleine Viehhalter von ihrem Land vertrieben, um Platz für die Expansion großer industrieller Farmen zu schaffen.

Unabhängig von dieser Kritik bleibt die Frage, ob der rinderbasierte Treibhauseffekt ohne die großen Konzerne geringer wäre. Denn entscheidend für die Emissionen ist primär die Anzahl der weltweit gehaltenen Rinder. Ob das unter der Ägide großer Konzerne oder mittelständischer Betriebe geschieht, spielt im Prinzip keine Rolle.

Klimakiller Rinderhaltung – Wie kann man gegensteuern?

Unterm Strich empfiehlt die Studie, die Erzeugung und den Konsum von Fleisch-und Milchprodukten zu reduzieren, vor allem in den USA, der Europäischen Union, Australien, Brasilien und Neuseeland. Allein das würde zu einer spürbaren Minderung der Treibhausgas-Emissionen führen. Eine Empfehlung, die auch Prof. Heinz Flessa teilt:

"Dabei muss man sich zunächst an die eigene Nase fassen, denn die höchsten Verbrauchsraten bei tierischen Produkten hat man in den sehr stark entwickelten, reichen Ländern. Nehmen Sie Deutschland, wir verzehren im Mittel Pro-Kopf etwa 60 Kilogramm Fleischprodukte pro Jahr, das kann über 100 kg gehen, wenn sie in die USA sehen. Auf der anderen Seite, in Indien sind es vielleicht nur fünf Kilogramm. Zunächst müsste man also in den Ländern ans Mindern gehen, die einen überdurchschnittlich hohen Verzehr haben."
Prof. Heinz Flessa, Leiter des Instituts für Agrarklimaschutz

Klimaexperte fordert Obergrenzen für Treibhausgase

Zusätzlich plädiert der Klimaexperte für international vereinbarte, vertraglich fixierte Obergrenzen beim Ausstoß von Treibhausgasen, an die sich jedes Land halten muss. Dies würde dann auch die Treibhausgase aus der Rinderhaltung begrenzen, wobei natürlich Industrieländer ihren derzeit hohen Ausstoß stärker reduzieren müssten als arme Länder mit ohnehin schon niedrigen Emissionen. In der Konsequenz müssten die Landwirte in Deutschland bei der Produktion von Nahrungsmitteln an verschiedenen Stellschrauben drehen, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu verringern. Beispielsweise bei der Stickstoffdüngung und bei der Fütterung ihrer Tiere. Reicht das nicht aus, stellt sich für Prof. Heinz Flessa die zentrale Frage:  

"Brauchen wir nicht doch in Regionen, wo wir heftige Probleme haben durch intensive Viehhaltung, eventuell eine stärker flächenbezogene Tierproduktion in der Landwirtschaft? Weniger Tiere, dafür mehr Qualität in der Produktion. Wir haben aktuell auch eine intensive Diskussion über Tierwohl - also eher höhere Qualität in der Produktion, einen etwas höheren Preis, aber weniger Gesamtmasse."
Prof. Heinz Flessa, Leiter des Instituts für Agrarklimaschutz

Gut möglich, dass der dann höhere Preis die Verbraucher dazu bringt, weniger Fleisch zu essen. Nach der Devise: "Öfter mal Spinat statt Steak und Kartoffeln statt Käse" – das wäre dann genau das, was das "Institute for Agriculture and Trade Policy" in seiner Studie fordert und was dem Weltklima nutzt.


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Antonietta, Dienstag, 24.Juli, 08:01 Uhr

41. Vegan für die Umwelt, die Gesundheit und die Augen!

Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

1A_Landei, Montag, 23.Juli, 22:56 Uhr

40. Schlechtes Klimagewissen?

Nein! Und ich lasse mir von niemand auch nicht von einem Klimarexperten oder Grünfutterideologen mein Steak oder meinen Rinderschmorbraten verbieden oder madig machen. Und zu allem Überfluss ich fahre einen Benziner!

Elisabeth, Montag, 23.Juli, 22:52 Uhr

39. Krankmachende Entwicklungen

Manchmal möchte ich blöd sein , damit ich die Zusammenhänge nicht verstehe .!

  • Antwort von Casper , Dienstag, 24.Juli, 02:05 Uhr

    Keine Chance, das bedarf jahrelanger Übung, und man muss frühestmöglich damit anfangen. Ich lese häufig in der Zeitung darüber.

Landei, Montag, 23.Juli, 21:54 Uhr

38. Klimaexperte fodert

last´s bittschen aiern schmarrn dann is de Welt wieder in Ordnung!

Bayerwaldfan, Montag, 23.Juli, 21:35 Uhr

37. Öfter mal Spinat ..... dass ich nicht lache

Dem Grunde nach....hat der Herr Professor ja recht.
Aber das interessiert niemand.
Denn die ärmere Bevölkerung in den besagten Ländern, sieht "billiges Fleisch" als unverzichtbare Errungenschaft der Moderne, auf die man nicht verzichten möchte, so oft man sie sich leisten kann.
Wissenschaftler haben oft recht wenig Ahnung von der "Stimmung des Volkes", weil sie sich viel zu oft und zu lange in ihren Elfenbeintürmen aufhalten, anstatt sich unter das "gemeine Volk" zu mischen.
Alle großen Player im LEH benutzen ihre Billigfleischangebote, um Kunden in ihre Läden zu bekommen, denn wir genießen ja die freie Marktwirtschaft, ohne uns des Verbrechens bewusst zu sein, das wir den geschundenen Tieren, der Umwelt und letztendlich uns selbst antun.
Wirkliche Veränderungen kann nur die Politik herbeiführen.
Doch was wäre, wenn wir am nächsten Sonntag darüber abstimmen müssten, ob wir in Deutschland nur so viel Fleisch produzieren dürfen, wie wir in Deutschland auch essen?

  • Antwort von Helmut, Montag, 23.Juli, 23:12 Uhr

    "Wirkliche Veränderungen kann nur die Politik herbeiführen."
    Das schon. Aber "die Politik" muß dazu von uns Wählern auch gedrängt werden. Von Nix kommt nix.

  • Antwort von Casper , Dienstag, 24.Juli, 02:23 Uhr

    "Doch was wäre". Dasselbe wie immer: Zuerst läuft die eine Hälfte der Wähler schnappatmend los und ist dagegen, dann läuft die andere Hälfte und ist dafür. Dabei werden die üblichen Gehässigkeiten ausgetauscht. Solange jeder seine eigene Meinung als Evangelium ansieht, wird sich nichts ändern. Ein neuer Tag ein neues Glück, und es kann wieder eine neue... durch's Dorf getrieben werden. Und mein Geschwätz von gestern? What shalls?

  • Antwort von Blechmann13, Donnerstag, 26.Juli, 07:34 Uhr

    Solange die russischstämmigen 4-köpfigen Gartennachbarn meines Bekannten jedes Wochenende soviel Fleisch auf den Grill packen, dass es eigentlich auch als öffentlicher Verkaufsstand durchgehen würde, und die Produktions-, bzw. Verkaufskette dabei gut verdient (incl. der Staat!), dann wird sich daran auch nichts ändern.

    Zumal in einer freien EU-Handelszone und darüber hinaus, es keinen schert, wie und wo das Fleisch produziert und transportiert wird...

    mfg