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Kirche zur Flüchtlingspolitik Kardinal Marx kritisiert Seehofer und Söder im Asylstreit

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, warnt vor einer Rechtsdrift der Volksparteien. Zugleich kritisiert er die Wortwahl von CSU-Chef Seehofer und Ministerpräsident Söder im Asylstreit. Und: Marx sagt im Gespräch mit der "Zeit" auch: "Nationalist sein und katholisch sein, das geht nicht."

Stand: 18.07.2018

Kardinal Reinhard Marx | Bild: picture-alliance/dpa

"Nationalist sein und katholisch sein, das geht nicht" - mit diesen Worten hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, Populismus und Nationalismus eine Absage erteilt. Er plädiert im Interview mit der Wochenzeitung "Zeit" außerdem für ein Einwanderungsgesetz.

Marx kritisiert Rechtsruck

Die katholische Kirche denke seit den 1960er und 1970er Jahren stärker in globalen Maßstäben und sehe sich in der Verantwortung "für die eine Welt, auch als Folge unseres sozialen Engagements in vielen Ländern".

Zu den jüngsten politischen Streitigkeiten rund um das Thema Asyl äußerte sich der Münchner Erzbischof besorgt. "In Deutschland wie in der Welt spüren wir, dass vielleicht doch eine Epoche zu Ende geht", sagte er. Den Volksparteien stelle sich die Frage, ob sie noch "die ganze Spannbreite" abdecken könnten: "von wertorientierten grünen Haltungen bis zu rechtskonservativen, aber eben nicht rechtsradikalen Positionen". Dies sei keine einfache Aufgabe. Aber, so Marx: "Zu meinen, wir wandern am besten alle nach rechts, weil der Zeitgeist nach rechts wandert - das halte ich für eine falsche Einschätzung einer sehr komplexen Lage."

Kritik an Söders "Asyltourismus" und Seehofers "69 Abschiebungen"

Im Bezug auf die CSU sagte Marx: "Eine Partei, die sich für das C im Namen entschieden hat, geht eine Verpflichtung ein - im Sinne der christlichen Soziallehre besonders in der Haltung gegenüber den Armen und Schwachen." Etwa mit dem Begriff "Asyltourismus", den zuerst der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gebraucht hatte, könne er nichts anfangen, so Marx: "Das klingt, als wären da Leute unterwegs in den Ferien. Viele riskieren ihr Leben, viele sterben auf dem Weg."

Ebenso findet es Marx - so sagt er - "höchst unangemessen", dass Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) seinen 69. Geburtstag mit 69 Abschiebungen am selben Tag in Verbindung gebracht hatte. Dies habe zu Recht viele empört.

Kardinal fordert Einwanderungsgesetz

Kardinal Reinhard Marx forderte zudem eine differenzierte Debatte über ein Einwanderungsgesetz: "Es wäre aber keine Perspektive für eine gerechte Welt, wenn wir damit einfach Ingenieure und IT-Spezialisten aus anderen Ländern 'abschöpfen' wollten", sagte der Erzbischof von München und Freising der Wochenzeitung. Fragen der "Entwicklungspolitik, von Teilhabe und Chancengerechtigkeit müssten eng verzahnt sein mit dem Thema der Einwanderung", sagte Marx.

Marx: Mangel an Empathie

Die Koalition wäre in der Lage, "die große Aufgabe anzugehen und ein Einwanderungsgesetz zu erlassen, das den Namen verdient und das die Fluchtursachen im Blick hat", fügte Marx hinzu. "Wir haben uns viel zu lange nicht klargemacht, dass wir ein Einwanderungsland sind", betonte der Theologe.

Generell vermisst in der Flüchtlingsdebatte insgesamt einen "Mangel an Empathie". Es gehe oft nur noch um Zahlen und eine diffuse anonyme Bedrohung. Die Rückführung von Menschen, die kein Asyl bekommen, könne notwendig sein, "aber auch für sie tragen wir Verantwortung, das fängt mit der Sprache an. Wir sprechen von Menschen, von denen jeder die gleiche Würde hat wie wir". "Dass weite Teile der Gesellschaft verbal radikaler werden, sehe ich mit Sorge", sagte Marx: "Dadurch erscheinen Menschen auf der Flucht und vor unseren Grenzen als Bedrohung unseres Wohlstandes, die wir abwehren müssen."


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Josef, Samstag, 21.Juli, 15:09 Uhr

23. Danke Kardinal Marks

Als CSU-Mitglied über 40 Jahre sehe ich uns auch sprachlich auf einem Tiefpunkt. Meint man doch, dass sich die Kirchen geggen den Nationalsozialismus zu wenig gewehrt hätten. Danke für Ihr Eintreten für Wehrlose und die Verrohung der Sprache. Wer hat denn bisher wirklich Opfer bringen müssen? Zur Hilfsbereitschaft gegenseitig zu ermutigen wäre meine Empfehlung statt egoistischem Nationalismus. Viele Heimatvertriebene habe nach dem Krieg gerade auch in Bayern echte Hilfsbereitschaft erlebt - ohne damals die heutige Stimmung verspüren zu müssen. Und Bayern war damals nicht reich!

Bernhard Völkl, Freitag, 20.Juli, 13:49 Uhr

22. Kardinal Marx und Landesbischof Bedfort-Strohm

Wer wie Marx und Bedfort-Strohm vor lauter verlogener Ehrerbietung vor dem Islam sein Brust-Kreuz versteckt, hat das Recht, sich bekennender Christ zu nennen, restlos verwirkt.

Helmut, Donnerstag, 19.Juli, 16:25 Uhr

21. Kirchenkritik

Mein Dank an Kardinal Marx für seine klaren Worte.
Viele Kommentare dazu lassen schließen, daß die AfD neben dem Islam ein neues Feindbild gefunden hat.

Deutschamerikaner , Donnerstag, 19.Juli, 12:13 Uhr

20. Wir haben 27 Millionen Nettozahler

von denen 15 Millionen wirklich ernsthaft Steuern zahlen. Ein Familiennachzug bedeutet zu ca. 1,5 Millionen Asylbewerbern zusätzlich 2,5 Millionaen Menschen. Die Schultern des deutschen Mittelstandes möchte ich haben!

Stephania, Donnerstag, 19.Juli, 09:43 Uhr

19. Nationalist oder Christ

Tja Herr Marx - daher bin ich schon vor 38 Jahren aus der Kirche aus getreten.