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Kein schöner Zug Die Bahn ist noch lange nicht barrierefrei

Die Bahn ist bis heute nicht barrierefrei nutzbar, obwohl bereits viele Stationen entsprechend ausgebaut wurden. Das Problem: Die neuen Bahnsteige passen nicht zu den alten Zügen. Und wer ins Ausland fährt, erlebt die nächste Überraschung.

Von: Barbara Weiß

Stand: 08.04.2018

Lücke zwischen Zug und Bahnsteig. | Bild: BR

Einfach die Freiheit! Mobilität trotz Rollstuhl. Nicht nur bei David Kruzolka, der von Geburt an im Rollstuhl sitzt, war die Freude groß, als im oberbayerischen Steinhöring 2014 der Bahnhof barrierefrei umgebaut wurde.Statt Stufen ermöglicht jetzt eine Rampe den Zugang zum Bahnsteig. Jede Stunde fährt ein Zug nach München. Und jede Stunde auch in die andere Richtung nach Wasserburg am Inn, wo Davids Freundin wohnt. Endlich mal alleine Renate besuchen, ohne Betreuer.

Am Bahnsteig die Ernüchterung: Trotz barrierefreiem Bahnhof kann der Rollstuhlfahrer ohne Hilfe nicht Bahn fahren. Denn die Züge, die Steinhöring mit Wasserburg am Inn und München verbinden, passen nicht zum Bahnsteig. Eine Lücke klafft zwischen Bahnsteigkante und Zug. Und die Züge der Südostbayernbahn haben zudem Stufen beim Einstieg. "Das macht mich jedes Mal traurig, wenn ich meine Freundin zum Bahnhof bringe und sie kann einsteigen und ich nicht", sagt David Kruzolka

"Dabei möchte Deutschland in der Mobilität ein Vorreiter sein von Inklusion. Inklusion, Inklusion - ich kann es gar nicht mehr hören."

David Kruzolka, Rollstuhlfahrer

Fehlende Barrierefreiheit: Um Hilfe bitten ist keine Inklusion

Rollstuhlfahrer David Kruzolka würde gerne selbständig seine Freundin Renate besuchen

Das betrifft nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch alle Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, mit Rollatoren, mit Kinderwägen oder auch mit Gips. Sicher, wenn man am Bahnsteig fragen würde, würde einem bestimmt jemand helfen. Wenn jemand da ist, der Kraft hat. Ein Rollstuhl ist aber enorm schwer. Wenn man aber auf Hilfe von anderen angewiesen ist, wenn man um Hilfe bitten muss, hat das nichts mit der vielbeschworenen Inklusion zu tun. Denn Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört und überall dabei sein kann: am Arbeitsplatz, beim Wohnen oder eben auch im öffentlichen Nahverkehr. 

Mit rund 680 Millionen Euro will die Bahn 2018 das bayerische Schienennetz auf Vordermann bringen. Gleise, Weichen, Brücken. Zusätzlich werden rund 340 Millionen Euro – Mittel von Bund, Land und Kommunen – für die Modernisierung der Bahnhöfe investiert. In Würzburg ist der Bahnhof jetzt gerade barrierefrei umgebaut worden. Furth im Wald, Schweinfurt und Straubing sollen noch in diesem Jahr folgen.

Hürdenlauf: Unterschiedliche Bahnsteighöhen in Europa

Besonders groß ist das Problem in ländlichen Gebieten und an kleinen Bahnhöfen mit vergleichsweise wenig Fahrgästen. In Sachen Barrierefreiheit, sagt Dirk Flege von der Allianz Pro Schiene, sei Bayern unter dem Bundesdurchschnitt. Nur 75 Prozent der Bahnhöfe sind stufenfrei lediglich 40 Prozent der Stationen sind barrierefrei.

Ein Hürdenlauf schon in Deutschland. Von Europa ganz zu schweigen. Und Inklusion sollte ja möglichst nicht an der Grenze  enden. Die Realität aber ist, dass Deutschland derzeit versucht, die Bahnsteighöhen auf 76 cm zu vereinheitlichen, während Nachbarstaaten wie Tschechien, Schweiz und Österreich viel niedrigere Bahnsteighöhen von 55 cm haben. "Das heißt, der grenzüberschreitende Verkehr ist dann für mobilitätseingeschränkte Personen nicht mehr möglich", stellt Flege von der Allianz Pro Schiene fest.


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Alfred Haas, Sonntag, 08.April, 19:24 Uhr

7. Da kann man schon viele Ansichten verteten

Zuerst zur Antwort zu Kommentar 3.
Wir sind als Kinder (unter 10 jahren) von Passau-Auerbach (südlich der Donau) im Sommer zur Geisach (nördlich der Donau) zum Baden gefahren. Und wir haben unsere Räder über die Schleusen des Kachlet die Treppen rauf und runter getragen. Das Bißchen über die Bahnsteigtreppen wird da wohl auch Frau schaffen.

