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Armes Deutschland Kinder auf dem sozialen Abstellgleis

Bayern ist ein reiches Bundesland. Doch Kinder, die in Armut leben, trifft es hart. Ihnen bleibt etwas verwehrt, das aus der Armutsfalle führen kann: gleiche Bildungschancen mit Gleichaltrigen.

Von: Angela Neulinger

Stand: 07.05.2018

Armen Kinder in Bayern bleiben oft gleiche Bildungschancen mit Gleichaltrigen verwehrt. Beispiel Schweinfurt, eine der ältesten Städte Bayerns. Die Hafenstadt am Main ist die wichtigste Industriestadt in Nordbayern, gilt als Welthauptstadt der Kugellager-Produktion. Und dennoch gehört die Stadt auch in trauriger Hinsicht zu den Spitzenreitern: Fast jedes vierte Kind (23,4 Prozent) lebt hier in Armut. Was es heißt, als armes Kind in einem reichen Land aufzuwachsen, weiß Coco, die Tochter einer Alleinerziehenden, ganz genau. In ihrer Familie herrscht große Geldnot.

"Ich finde es schade, dass wenig Geld da ist, weil ich möchte gerne mit meinen Freunden ins Schwimmbad gehen und mal ins Kino oder einfach mal shoppen gehen. Ich bin richtig traurig. Ich hab keinen Spaß."

Coco, Tochter einer Alleinerziehenden

Alleinerziehende mit Hartz IV: Oft bleibt nur die Tütensuppe

Eva-Maria, Cocos 38-jährige Mutter, ist alleinerziehend und lebt seit Jahren von Hartz IV.

"Ich laufe gerne durch den Markt. Weil allein die Gerüche, die Frische von Obst und Gemüse. Das ist halt was ganz anderes wie in einem Discounterladen. Aber einkaufen tue ich hier nicht, weil es einfach zu teuer ist und mein Geldbeutel das nicht hergibt. Deswegen bleibt kucken übrig. Mehr als kucken ist leider nicht drin."

Eva-Maria, alleinerziehende Mutter

Coco hat noch einen zweijährigen Bruder und eine dreijährige Schwester. Ihre älteste Schwester ist bereits ausgezogen. Mutter Eva-Maria lebt von den Vätern ihrer vier Kinder getrennt. Ein weiteres Kind ist unterwegs. Mit viel Liebe versucht Eva-Maria ihren Kindern einen normalen Alltag zu ermöglichen. Doch das ist schwer, denn die schwangere Frau weiß oft nicht, wie sie über die Runden kommen soll, ohne am Abend auf Tütensuppen zurückzugreifen.

"Finanziell ist gar nichts mehr da. Also, das Geld ist jetzt schon komplett leer. Man muss halt mit dem auskommen, was man noch daheim hat, an Lebensmitteln und Getränken für die Kinder."

Eva-Maria, alleinerziehende Mutter

13,1 Prozent der Kinder in Bayern sind armutsgefährdet

Die beiden Kleinen bekommen unter der Woche ein Mittagessen in der Kita. Coco allerdings bekommt in ihrer Schule nichts.

"Essen ist sehr wenig, weil die Preise steigen immer höher und höher. Ich meine, wenn meine Geschwister nicht fertig essen, dann esse ich das immer leer. Das wäre ja schade das wegzuschmeißen, weil es gibt viele Leute, die haben nichts zum Essen und die leben auf der Straße."

Coco, Tochter einer Alleinerziehenden

13,1 Prozent der Kinder sind in Bayern armutsgefährdet. Menschen gelten als arm, wenn sie monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Bei einer Familie mit zwei Kindern entspricht das einem Nettoeinkommen von weniger als 2181 Euro im Monat.      

Besonders hoch ist die Gefahr, arm zu werden, bei Alleinerziehenden. Sie liegt hier bei etwa 40 Prozent. Kinder, die in Armut aufwachsen, haben ein deutlich höheres Krankheitsrisiko und weniger Bildungschancen.

"Wenn das Geld knapp wird, dann wird als erstes am Essen gespart"

Coco besucht die Förderschule. Ihre Mutter kann ihr in inhaltlichen Fragen nicht helfen. Für Nachhilfe fehlt das Geld. Meist geht Coco mit leerem Magen zum Unterricht. Und da ist sie in  Schweinfurt nicht die einzige. Ehrenamtliche Helferinnen der Schweinfurter Kindertafel bereiten jeden Schultag für 300 Kinder ein gesundes Frühstück zu. Stefan Labus, der Gründer der Tafel, ist ein erfolgreicher Unternehmer und seit 16 Jahren im Sozialausschuss der Stadt. Er kennt die Probleme armer Familien hier.

"Wenn das Geld knapp wird, dann wird als erstes am Essen gespart und das merken die Kinder auch. Es gibt viele Kinder, die dem Lehrer sagen: Mama hat noch geschlafen, wir haben im Kühlschrank nichts drinnen gehabt und gehen hungrig rein und betteln im Sekretariat. Also, das sind wirklich manchmal Zustände, die man heute überhaupt nicht versteht. Aber das ist die Wirklichkeit in Schweinfurt."

Stefan Labus, Schweinfurter Kindertafel

Kinder in Armut: kein Geld - keine Bildung. Und damit oft auch später keine Chance auf ein besseres Leben.


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