Die Frage der Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen oder Rollatoren ist eine Zeit und Geldfrage. Irgend jemand muß das bezahlen und frau kann nicht alles mit fingerschnipsel umsetzen (wobei ich dabei eigentlich nie Frauen sehe).
In meiner Zeit in NRW wurde von einer ex-Großstadt überlegt, die einzige S-Bahnstadtion (neben dem HBF) mit zwei Fahrstühlen und einer langen Brücke zu versehen - die deutlichen 2-stelligen Millionen wurden von der Bezirksregierung kassiert. Der kostenlose Taxi-Transport zu HBF bzw. zur nächsten S-Bahnstation war billiger, als die jährliche Unterhaltskosten.

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gerhard anton, Sonntag, 08.April, 18:39 Uhr

6. DB AG barrierefrei?

Alles glaub ich, nur das nicht! Die höchste Barriere sind unsere jeweiligen Verkehrsminister und die diversen Bahnvorstände/DB Manager. Als Pendler im Großraum München mit tagtäglicher S-Bahn Hin- und Rückreise zum Arbeitsplatz kann ich ein langes Klagelied singen. Und in den übrigen Regionen diese Freistaates, da schaut es doch noch viel schlechter aus. Auf den BAB in Bayern ist der Notstand ausgebrochen. Zu viel LKW Güterschwerverkehr weil es diese Unfähigen von der Transportbehörde DB AG nicht schaffen, den Güterschwerverkehr auf die Schiene zu holen. Dafür werden Großprojekte Berlin-München gefeiert bis zum Abwinken. Aber diese Verbindung brauche ich vielleicht einmal im Leben?! Solche Verbindungen braucht nur die Beratungsindustrie, die smarten Einflüsterer unserer politischen Eliten und Entscheidungsträger.

Leo Bronstein, Sonntag, 08.April, 13:41 Uhr

5. Nur ein absolut unvollständiger Extrakt.

Selbst wenn sich die Bahnsteige und die Eingänge zu den Bahnen auf halbwegs selber Höhe befinden sind
- die "Spaltmaße" zwischen Bahnsteig und und Wagon weiterhin abenteuerlich groß,
- die Möglichkeit sich im Wagon mit Rollstuhl zu bewegen meistens viel zu eng,
- die Bereiche, wo Rollstühle im Wagon "geparkt" werden können viel zu klein,
- die Wege, auch wenn es sich sich um schiefe Ebenen handelt, viel zu steil,
- haben die Aufzüge bis zu den Bahnsteigen den Charakter, vom "Duft", wie öffentliche Bedürfnisanstalten,
- sind die meisten Bahnsteige ausschließlich von einer Seite zu erreichen,
- sind sämtliche Hinweise nur mit stark nach oben gestreckten Kopf wahrzunehmen,
- können sämtliche Fahrkartenautomaten nur seitlich angefahren erreichbar, oder wenn Beine vorher abgesägt werden u.
- nur mit nach dem Prinzip reck und streck deine Arme maximal zu bedienen,
- sind bereits die Wege bis zu den Stationen mehr als abenteuerlich, selbst bei abgesenkten Bürgersteigen,
- ..

Müller, Sonntag, 08.April, 12:23 Uhr

4. EU

Das wäre für die vielbeschworene Europäische Union mal ein wichtigeres Thema als Bananen- oder Gurkenkrümmmungsgrade !

Georg, Sonntag, 08.April, 12:14 Uhr

3. Bahnhof Pleinfeld

Ganz schlimm ist der Bahnhof Pleinfeld in Mittelfranken. Das ist die Haltestelle für das Naherholungsgebiet Brombachsee,
Wer hier mit dem Fahrrad oder dem Kinderwagen unterwegs ist, muss mehrfach steile, lange Treppen mit vielen engen Stufen steigen. Auch der Bahnsteig ist niedrig und die Nahverkehrszüge haben selbst nochmals mehrere Stufen, bevor man drin ist. Ein Alptraum! Warum werden solche Bahnstationen, die für den Tourismus wichtig sind und wo viele Leute mit Fahrrädern anreisen, nicht bevorzugt barrierefrei ausgebaut? Warum erkennt die Bahn nicht die Bedeutung des Bahnhofs am Brombachsee???

  • Antwort von T3fan, Sonntag, 08.April, 17:54 Uhr

    Weißenburg ist noch viel schlimmer: Noch längere Treppen und keine Rinnen um die Fahrräder zu schieben. Aber immerhin haben sie ein "Behindertencafe", nachdem sie unsere Susi vertrieben haben.